Bereits seit einigen Jahren wirbt Ärzte ohne Grenzen in der Öffentlichkeit erfolgreich um freie Spenden und erhält im Jahresdurchschnitt mehr als 90 Prozent dieser freien Spenden. Bei Katastrophen hingegen, die eine sehr hohe mediale Aufmerksamkeit erfahren, kehrt sich das Verhältnis von freien zu zweckgebundenen Spenden um. Etwa 80 Prozent aller Spenden für Ärzte ohne Grenzen sind dann mit einem Stichwort versehen. Diese Spenden binden uns rechtlich und moralisch, das Geld dem Zweck entsprechend zu verwenden. Im Januar 2005 haben wir aus diesem Grund erstmals die Öffentlichkeit ausdrücklich gebeten, uns keine zweckgebundenen Tsunami-Spenden mehr zukommen zu lassen.
Zur Erläuterung: Unser Projektbudget für die medizinische Nothilfe in der Tsunamiregion für 2004/2005 lag bei rund 25 Millionen Euro, die Höhe der eingegangenen Stichwortspenden im internationalen Netzwerk von Ärzte ohne Grenzen bei rund 110 Millionen. Wir haben daraufhin unsere Spender um die Freistellung der Stichwortspenden gebeten. Dieser Bitte haben 99 Prozent unserer Spender entsprochen. Die frei gewordenen Gelder ermöglichten unseren schnellen Einsatz zum Beispiel während der Ernährungskrise in Niger oder nach dem Erdbeben in Pakistan.
Ärzte ohne Grenzen wird die Spendenwerbung in Zukunft noch stärker darauf ausrichten, einen möglichst hohen Anteil an freien Spenden zu erhalten, um Freistellungsaktionen im großen Stil wie nach dem Tsunami zu vermeiden. Ziel ist es, auch bei Katastrophen mit hoher Medienberichterstattung und hohem Spendenaufkommen eine verwaltungstechnisch unaufwändige Projektfinanzierung zu gewährleisten. Diese soll sich am Bedarf der Menschen in Not und nicht am zweckgebundenen Spendenaufkommen ausrichten.
Ärzte ohne Grenzen ist eine medizinische Nothilfeorganisation. Wir helfen nach Naturkatastrophen und bei gewaltsamen Konflikten, wenn die medizinische Infrastruktur zusammengebrochen ist. Unsere Arbeit ist dann beendet, wenn staatliche oder private Institutionen / Organisationen (wieder) handlungsfähig sind. Wir beteiligen uns nicht am jahrelangen Wiederaufbau. Ob Ärzte ohne Grenzen ein Projekt startet, hängt vom Bedarf vor Ort ab. Die Not und die Bedürfnisse der Menschen sind unser Gradmesser für den Beginn unserer Arbeit in zurzeit rund 70 Ländern.