Seit längerer Zeit spende ich für Ihre Organisation, wobei der Betrag jährlich einmal von meinem Konto abgebucht wird.
Aus gegebenem Anlaß möchte ich meine Spendentätigkeit hiermit beenden. Anlaß ist Ihre Broschüre Jeder kann helfen (gemeint ist das Akut, A.d.R.) und hier speziell Ihr Beitrag Kleines 1x1 des Spendens/Ethik des Fundraisings. Dort schreiben Sie, dass Sie keine Spenden von Einrichtungen, Firmen etc annehmen, deren "Handeln mit unseren Zielen im Widerspruch stehen" und erwähnen die Pharmaindustrie in einem Atemzug mit der Tabak- und Rüstungsindustrie.
Es wundert mich, dass ich gerade Sie darauf hinweisen muß, dass es nun einmal ausschließlich die Pharmaindustrie ist, die jene Medikamente erforscht, herstellt und vertreibt, mit denen Organisationen wie "Ärzte ohne Grenzen" Menschen in Krisengebieten helfen.
Vielleicht ist es Ihnen entgangen, aber auch in der Pharmaindustrie arbeiten Menschen, die - wie Sie - dem Wohl anderer verpflichtet sind und auf vielfältige Weise helfen und dies in allen Bereichen des Unternehmens, vom Arbeiter bis zum Vorstand. Als leitender Mitarbeiter einer global agierenden Pharmafirma habe ich regelmäßig größere Medikamentenspenden in Entwicklungsländer vermittelt. Unsere Firma beliefert Afrika mit großen Mengen eines spezifisch dort benötigten Arzneimittelstoffs - kostenlos und ohne Werbemaßnahmen. Mitarbeiter aus Forschung, Produktion und Vertrieb organisieren LKW-Transporte in Krisengebiete, sie sind mit ganzem Herzen dabei und bringen Ihre Freizeit ein. Dies sind nur einige Beispiele unseres Engagements.
Unsere Unternehmen in einem Bund mit denen genannt zu wissen, die Waffen oder Zigaretten herstellen, ist perfide, geradezu infam. Die Irrationalität Ihrer Äußerung macht alle, die helfen, wütend. Denn: Wer anders als die forschende Pharmaindustrie liefert denn die Antibiotika, Dialysepräparate etc., die Ihre Mitarbeiter benötigen? Wenn die Organisation "Ärzte ohne Grenzen" ihre "Ethik" mit derart pseudo-linken, populistisch-schicken Argumenten stützt, kann ich mich mit Ihrem Handeln nicht identifizieren.
Und nochmal: unterwandern Sie mit dieser Argumentation nicht auch die Arbeit Ihrer Mitarbeiter vor Ort? Wie soll denn ein Arzt in Afrika helfen, wenn ihm kein Medikament zur Verfügung steht und die Industrie verleumdet wird, die dieses herstellt?
Aus diesen Gründen kündige ich hiermit meinen Abbuchungsauftrag. Anstatt meinen Beitrag zu erhöhen, was ich eigentlich vorhatte, werde ich mir einen anderen Weg suchen, bedürftigen Menschen medizinisch zu helfen.
Dr. Thomas Schreckenbach, Mühltal
Wir bedauern sehr, dass wir Sie als Unterstützer unserer Arbeit verlieren. Zugleich danke ich Ihnen für Ihre ausführliche Stellungnahme.
Ärzte ohne Grenzen hat, wie in der Ethik-Serie von Akut ausgeführt, sehr strenge Kriterien im Umgang mit Unternehmensspenden. Die Pharmaindustrie schließen wir grundsätzlich als Spender aus, obgleich deren Produkte - wie Sie vollkommen zurecht bemerken - eine wichtige Grundlage unserer Arbeit bilden.
Unsere Mitarbeiter müssen unabhängig von wirtschaftlichen und politischen Interessen agieren können. Spenden von Unternehmen anzunehmen, deren Handeln - wenn auch manchmal nur in Teilen - mit unseren Zielen in Widerspruch steht, schränkt uns in dieser Unabhängigkeit ein. Ärzte ohne Grenzen fordert seit langem von der Pharmaindustrie, sich einem Generika-Wettbewerb und damit kostengünstigeren Medikamenten nicht in den Weg zu stellen. Diese Forderungen und unsere Kritik können wir nur glaubwürdig aufstellen, wenn wir in allen Belangen unabhängig von der Pharmaindustrie bleiben.
Wir machen uns solche Entscheidungen nicht leicht, da dies immer auch bedeutet, auf Spenden zu verzichten, mit denen wir Menschen helfen könnten. Wir sind jedoch überzeugt, dass wir langfristig mit erfolgreichen Forderungen mehr Menschen helfen können.
Es ist allerdings in der Tat problematisch, die Pharmaindustrie in einem Zug mit der Tabak- und Rüstungsindustrie zu nennen. Wir danken Ihnen für diesen Hinweis und bemühen uns, dies in Zukunft zu vermeiden. Allerdings möchten wir in diesem Zusammenhang noch einmal betonen, dass in unserer täglichen Projektarbeit die negativen Auswirkungen einer profitorientierten Pharmaindustrie stark spürbar sind.
Annette Roller, Ärzte ohne Grenzen
Ihr Artikel "Ethik im Fundraising (3)" in der Info-Zeitschrift war für mich ganz wichtig. Ihre darin ausgedrückten Leitlinien und die damit verbundene Haltung bestärken mich darin, dass meine Spenden meinen eigenen Wünschen gemäß verwendet werden.
Ich kann mir vorstellen, wie schwierig es ist, nein zu sagen, wenn auf der anderen Seite Geld winkt. Aber gerade Ihre klare Haltung hat eine ganz große Wirkung, auch wenn dies nicht gleich erkennbar ist. Auf eine ethisch begründete Haltung zu treffen, macht nachdenklich und wirkt unmerklich weiter.
Ich wünsche Ihnen alles Gute für Ihre Arbeit, die so viel bewirkt.
Helmut Stierle, Aspach