Pressemitteilung

Turkmenistan: Ärzte ohne Grenzen schließt Programm nach zehn Jahren - Trotz dringender Not beendet letzte verbleibende Hilfsorganisation ihre Aktivitäten

Berlin/Ashgabat, 17. Dezember 2009. Die internationale humanitäre Organisation Ärzte ohne Grenzen beendet nach zehn Jahren die Arbeit in Turkmenistan. "Die medizinischen Bedürfnisse sind in Turkmenistan noch immer groß, und es gibt einen guten Grund für uns, dort zu arbeiten. Unsere Projektvorschläge wurden aber wiederholt abgelehnt, so dass wir keine andere Wahl haben, als das Land zu verlassen", sagte Frank Dörner, Geschäftsführer bei Ärzte ohne Grenzen. "Wir hatten gehofft, der turkmenischen Bevölkerung helfen zu können, die einem hohen Maß an multiresistenter Tuberkulose ausgesetzt ist, aber noch immer keinen Zugang zu einer effektiven Behandlung hat."
Turkmenistan hat, wie auch die anderen Regionen Zentralasiens, eine hohe Tuberkuloserate. Die Entstehung und zunehmende Übertragung der multiresistenten TB (MDR-TB) ist besonders besorgniserregend. Mehr als 20 Prozent der kürzlich diagnostizierten TB-Patienten und 33 Prozent derer, bei denen die bisherige Behandlung fehlgeschlagen ist, haben MDR-TB. Dies besagen Angaben aus dem Antrag des turkmenischen Gesundheitsministeriums an den Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria.

"Wenn diese Angaben richtig sind, weist die Rate der Resistenzen auf eine alarmierende Situation hin", sagte Christoph Hippchen, ehemaliger Landeskoordinator für Ärzte ohne Genzen in Turkmenistan. "Wir fordern die turkmenische Regierung daher auf, die Notwendigkeit für eine umfassende TB- und MDR-TB-Behandlung anzuerkennen. Denn gemäß der nationalen Strategie würden die ersten Patienten erst im Jahr 2013 effektiv behandelt werden. Die Menschen sterben aber bereits heute."

Ärzte ohne Grenzen hat dem Gesundheitsministerium angeboten, umgehend ein gemeinsames MDR-TB-Programm zu starten und damit die Einführung eines landesweiten Programms zu beschleunigen. Das Gesundheitsministerium hat zwei Vorschläge von Ärzte ohne Grenzen für eine Zusammenarbeit abgelehnt. "Enttäuschend ist, dass der stellvertretende Vorsitzende des Ministerkabinetts Saparliev uns gebeten hatte, die turkmenische Regierung bei der Einführung qualitativer Hilfe für MDR-TB-Patienten zu unterstützen, die Diskussionen aber wieder einmal auf Ebene des Gesundheitsministeriums blockiert wurden", sagte Hippchen.

Mit Einstellung der Arbeit von Ärzte ohne Grenzen verliert Turkmenistan die letzte im Land tätige internationale Hilfsorganisation. Ärzte ohne Grenzen ruft die turkmenische Regierung dazu auf, zum Wohle ihrer Bevölkerung die Einführung einer qualitativen TB/MDR-TB-Behandlung zu beschleunigen, sowie das Ausmaß und die Dringlichkeit der TB-Krise anzuerkennen. Außerdem sollten die Weltgesundheitsorganisation und der Globale Fonds die Gesundheitskrise in Turkmenistan nicht länger ignorieren. Ärzte ohne Grenzen verpflichtet sich weiterhin, die turkmenische Regierung bei der Behandlung zu unterstützen und steht für weitere Verhandlungen zur Verfügung.

Ärzte ohne Grenzen arbeitet seit dem Jahr 1999 in Turkmenistan und hat damals internationale Standards für die TB-Behandlung eingeführt. Die Organisation hat in den vergangenen fünf Jahren im Distriktkrankenhaus in der Stadt Magdanly im Osten des Landes gearbeitet und bis zur Schließung im September 2009 die Qualität der Pädiatrie und Geburtsmedizin verbessert.

Aids
acquired immune deficiency syndrome: erworbenes Immunmangelsyndrom
Malaria
Häufigste Tropenkrankheit, die durch die weibliche Anopheles-Mücke übertragen wird. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erkranken jährlich rund 225 Millionen Menschen an Malaria, annähernd eine Million Menschen sterben daran. Ärzte ohne Grenzen hat 2010 begonnen, bei schweren Erkrankungen die intravenöse Behandlung auf das neue Medikament Artesunat umzustellen und setzt sich für die weltweite Anwendung dieser Behandlung ein.
Resistenz
Eingeschränkte oder fehlende Sensitivität von Krankheitserregern gegenüber Medikamenten, die dadurch ihre Wirksamkeit verlieren. Resistenzen bilden sich, wenn Medikamente nicht vorschriftsmäßig oder über sehr lange Zeiträume eingenommen werden. Multimedikamentenresistente und extrem multimedikamentenresistente Formen einer Erkrankung sind besonders schwer oder gar nicht mehr behandelbar, zum Beispiel bei Tuberkulose.
Tuberkulose
Etwa neun Millionen Menschen erkranken jährlich an Tuberkulose (TB). Viele von ihnen sind HIV-Infizierte mit schwachem Immunsystem (sog. Koinfektion). Die Krankheit betrifft vor allem die Lunge, mitunter aber auch andere Organe wie Nieren, Hirnhäute oder Lymphknoten. Eine effektive Behandlung ist möglich, aber langwierig und aufwendig. Ärzte ohne Grenzen nutzt ab 2011 ein neues Diagnose-Gerät, das die Krankheit schneller und sicherer diagnostiziert sowie eine Form der multimedikamentenresistenten-TB erkennt. In solchen Fällen sind die Krankheitserreger gegen die wichtigsten Medikamente resistent und die Patienten müssen zwei Jahre lang täglich Medikamente mit starken Nebenwirkungen einnehmen.

 

Interviews mit Christoph Hippchen und Frank Dörner und weitere Informationen:

 

 


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Christiane Winje
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Fotos: Barbara Sigge


Länderinformationen

Turkmenistan
Turkmenistan
Fläche:488 100 km²
Einwohner:5,028 Mio. Einw.
Ärzte pro 1000 Einwohner:Ärzte: 4,2/1000 Einw.
Säuglings-
sterblichkeit:
81/1000 Geb.
Lebenserwartung (Männer):59 J.
Lebenserwartung (Frauen):67 J.