Myanmar

Humanitäre Notlage im Bundesstaat Rakhine – Ärzte ohne Grenzen fordert besseren Schutz für gefährdete Bevölkerungsgruppen und humanitäre Helfer

Yangon/Berlin, 7. Februar 2013. Auch acht Monate nach den tödlichen Auseinandersetzungen im Bundesstaat Rakhine in Myanmar haben Zehntausende Menschen immer noch keinen Zugang zu dringend benötigter medizinischer Versorgung, berichtet die internationale Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen. Die Organisation fordert die Behörden und die Gemeinde-Verantwortlichen auf, sicherzustellen, dass alle Menschen in Rakhine ohne Angst vor Gewalt, Missbrauch und Drangsalierung leben können und humanitäre Organisationen jenen helfen dürfen, die am meisten auf Hilfe angewiesen sind.

Gemeinden und Dorfgemeinschaften, die früher Seite an Seite lebten, sind seit den gewaltsamen Auseinandersetzungen im vergangenen Juni und Oktober tief gespalten. Tausende leben in behelfsmäßigen Unterkünften, abgeschnitten von einer Gesundheitsversorgung und ohne Zugang zu sauberem Trinkwasser. Nach offiziellen Schätzungen gehört die überwiegende Mehrheit der Vertriebenen einer muslimischen Minderheit an, die als Rohingya bekannt sind. „Die dringendsten medizinischen Bedürfnisse haben wir bei den Menschen festgestellt, die in den provisorischen Lagern in Reisfeldern oder an anderen überfüllten Orten leben“, sagt Arjan Hehenkamp, Geschäftsführer von Ärzte ohne Grenzen in Amsterdam. „Die anhaltende Unsicherheit, wiederholte Drohungen und Einschüchterungen, durch eine kleine jedoch lautstarke Gruppe in Rakhine, haben unsere Möglichkeiten, lebensrettende medizinische Versorgung zu leisten, ernsthaft beeinflusst.“

Vertriebene berichten Ärzte ohne Grenzen, wie hart das Leben in den Lagern ist: „Wir machen uns große Sorgen um unsere Frauen, mehr als 200 in unserem Lager sind schwanger. Für die Geburt können sie nicht in ein Gesundheitszentrum gehen und müssen hier entbinden, im Schlamm und ohne Arzt“, berichtet ein Mann in einem Vertriebenenlager im Pauktaw Township in Rakhine. Die häufigsten Beschwerden, die bei den mehr als 10.000 medizinischen Behandlungen in den Lagern seit Oktober festgestellt wurden, sind Hautinfektionen, Wurmbefall, chronischer Husten und Durchfallerkrankungen. Die Mangelernährungsraten schwanken, doch in mehreren Lagern haben Schnellerhebungen von Ärzte ohne Grenzen alarmierende Zahlen akut mangelernährter Kinder gezeigt. Sauberes Wasser ist zwar oft vorhanden, doch wird den Vertriebenen mitunter der Zugang dazu verweigert. „Die einzige Trinkwasserstelle müssen wir mit dem Vieh eines nahe gelegenen Dorfes teilen. Fünf Minuten entfernt liegt ein Teich mit kristallklarem Wasser. Wir wagen es nicht, dorthin zu gehen“, berichtet ein Mann in einem Vertriebenenlager im Pauktaw Township.

Währenddessen sehen sich die medizinischen Teams von Ärzte ohne Grenzen anhaltenden Drohungen und Anfeindungen ausgesetzt. In Flugblättern, Briefen und Facebook-Postings wurde Ärzte ohne Grenzen und anderen in Rakhine wiederholt vorgeworfen, auf der Seite der Rohingya zu stehen. Diese Einschüchterung stellt für die Organisation die größte Herausforderung dar. Allerdings könnten die Behörden mehr tun, um klarzustellen, dass die Gewaltandrohung gegenüber dem Gesundheitspersonal inakzeptabel ist. „Unsere Erklärungen, dass Ärzte ohne Grenzen einzig und allein versucht, jenen medizinische Hilfe zu bieten, die diese am dringendsten brauchen, sind nicht ausreichend, um den Anschuldigungen zuvorzukommen“, betont Hehenkamp. „Wir fordern die Verantwortlichen auf, den Drohungen und Einschüchterungen entgegenzuwirken, so dass die humanitäre Hilfe jene erreichen kann, die dringend darauf angewiesen sind.“

Ärzte ohne Grenzen hat in den vergangenen Jahrzehnten Millionen Menschen weltweit eine medizinische Versorgung geboten, ungeachtet ihrer ethnischen Herkunft – auch in Myanmar. In Myanmar bietet Ärzte ohne Grenzen mehr als 26.000 Menschen lebensrettende antiretrovirale Therapien gegen HIV/Aids und gehörte zu den ersten Hilfsorganisationen, die nach den Zyklonen Nargis und Giri medizinische Nothilfe bot, Hilfsgüter verteilte und Wasserquellen für Zehntausende Menschen reinigte. In Rakhine ist Ärzte ohne Grenzen seit zwanzig Jahren tätig und bietet neben einer Basis-Gesundheitsversorgung die Behandlung von HIV/Aids und Tuberkulose. Vor Juni 2012 führte Ärzte ohne Grenzen rund 500.000 medizinische Konsultationen jährlich durch. Seit 2005 hat die Organisation mehr als 1,2 Millionen Menschen aus allen ethnischen Gruppen in Rakhine gegen Malaria behandelt.

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