Pakistan 2012: Zwei Monate verbrachte die Chirurgin Natascha Rössle in Dargai in der Region Peschawar. © Natascha Rössle/MSF
 
Pakistan 2012: Zwei Monate verbrachte die Chirurgin Natascha Rössle in Dargai in der Region Peschawar.


Pressebericht

"Das ganze Weltbild gerät ins Wanken"

Zwei Monate als Chirurgin für die Organisation "Ärzte ohne Grenzen" arbeiten: Diesen Traum erfüllte sich Ende vergangenen Jahres die Chirurgin Natascha Rössle, die im "normalen Leben" am Offenburger Klinikum angestellt ist. In einem provisorischen Krankenhaus in Dargai im Norden Pakistans half die verheiratete Mutter von drei Kindern kranken Menschen so gut sie konnte und bildete die dortigen Mitarbeiter weiter aus. Dem Offenburger Tageblatt erzählte sie von ihrem Einsatz, von den Arbeitsbedingungen und ihren Aufgaben vor Ort.

Frau Rössle, warum Pakistan? Hatten Sie sich das Land als Einsatzort ausgesucht?

Nein, das entscheidet "Ärzte ohne Grenzen". Man kann aber Wünsche angeben. Allerdings hatte ich keine angegeben.

Das heißt, Sie sagten, schickt mich hin, wo ich gebraucht werde.

Genau. Ich hatte nur einen Zeitraum angegeben und war sehr froh, dass man ein Projekt für mich fand.

Wie sind Sie denn überhaupt auf die Idee gekommen, sich bei "Ärzte ohne Grenzen" zu engagieren?

Ich habe diese Organisation schon immer beobachtet, eigentlich seit sie gegründet wurde. Schon als Schülerin ist sie mir aufgefallen. Es war immer ein Traum von mir, bei "Ärzte ohne Grenzen" mitarbeiten zu dürfen.

War Pakistan Ihr erster Einsatz?

Ja.

Auch der letzte?

Nein! Definitiv nicht.

Das klingt sehr überzeugt. Es war also eine tolle Erfahrung für Sie? Man nimmt sozusagen auch etwas mit?

Man nimmt sehr viel mit, das ganze Weltbild gerät ins Wanken, es verändert das Leben.

Inwiefern?

Man blickt über den Tellerrand hinaus und sieht neue Welten und andere Möglichkeiten zu leben. Und das verändert das Denken.

Was ist denn der erste Eindruck, wenn man in dieser neuen Welt ankommt?

Zuerst war ich erstaunt, als ich in Islamabad landete. Dort ist es wie in jeder Weltstadt, Menschen in westlicher Kleidung, alles normal. Exotischer wurde es dann, als es Richtung Dargai ging, im Norden Pakistans. Auf dem Weg dorthin mussten wir uns verschleiern, und innerhalb von zwei Stunden Autofahrt hat sich eine ganze Welt verändert. Alles wurde kleiner, enger, viele Menschen überall an den Straßenrändern.

Und wie ist dann die Ankunft im Krankenhaus? Ist man dort die »Besserwisserin« aus dem Westen, die jedem sagt, was alles falsch gemacht wird?

Ich war ja in einer langen Reihe von Chirurgen, die schon vor mir dort tätig waren, in diesem Krankenhaus. Übrigens war ich auch die letzte, denn nach mir wurde die chirurgische Tätigkeit als Projekt von "Ärzte ohne Grenzen" eingestellt. Aber da wie gesagt immer wieder in kurzen Abständen neue Chirurgen in das Krankenhaus kamen, war das Personal daran gewöhnt. Deshalb gibt es von "Ärzte ohne Grenzen" Protokolle, an die man sich zu halten hat, damit eine Kontinuität für die Menschen gewahrt wird. Die Menschen dort haben sich sehr schnell auf mich eingestellt.

Sie sagten, das Projekt wurde nun eingestellt. Warum?

"Ärzte ohne Grenzen" wurde in Dargai 2007 tätig, als bei einem Bombenanschlag das alte Krankenhaus zerstört wurde. Sozusagen, um die Lücke bis zur Fertigstellung des Neubaus zu füllen. Und der ist nun fertig.

Stichwort Bombenanschlag. Haben Sie während Ihres Aufenthalts etwas von Terroranschlägen mitbekommen?

In der Zeit, in der ich dort war, gab es keine Bombenanschläge, ich hatte also keine Explosionsopfer. Ich hatte aber einige Schussverletzungen zu versorgen. Zu solchen Verletzungen kommt es bei häuslicher Gewalt in der Familie oder auch bei Streitereien zwischen Familien, das weiß man nie so genau.

Mit solchen Verletzungen hat man ja im Normalfall keine Erfahrungen, wenn man aus Deutschland kommt...

Nein, mit Schussverletzungen nicht. Es war aber so, dass ich zum Glück keine lebensbedrohlichen Schussverletzungen zu versorgen hatte.

Pakistan ist ein islamisches Land. Wie war es mit der Religionsfrage? Spielte sie eine Rolle?

Die Mitarbeiter in dem Krankenhaus unterscheiden ganz genau zwischen der Ärztin und der Privatperson. Das heißt, ich wurde nie über meine Religion befragt, das war ein Tabuthema. Dennoch empfand ich die Menschen als sehr offen, sodass ich mir ziemlich sicher bin, dass Antworten wie "Ich bin Christin" oder sogar Atheistin kein Problem dargestellt hätten.

Was war denn genau Ihr Auftrag in Pakistan?

Als Chirurg von "Ärzte ohne Grenzen" ist man nicht nur zum Operieren vor Ort, sondern man versucht, die Abteilung im Ganzen fortzubilden und auf ein Level zu bringen, das sicherstellt, dass später eine gute Medizin weitergeführt werden kann.

Wie sieht es denn in einem pakistanischen OP aus? Muss man da improvisieren?

Der menschliche Körper ist ja auf der ganzen Welt der gleiche. Das heißt, chirurgische Eingriffe sind überall gleich. Das macht diesen Beruf so universell, man kann ihn überall ausüben. Aber die Instrumente, die man zur Verfügung hat, sind natürlich sehr verschieden, und auch das Wissen der Mitarbeiter.

Wie haben Sie sich eigentlich verständigt? Wurde im OP Englisch gesprochen?

Es wurde grundsätzlich Englisch gesprochen und sehr viel Paschtu und Urdu.

Und Sie sprechen natürlich fließend Paschtu und Urdu...

(lacht) Ich habe sehr viele Wörter gelernt und es hat sehr viel Spaß gemacht.

Wie ist so ein OP denn rein technisch ausgerüstet?

Es ist eine Basisausrüstung, die dem deutschen Hygienestandard natürlich absolut nicht genügt. Aber es war vor Ort schon ein sehr hohes Level.

Was war die größte Umstellung für Sie?

Dass ich praktisch keine Bewegungsfreiheit hatte. Das hört sich jetzt schlimm an, aber es ist nun mal so, dass man keine Möglichkeit hat, sich frei zu bewegen. Aus Sicherheitsgründen hält man sich nur im Wohnhaus, im Krankenhaus und im Büro auf. Stets steigt man in einem Hof in ein Auto, fährt verhüllt durch die Straßen zum Ziel und steigt dort im Hof wieder aus. Das heißt, ich habe nie einen Fuß in die Ortschaft gesetzt.

Und hätten Sie das gerne getan?

Es war faszinierend, durch den Basar zu fahren. Einerseits hätte ich ihn natürlich gerne zu Fuß besucht, andererseits hätte ich es wohl - selbst wenn mir die Möglichkeit geboten worden wäre - nicht getan. Denn man kann die Sicherheitslage einfach nicht richtig einschätzen. Es ist gefährlich.

Wie hat Ihre Familie reagiert, als Sie sagten, dass sie für zwei Monate nach Pakistan gehen?

Das war ja keine schnell getroffene Entscheidung. Der Wunsch, für "Ärzte ohne Grenzen" zu arbeiten war über die Jahre gereift, und ich hatte das natürlich mit meiner Familie besprochen. Es waren alle einverstanden.

Wie sah der Alltag aus? Ganz normal, aufstehen, Frühstück, arbeiten, Mittagspause, arbeiten, Feierabend?

Morgens wurde ich zusammen mit anderen Mitarbeitern von "Ärzte ohne Grenzen" ins Krankenhaus gefahren. Um 8 Uhr war Visite, danach ging es in den OP. Am Nachmittag war dann noch einmal Visite. Nebenbei läuft die Notaufnahme 24 Stunden durch. Das heißt, ich war für OP und Notaufnahme 24 Stunden im Dienst, zwei Monate lang, bis auf ein Pausenwochenende, wobei es von der Arbeitsbelastung aber dennoch durchaus erträglich war.

Aber nach zwei Monaten war es dann genug?

Ich hatte Urlaub und Überstunden angespart, um das machen zu können, ich hätte gar nicht mehr Zeit aufbringen können.

Und jetzt wird wieder Urlaub angespart?

Rössle: Ich möchte das auf jeden Fall wieder machen. Nicht sofort, aber solche Tätigkeiten werden in meiner weiteren Lebensplanung definitiv eine Rolle spielen.

 

 

27. Januar 2012

Das Interview für das "Offenburger Tageblatt" führte Markus Fix, es ist erschienen am 27.01.2012.
Fotos: Natascha Rössle/MSF



Länderinformationen

Pakistan
Pakistan
Fläche:796 095 km²
Einwohner:166,037 Mio. Einw.
Ärzte pro 1000 Einwohner:Ärzte: 0,7/1000 Einw.
Säuglings-
sterblichkeit:
79/1000 Geb.
Lebenserwartung (Männer):64 J.
Lebenserwartung (Frauen):65 J.