Nein, das entscheidet "Ärzte ohne Grenzen". Man kann aber Wünsche angeben. Allerdings hatte ich keine angegeben.
Genau. Ich hatte nur einen Zeitraum angegeben und war sehr froh, dass man ein Projekt für mich fand.
Ich habe diese Organisation schon immer beobachtet, eigentlich seit sie gegründet wurde. Schon als Schülerin ist sie mir aufgefallen. Es war immer ein Traum von mir, bei "Ärzte ohne Grenzen" mitarbeiten zu dürfen.
Ja.
Nein! Definitiv nicht.
Man nimmt sehr viel mit, das ganze Weltbild gerät ins Wanken, es verändert das Leben.
Man blickt über den Tellerrand hinaus und sieht neue Welten und andere Möglichkeiten zu leben. Und das verändert das Denken.
Zuerst war ich erstaunt, als ich in Islamabad landete. Dort ist es wie in jeder Weltstadt, Menschen in westlicher Kleidung, alles normal. Exotischer wurde es dann, als es Richtung Dargai ging, im Norden Pakistans. Auf dem Weg dorthin mussten wir uns verschleiern, und innerhalb von zwei Stunden Autofahrt hat sich eine ganze Welt verändert. Alles wurde kleiner, enger, viele Menschen überall an den Straßenrändern.
Ich war ja in einer langen Reihe von Chirurgen, die schon vor mir dort tätig waren, in diesem Krankenhaus. Übrigens war ich auch die letzte, denn nach mir wurde die chirurgische Tätigkeit als Projekt von "Ärzte ohne Grenzen" eingestellt. Aber da wie gesagt immer wieder in kurzen Abständen neue Chirurgen in das Krankenhaus kamen, war das Personal daran gewöhnt. Deshalb gibt es von "Ärzte ohne Grenzen" Protokolle, an die man sich zu halten hat, damit eine Kontinuität für die Menschen gewahrt wird. Die Menschen dort haben sich sehr schnell auf mich eingestellt.
"Ärzte ohne Grenzen" wurde in Dargai 2007 tätig, als bei einem Bombenanschlag das alte Krankenhaus zerstört wurde. Sozusagen, um die Lücke bis zur Fertigstellung des Neubaus zu füllen. Und der ist nun fertig.
In der Zeit, in der ich dort war, gab es keine Bombenanschläge, ich hatte also keine Explosionsopfer. Ich hatte aber einige Schussverletzungen zu versorgen. Zu solchen Verletzungen kommt es bei häuslicher Gewalt in der Familie oder auch bei Streitereien zwischen Familien, das weiß man nie so genau.
Nein, mit Schussverletzungen nicht. Es war aber so, dass ich zum Glück keine lebensbedrohlichen Schussverletzungen zu versorgen hatte.
Die Mitarbeiter in dem Krankenhaus unterscheiden ganz genau zwischen der Ärztin und der Privatperson. Das heißt, ich wurde nie über meine Religion befragt, das war ein Tabuthema. Dennoch empfand ich die Menschen als sehr offen, sodass ich mir ziemlich sicher bin, dass Antworten wie "Ich bin Christin" oder sogar Atheistin kein Problem dargestellt hätten.
Als Chirurg von "Ärzte ohne Grenzen" ist man nicht nur zum Operieren vor Ort, sondern man versucht, die Abteilung im Ganzen fortzubilden und auf ein Level zu bringen, das sicherstellt, dass später eine gute Medizin weitergeführt werden kann.
Der menschliche Körper ist ja auf der ganzen Welt der gleiche. Das heißt, chirurgische Eingriffe sind überall gleich. Das macht diesen Beruf so universell, man kann ihn überall ausüben. Aber die Instrumente, die man zur Verfügung hat, sind natürlich sehr verschieden, und auch das Wissen der Mitarbeiter.
Es wurde grundsätzlich Englisch gesprochen und sehr viel Paschtu und Urdu.
(lacht) Ich habe sehr viele Wörter gelernt und es hat sehr viel Spaß gemacht.
Es ist eine Basisausrüstung, die dem deutschen Hygienestandard natürlich absolut nicht genügt. Aber es war vor Ort schon ein sehr hohes Level.
Dass ich praktisch keine Bewegungsfreiheit hatte. Das hört sich jetzt schlimm an, aber es ist nun mal so, dass man keine Möglichkeit hat, sich frei zu bewegen. Aus Sicherheitsgründen hält man sich nur im Wohnhaus, im Krankenhaus und im Büro auf. Stets steigt man in einem Hof in ein Auto, fährt verhüllt durch die Straßen zum Ziel und steigt dort im Hof wieder aus. Das heißt, ich habe nie einen Fuß in die Ortschaft gesetzt.
Es war faszinierend, durch den Basar zu fahren. Einerseits hätte ich ihn natürlich gerne zu Fuß besucht, andererseits hätte ich es wohl - selbst wenn mir die Möglichkeit geboten worden wäre - nicht getan. Denn man kann die Sicherheitslage einfach nicht richtig einschätzen. Es ist gefährlich.
Das war ja keine schnell getroffene Entscheidung. Der Wunsch, für "Ärzte ohne Grenzen" zu arbeiten war über die Jahre gereift, und ich hatte das natürlich mit meiner Familie besprochen. Es waren alle einverstanden.
Morgens wurde ich zusammen mit anderen Mitarbeitern von "Ärzte ohne Grenzen" ins Krankenhaus gefahren. Um 8 Uhr war Visite, danach ging es in den OP. Am Nachmittag war dann noch einmal Visite. Nebenbei läuft die Notaufnahme 24 Stunden durch. Das heißt, ich war für OP und Notaufnahme 24 Stunden im Dienst, zwei Monate lang, bis auf ein Pausenwochenende, wobei es von der Arbeitsbelastung aber dennoch durchaus erträglich war.
Ich hatte Urlaub und Überstunden angespart, um das machen zu können, ich hätte gar nicht mehr Zeit aufbringen können.
Rössle: Ich möchte das auf jeden Fall wieder machen. Nicht sofort, aber solche Tätigkeiten werden in meiner weiteren Lebensplanung definitiv eine Rolle spielen.
| Pakistan | |
|---|---|
| Fläche: | 796 095 km² |
| Einwohner: | 166,037 Mio. Einw. |
| Ärzte pro 1000 Einwohner: | Ärzte: 0,7/1000 Einw. |
| Säuglings- sterblichkeit: | 79/1000 Geb. |
| Lebenserwartung (Männer): | 64 J. |
| Lebenserwartung (Frauen): | 65 J. |