Freising/Goma - "Man kann sich die Situation, wie sie sich uns als Helfern bietet, beim besten Willen nicht vorstellen": Rebellenkriege, nach Der Flucht entwurzelte Menschen, Armut, Krankheit und mangelhafte bis komplett fehlende Infrastruktur - so präsentierte sich dem 27-jährigen Michael Schmidt aus Sünzhausen sein Einsatzgebiet rund um Pinga in der Demokratischen Republik Kongo, in das er vor neun Monaten von der international Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" geschickt worden war: "Unsere Mannschaft war dort angetreten, um die Basis-Versorgung an medizinischer Hilfe sicherzustellen."
Es war Michael Schmidts Premiere, sein erster Einsatz für "Ärzte ohne Grenzen": Der Josef-Hofmiller-Abiturient hat die Hilfe am Mitmenschen zu seinem Beruf, seiner Lebensbestimmung gemacht. Er war schon im Zivildienst bei den Johannitern in Allershausen aktiv und für den Rufbus tätig. Auch danach wollte er seine Kraft in den Dienst am Menschen stellen: "Diese Art zu helfen, macht mir einfach Spaß."
Deshalb machte Schmidt Nägel mit Köpfen: "Ich habe zuerst Rettungsingenieurswesen in Köln studiert und danach in Kopenhagen den Master im Katastrophen-Management gemacht." Weil das Reisen ebenfalls zu seinen Vorlieben gehört, war für den Sünzhausener, dessen Wurzeln in Chemnitz liegen, klar, dass er sein Know-How international einsetzen wird: "Darum hab ich mich bei ,Ärzte ohne Grenzen' beworben" - und er wurde genommen.
Freilich: Dem vorgeschaltet war ein Aufnahmeverfahren mit Test und Interview: Danach gab es noch einen Einführungskurs, bei dem dann Experten der Organisation mit dabei waren und bei dem man bereits auf die Situation in konfliktgeladenen Ländern wie dem Kongo vorbereitet wurde: "Man muss solchen Einsätzen ja auch physisch und psychisch gewachsen sein." Das war 2010. Im Januar 2011 wurde es ernst: "Man hat mich für ein Projekt in der Provinz Nord-Kivu in der Demokratischen Republik Kongo ausgewählt." Daheim wurden soweit als nötig die Zelte abgebrochen, dann startete Michael Schmidt großes Abenteuer.
In Goma mit Sack und Pack angekommen, ging es per Pkw in den Ort Pinga, wo Schmidt zusammen mit vier weiteren Kern-Mitarbeitern und vielen lokalen Kräften das Motorrad-Projekt betreut. Seit einigen Jahren werden diese "mobilen Kliniken" von den "Ärzten ohne Grenzen betreut. Schmidt: "Meine Aufgabe war es, die Logistik sicherzustellen. Dazu gehört die Versorgung mit Material, Computern und das Bereitstellen der Fahrzeuge.
Diese "mobilen Kliniken" bringen Hilfe in die entlegensten Winkel der Region: Die mit zwei Mann besetzten Yamaha-Geländemaschinen und medizinischem Gepäck geht es auf Tour: "Diese Einsätzen folgen einem festen Plan und sind fester Bestandteil der Arbeit im Kongo." Mit den Maschinen ging es über unwegbares Gelände, durch Flüsse oder überflutete Zonen in die abgeschiedensten Winkel der Region - und die Gefahr fuhr immer mit: "Denn auf diesen Fahrten mussten wir auch immer wieder die Grenzlinien der verschiedenen Konfliktparteien überqueren: "Gerade in Nord-Kivu gibt es immer wieder Auseinandersetzungen der unterschiedlichsten Rebellengruppen." Anfangs seien diese Einsätze schon mit einem "mulmigen Gefühl" in der Magengegend verbunden gewesen, erinnert sich der Sünzhausener: "Aber man gewöhnt sich daran. Es wird normal, auch wenn es beileibe nicht normal ist." Um Sicherheit für die eingesetzten Helfer zu gewährleisten, war das Team mit allen Konfliktparteien im Kontakt.
Die Provinz Nord-Kivu entstand 1988 bei der Aufteilung der ehemaligen Provinz Kivu. Von 2006 bis 2009 wurde in Nord-Kivu der dritte Kongokrieg zwischen den Rebellen- und Regierungstruppen ausgetragen.
In der Provinz herrschen Flucht und Vertreibung. "Viele Familien mussten ihre Häuser verlassen, galten dann als sogenannte displaced persons", weiß Schmidt: "Sie kommen bestenfalls bei Verwandten unter oder werden von anderen Familien aufgenommen, die ebenso arm sind, wie sie selbst". Krankheiten seien da an der Tagesordnung.
Ein medizinisches System seitens des Landes ist so gut wie nicht vorhanden: "Das schafft die Regierung einfach nicht", erklärt Michael Schmidt. Da übernimmt jetzt die weltweit agierende Organisation, so gut sie kann. Dabei müssen von der Cholera-Epidemie bis hin zu alltäglichen Krankheiten alles versorgt werden. Es mangle auch an Grundlegendem, wie etwa der täglichen Hygiene. Auch dafür sind die "Ärzte ohne Grenzen" zuständig und beraten die Bevölkerung soweit als möglich.
Die Behandlungen durch die Teams der "Ärzte ohne Grenzen" finden neben der mobilen Betreuung auf weitere, unterschiedlichste Weisen statt. Da gibt es sogenannte "Health Center", Medizin-Stationen, die meist in einfachen Ziegelbauten aus der Missionars-Ära untergebracht wurden. Es gibt aber auch kleinere Einheiten wie etwa die "Health Points", da wird in Zelten vor Ort medizinische Hilfe geleistet. Ab und zu existiert auch ein Krankenhaus vor Ort: "Allerdings kann man die nicht an unserem gewohnten Standard messen, erläutert Schmidt: "Da muss erst einmal eine Basis aufgebaut werden." Mit vier Mitarbeitern des Pinga-Projekts, die unter anderem aus der Schweiz und Kanada kommen, wohnte er in einer ehemaligen Missionarsstation. Zudem wurden Helfer und Fahrer vor Ort rekrutiert. "Diese Arbeit schweißt zusammen." So denkt er zum Beispiel zurück, als in der Region die Cholera ausgebrochen war und man Seife organisieren musste. "Solche Lieferungen versucht man zuerst über den "Ärzte ohne Grenzen"-Stützpunkt in Goma zu bestellen." Erst wenn solch große Chargen lokal nicht verfügbar sind, wird im "Ärzte ohne Grenzen"-Koordinationszentrum in Amsterdam geordert.
Viele Lieferungen kamen auch in Flugzeugen. Die konnten ganz in der Nähe von Pinga landen, weil es dort aus Missionarszeiten noch einen Landeplatz gab - auf der grünen Wiese, versteht sich: "Den mussten wir auch in Schuss halten", was hieß: Handmähen.
Der Kontakt in die Heimat war Michael Schmidt wichtig und er hat auch funktioniert: "Internet" hieß da das Zauberwort - ob Mails oder auch Telefon: "Das ging alles über Satellit." Die Stromversorgung war durch große Generatoren sichergestellt. Bereut hat er seine Wahl nicht, bei "Ärzte ohne Grenzen" anzuheuern: "Es war ein Spitzenteam. Wir haben gute Arbeit geleistet und wir sind Freunde geworden." Und so heißt es für Schmidt wieder: Nach dem Einsatz ist vor dem Einsatz.
Anfang Februar geht es nach Katanga, wieder in die Demokratische Republik Kongo. Dort ist die Cholera ausgebrochen. Michael Schmidt wird wieder dabei sein, um im internationalen Verbund die schlimmste Not zu lindern und Menschen das Leben zu retten: "Dazu bin ich angetreten und dafür arbeite ich mit voller Kraft."
| Kongo Dem.Rep. | |
|---|---|
| Fläche: | 2 344 885 km² |
| Einwohner: | 64,205 Mio. Einw. |
| Ärzte pro 1000 Einwohner: | Ärzte: 0,1/1000 Einw. |
| Säuglings- sterblichkeit: | 129/1000 Geb. |
| Lebenserwartung (Männer): | 43 J. |
| Lebenserwartung (Frauen): | 45 J. |