Äthiopien 2011: Hubertus Stobbe mit einem Kind im Flüchtlingslager nahe der somalischen Grenze © Hubertus Stobbe/MSF
 
Äthiopien 2011: Hubertus Stobbe mit einem Kind im Flüchtlingslager nahe der somalischen Grenze


Mitarbeiterporträt

Hubertus Stobbe, Arzt für Kinderheilkunde

Alter:

70

Letzte Arbeitsstelle in Deutschland:

Gemeinschaftspraxis für Kinder- und Jugendmedizin in Achim, Landkreis Verden

Ausbildung:

Studium der Medizin in Bonn und Wien

Projekte mit Ärzte ohne Grenzen:

2008 für acht Monate in Turkmenistan

2011/2012 für zwölf Monate in Äthiopien

Ein Buch, das mich während meines letzten Einsatzes begleitet hat:

Christoph Ransmeyer: „Die letzte Welt“, Bruce Chatwin: „Traumpfade“ und Illig Classen: „Klinikleitfaden Paediatrie“

Musik, die ich gehört habe:

Bach: Brandenburgische Konzerte, Englische Suiten; Brahms: Sinfonien und Klavierkonzerte; Chopin: Etuden; Beethoven: Symphonien, Klaviersonaten, Quartette; Mendelsohn: Symphonien; Schubert: Symphonien, Quartette, Klaviersonaten; Robert Johnson: Blues

 

Wie sah dein Berufsalltag im letzten Projekt mit Ärzte ohne Grenzen aus?

Das Notfall-Projekt war insbesondere für mangelernährte Kinder unter fünf Jahre und Schwangere. Es wurde eröffnet, weil Ende 2010 und vor allem von Januar bis Mitte 2011 große Flüchtlingsströme über die somalische Grenze nach Äthiopien kamen, die durch die seit zwei Jahren andauernde Dürre und die Kriegswirren in Somalia von erheblichen Hungersnöten betroffen waren. So wurden von Ärzte ohne Grenzen ambulante Ernährungprogramme und medizinische, stationäre Stabilisierungszentren am Rande der jeweiligen Flüchtlingslager für rund 40.000 Menschen errichtet und betrieben. Ich war der zuständige Kinderarzt für eines von drei Zentren am Rande der Flüchtlingslager. In ihnen wurden vor allem schwere Ernährungmängel (Marasmus und Kwashiorkor) mit und ohne Komplikationen und Kinder mit moderatem Ernährungsmangel mit Komplikationen betreut. Das ambulante Ernährungsprogramm wurde an fünf Tagen der Woche von durchschnittlich 100 Kindern mit ihren Angehörigen besucht, das stationäre Stabilisierungszentrum war in der Regel mit ca. 60 Patienten belegt. Ich habe mindestens ein Mal täglich die kranken und instabilen Kinder untersucht. Die medizinische Versorgung war eine Basisversorgung ohne technische Hilfsmittel wie Monitore oder Beatmungsgerät, in der vor allem das Training des medizinischen Personals und der Angehörigen im Vordergrund stand.

Unser Team für das Flüchtlingslager Melkadida bestand aus einem Arzt und zwei Krankenschwestern (internationale Mitarbeiter), drei Gesundheitsoffizieren und ca. 20 Krankenschwestern (aus Äthiopien) und lokal angeworbenen Übersetzern, Reinigungskräften und Küchenpersonal.

Kwashiorkor
Form der Unterernährung, die mit Wassereinlagerungen am ganzen Körper einhergeht.
Marasmus
Form der Unterernährung, die mit einer schweren Abmagerung des Körpers einhergeht.

 

Was hast du in deiner Freizeit gemacht?

Musik gehört, gelesen, Schach gespielt, Tischtennis, mit Camp-Bewohnern unterhalten, Wäsche gewaschen. Ich habe auch medizinische Trainings entwickelt und die Guidelines überarbeitet.

 

Was hast du am meisten geschätzt während deines letzten Projektaufenthalts?

Wie immer die Arbeit in einem Team mit Angehörigen aus vielen Ländern. Die Akzeptanz von Kindern und Angehörigen.

 

Was hat dir am meisten von Zuhause gefehlt?

Da die Sicherheitsbestimmungen ein Verlassen des Lagers nur im Auto und in Kolonne erlaubten, fehlte mir vor allem der Bewegungsausgleich zumindest in Form von Spaziergängen.

 

Welche Pläne hast du für die Zukunft?

Ärzte ohne Grenzen bei Recruiting und Fundraising unterstützen. Wenn es passt – vor allem wegen meiner Familie – ein neues Projekt. Allerdings sollten wieder mehr Trainings- und Koordinationsaufgaben im Vordergrund stehen. Vor allem würde mich Projekt-Evaluation reizen.

 

Was ist die schönste Erinnerung an die Projektarbeit?

Die Begrüßung morgens durch die Kinder auf der Einsatzstelle und das Entlassen der, teilweise extrem Frühgeborenen mit ihren Müttern aus der stationären Betreuung.

 

01. Februar 2012

Fotos: Hubertus Stobbe/MSF

Video

Äthiopien: "Als all unser Vieh starb, brachen wir auf" - Somalische Flüchtlinge an der äthiopischen Grenze (auf Englisch)

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