Die wichtigsten Stationen von Ärzte ohne Grenzen seit der Gründung: 2011
2011
Seit Februar hilft Ärzte ohne Grenzen den von den Kämpfen in Libyen betroffenen Menschen. Die Teams gelangen nach Bengasi und unterstützen dort medizinische Einrichtungen. In Tunesien leistet Ärzte ohne Grenzen an der Grenze zu Libyen vor allem psychologische Hilfe, da viele Flüchtlinge Zeugen von Gewalt geworden sind oder sie selbst erlebt haben. Die Teams arbeiten vorübergehend in Sintan und Misrata, organisieren zudem zwei Bootsevakuierungen von Verletzen nach Sfax in Tunesien und können im Herbst Krankenhäuser in Sirte und Tripolis unterstützen. Auch nach Ende des Krieges geht die Hilfe weiter: In Tripolis arbeitet Ärzte ohne Grenzen in Lagern, in denen insgesamt rund 4.000 Migranten afrikanischer Herkunft und Vertriebene leben. Die Teams leisten Basisgesundheitsversorgung und psychologische Hilfe.
Unmittelbar nach dem verheerenden Erdbeben und den drauf folgenden Tsunamis am 11. März 2011 reisen Mitarbeiter des Büros von Ärzte ohne Grenzen in Tokio in die am schlimmsten betroffenen Gebiete in den Provinzen Iwate und Miyagi. Alle Mitarbeiter arbeiten eng mit der Medizinischen Katastophenhilfe Japans (DMAT) zusammen und erkunden, wo die umfangreichen Hilfsarbeiten der japanischen Regierung Unterstützung brauchen. Die Teams helfen mit mobilen Kliniken und in isolierten Gemeinden. Die Mitarbeiter kümmern sich in den Evakuierungszentren vor allem um ältere Menschen mit chronischen Krankheiten und konzentrieren sich auf die psychologische Unterstützung für die Erdbebenopfer. Schließlich leistet die Organisation Wiederaufbauhilfe für zwei Gesundheitseinrichtungen.
Immer wieder macht Ärzte ohne Grenzen auf die äußerst problematischen Aufnahmebedingungen von Bootsflüchtlingen in europäischen Ländern aufmerksam. Im Zusammenhang mit dem Krieg in Libyen ruft die Organisation die beteiligten Staaten dazu auf, die Flüchtlinge effektiv zu schützen. In dem im Juni veröffentlichten Bericht "Vom Regen in die Traufe: Die vergessenen Opfer des Libyen-Konflikts" beleuchtet Ärzte ohne Grenzen die Folgen von mangelhaften Aufnahmebedingungen und unzureichenden Schutzmaßnahmen in Italien und Tunesien.
Im Juli wird der Südsudan unabhängig, doch die damit verbundenen Hoffnungen auf Stabilität erfüllen sich leider in 2011 nicht. Ärzte ohne Grenzen leistet in beiden sudanesischen Ländern Hilfe – akut auch nach Kämpfen und Vertreibungen. So sind noch vor der Teilung in zwei Staaten im Mai etwa 260.000 Vertriebene dringend auf Unterstützung angewiesen. Dazu gehören auch 100.000 Menschen, die vor den schweren Kämpfen in der umstrittenen Grenzregion Abyei geflohen sind. Mitte November fliehen tausende Menschen aus dem Sudan über die Grenze in den Südsudan. Ein Team von Ärzte ohne Grenzen versorgt in dem Ort Doro Flüchtlinge aus dem Bundesstaat "Blue Nile" medizinisch. Schätzungsweise 13.000 Männer, Frauen und Kinder sind Anfang Dezember bereits dort angekommen. Im Bundesstaat Upper Nile erweitert Ärzte ohne Grenzen die Aktivitäten und stellt sie auf Nothilfebetrieb um, weil Tausenden Flüchtlingen aus dem benachbarten Sudan dorthin fliehen.
Im Kampf gegen Aids, Malaria und Tuberkulose ist der entscheidende Schritt zum Erfolg eigentlich in greifbarer Nähe. Doch der hart erarbeitete Fortschritt bei der Bekämpfung dieser Krankheiten droht verloren zu gehen, weil sich die Geber von ihren Zusagen zur Finanzierung des Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Malaria und Tuberkulose verabschieden. Ärzte ohne Grenzen macht immer wieder darauf aufmerksam, dass dies die Leben von Millionen Betroffenen bedroht. Zum Jahresende fordert die Organisation, dass der Fonds dringend eine Notfall-Geber-Konferenz einberufen muss, damit die betroffenen Länder den Verlauf dieser tödlichen Krankheiten endlich umkehren können.
Ärzte ohne Grenzen veröffentlicht den Report „Central African Republic: A State of Silent Crisis“, der zeigt, dass in der Zentralafrikanischen Republik (CAR) eine chronische medizinische Notlage herrscht. Die Sterblichkeitsrate in manchen Regionen ist drei Mal so hoch ist, wie die, die eine akute Notsituation und damit eine humanitäre Krise kennzeichnet. CAR hat mit 48 Jahren die zweitniedrigste Lebenserwartung der Welt und die fünfthöchste Todesrate durch Infektions- und parasitäre Erkrankungen. Ärzte ohne Grenzen unterstützt mit mehr als tausend Mitarbeitern u.a. neun Krankenhäuser und 36 Gesundheitszentren.
Bereits im Januar 2011 macht Ärzte ohne Grenzen darauf aufmerksam, dass die zum größten Flüchtlingslager Dadaab in Kenia gehörenden Lager mit mehr als 300.000 Einwohnern völlig überfüllt sind. Der seit zwei Jahrzehnten andauernde Konflikt in Somalia setzt sich fort und die anhaltende Dürre verschlimmert die Lebenssituation der Somalier, von denen Tausende Hilfe in Flüchtlingslagern in Kenia und Äthiopien suchen. Ärzte ohne Grenzen leistet den betroffenen Menschen umfangreich Hilfe wie auch in Somalia selbst, wo die Umsetzung der Nothilfe jedoch eine große Herausforderung darstellt. Die fehlende Sicherheit in Somalia und in den Grenzregionen sowie die Behinderungen der Hilfe in einigen Teilen des Landes erschweren die Arbeit der Teams, die über große Phasen hinweg ausschließlich aus somalischen Mitarbeitern bestehen. Ärzte ohne Grenzen wird für Somalier zur wichtigsten Anlaufstelle für kostenlose medizinische Hilfe.
29. Dezember: Zwei Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen, Philippe Havet und Andrias Karel Keiluhu, werden während ihres Nothilfe-Einsatzes in Mogadischu erschossen. Drei Monate zuvor waren im kenianischen Flüchtlingslager in Dadaab die beiden Mitarbeiterinnen Montserrat Serra und Blanca Thiebaut entführt worden, die sich dort im Rahmen eines Nothilfe-Einsatzes um somalische Flüchtlinge kümmerten. Ärzte ohne Grenzen verurteilt diese Angriffe auf humanitäre Mitarbeiter aufs Schärfste. Sie gefährden lebensrettende medizinische Projekte, die bereits ohne derartige Zwischenfälle die medizinischen Bedürfnisse der somalischen Bevölkerung nur unzureichend abdecken können. Ärzte ohne Grenzen steht in Somalia vor dem Dilemma, dass einerseits der Bedarf an medizinischer Hilfe enorm ist, andererseits die Mitarbeiter einem extrem hohen Sicherheitsrisiko ausgesetzt sind.
Häufigste Tropenkrankheit, die durch die weibliche Anopheles-Mücke übertragen wird. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erkranken jährlich rund 225 Millionen Menschen an Malaria, annähernd eine Million Menschen sterben daran. Ärzte ohne Grenzen hat 2010 begonnen, bei schweren Erkrankungen die intravenöse Behandlung auf das neue Medikament Artesunat umzustellen und setzt sich für die weltweite Anwendung dieser Behandlung ein.
Tuberkulose
Etwa neun Millionen Menschen erkranken jährlich an Tuberkulose (TB). Viele von ihnen sind HIV-Infizierte mit schwachem Immunsystem (sog. Koinfektion). Die Krankheit betrifft vor allem die Lunge, mitunter aber auch andere Organe wie Nieren, Hirnhäute oder Lymphknoten. Eine effektive Behandlung ist möglich, aber langwierig und aufwendig. Ärzte ohne Grenzen nutzt ab 2011 ein neues Diagnose-Gerät, das die Krankheit schneller und sicherer diagnostiziert sowie eine Form der multimedikamentenresistenten-TB erkennt. In solchen Fällen sind die Krankheitserreger gegen die wichtigsten Medikamente resistent und die Patienten müssen zwei Jahre lang täglich Medikamente mit starken Nebenwirkungen einnehmen.
Mariele Millowitsch, Schauspielerin: "Ich unterstütze Ärzte ohne Grenzen, weil sie dort weiterhelfen, wo das Medien-Interesse längst abgeklungen ist. Sie vergessen niemanden."
Foto: Matthias Bothor
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