Sierra Leone 2007: Sechs Jahre Wiederaufbau unter Anwesenheit von Friedenstruppen haben das Land politisch relativ stabilisiert, doch noch immer kämpfen viele Menschen in Sierra Leone um ihr Überleben. © Francesco Zizola/Noor
 
Sierra Leone 2007: Sechs Jahre Wiederaufbau unter Anwesenheit von Friedenstruppen haben das Land politisch relativ stabilisiert, doch noch immer kämpfen viele Menschen in Sierra Leone um ihr Überleben.


Prinzipien

Unparteilichkeit, Unabhängigkeit, Neutralität: Warum Prinzipien wichtig sind

"Viele Vertriebene haben mir von ihren qualvollen Erfahrungen erzählt: davon, wie Familienmitglieder getötet wurden, wie sie sexueller Gewalt ausgeliefert waren, von ihrer ständigen Angst und Erschöpfung während der Flucht, von Hunger und Verzweiflung, weil sie nicht wussten, wohin sie fliehen sollten", so die Krankenschwester Helen O´Neill nach ihrem Projekteinsatz in der ostkongolesischen Provinz Katanga.

"Genau in diesen Situationen hilft Ärzte ohne Grenzen: Inmitten von Krieg, Gewalt und Chaos wollen wir das Leid der Menschen lindern, ihnen ein Stück ihrer Würde zurückgeben und ihnen helfen, das Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen.

"Unsere Mitarbeiter arbeiten - wie in Katanga - oft in politisch komplizierten Situationen. Sie müssen aufpassen, dass sie nicht den Interessen der Konfliktparteien in die Hände spielen und ihre Hilfe den Menschen letztlich mehr schadet als hilft. Für ihre Arbeit benötigen sie deshalb Orientierungshilfen, die über das reine Fachwissen hinausgehen: Menschlichkeit und Respekt für die Würde des Menschen sind für die humanitären Helfer der Impuls zum Handeln. Um dabei das Wohl der Not leidenden Bevölkerung als oberste Priorität sicherzustellen, liegen den Projekten von Ärzte ohne Grenzen die Prinzipien der Unparteilichkeit, Unabhängigkeit und Neutralität zugrunde.

"Unparteiisch zu sein bedeutet, dass es keine guten oder schlechten Opfer gibt. Jeder Zivilist in akuter Not hat ein Recht auf Hilfe, egal welche politischen, religiösen oder weltanschaulichen Überzeugungen er vertritt oder welcher Herkunft er ist. Dabei ist der Grad der Not ausschlaggebend: Wir konzentrieren uns stets auf die Bevölkerungsgruppe, die am bedürftigsten ist.

"Diese Unparteilichkeit setzt voraus, dass Ärzte ohne Grenzen unabhängig agieren kann. Wir streben nach größtmöglicher Distanz zu politischen, militärischen, religiösen und wirtschaftlichen Akteuren - deren Ziele selten in erster Linie auf die Not der Menschen gerichtet sind. Wir entscheiden daher selbst, wo, wann und wie wir Projekte starten, durchführen oder beenden. Diese Entscheidungen basieren stets auf unseren eigenen Analysen vor Ort und darauf, ob wir genügend Personal, logistische Kapazitäten und finanzielle Mittel für diese Projekte haben. Wer aber frei entscheiden will, muss finanziell unabhängig sein: Notwendig ist daher ein hoher Anteil an freien privaten Spenden, die wir sofort und flexibel dort einsetzen können, wo die Not am größten ist.

"Wo Gewalt und Chaos herrschen, ist eine neutrale Haltung wichtig. Ärzte ohne Grenzen ergreift daher nicht Partei für oder gegen eine der rivalisierenden Gruppen. Wir äußern uns auch nicht zu politischen oder militärischen Lösungen in Konfliktsituationen. Schon deswegen nicht, weil wir den Menschen auf allen Seiten helfen wollen. Mit politischen Äußerungen würden wir automatisch eine der Konfliktparteien stärken oder schwächen. Trotzdem, Neutralität ist nicht mit Schweigen gleichzusetzen. Wenn unsere Mitarbeiter miterleben, wie ständige Gewalt oder mangelnde Hilfe die Menschen zermürben, machen wir dies öffentlich. Wie Helen O`Neill, die vor dem UN-Sicherheitsrat und in aufrüttelnden Interviews über das verzweifelte Schicksal der kongolesischen Vertriebenen berichtet hat.

"Humanitäre Hilfe lindert Leid - nicht mehr und nicht weniger. Die Konflikte können wir nicht lösen, das müssen andere tun. Wir können nur die Werte und Prinzipien der humanitären Hilfe achten, verteidigen und umsetzen.


Fotos: Francesco Zizola/Noor



Marielle Millowitsch, Schauspielerin
Mariele Millowitsch, Schauspielerin: "Ich unterstütze Ärzte ohne Grenzen, weil sie dort weiterhelfen, wo das Medien-Interesse längst abgeklungen ist. Sie vergessen niemanden."  Foto: Matthias Bothor