Sudan 2007: Kalma Camp in Nyala: rund hunderttausend Menschen leben in diesem Vertriebenenlager. © Sven Torfinn
 
Sudan 2007: Kalma Camp in Nyala: rund hunderttausend Menschen leben in diesem Vertriebenenlager.


Humanitäre Hilfe

Flexibel und der Not entsprechend

Als humanitäre medizinische Nothilfeorganisation hat sich Ärzte ohne Grenzen verpflichtet, Menschen in Not - Opfern von bewaffneten Konflikten sowie Überlebenden von Naturkatastrophen - zu helfen. Das klingt zunächst eindeutig und klar. Doch blicken wir auf unsere Aktivitäten im Jahr 2007, wird schnell offensichtlich, dass unsere Hilfe mehr beinhaltet. Bei jeder Krise stellen wir uns die Frage, was der Nutzen für die Menschen ist, wenn Ärzte ohne Grenzen als neutrale, unabhängige und unparteiische Organisation vor Ort ist. Darüber hinaus fragen wir uns aber auch, welche besondere Verpflichtung wir als medizinische Organisation haben.

In akuten Krisen wie den gewaltvollen Auseinandersetzungen im Tschad, in Somalia und im Sudan, aber auch nach dem Erdbeben in Peru, fällt die Entscheidung für einen Nothilfeeinsatz vergleichsweise leicht: Schnell evaluieren unsere Erkundungsteams den Bedarf der betroffenen Bevölkerung. Sie stellen fest, welche Erkrankungen und Verletzungen die Menschen haben, ob die Gefahr von Mangelernährung besteht und ob die Betroffenen Schutz vor Witterung finden. Können die lokalen Gesundheitseinrichtungen oder andere Organisationen den Bedarf nicht decken, entscheiden wir uns zu einem Einsatz und leisten überlebensnotwendige Hilfe..

Aber unsere Verantwortung als medizinische Organisation reicht weiter. Sie verpflichtet uns, auch in Krisen einzugreifen, die keine direkte Folge von Krieg oder Naturkatastrophen sind. Entsprechend helfen wir bei der Bekämpfung von Epidemien, beispielsweise durch groß angelegte Impfkampagnen gegen Masern und Meningitis. Auch vergessene Krankheiten wie Buruli-Ulkus oder die Schlafkrankheit behandeln unsere Teams in einzelnen Projekten - obwohl dies kein humanitärer Einsatz im klassischen Sinne ist. Doch wir sind häufig die einzigen vor Ort, die die Qualifikation haben zu helfen. Und wir wollen und können die Patienten nicht allein lassen..

Eine ganz besondere Herausforderung ist die Behandlung von HIV/ Aids. Die Betroffenen sind lebenslang auf Medikamente angewiesen, aber unsere Einsätze sind meist nicht auf Dauer angelegt. Sollten wir deshalb gar nicht erst mit der Behandlung beginnen? Das würde unserer medizinischen Ethik zutiefst widersprechen. Wir können zwar keine fehlenden Gesundheitsbehörden ersetzen, aber dennoch das Leben vieler Menschen verlängern. Im Jahr 2007 hat sich deshalb die Zahl der Projekte, in die wir die HIV/Aids-Behandlung in die Basisgesundheitsversorgung integriert haben, noch einmal deutlich erhöht..

Indem wir zeigen, dass eine Behandlung auch unter einfachsten Bedingungen - selbst in Konfliktgebieten - machbar ist, können wir Entwicklungen beschleunigen und andere Akteure ermutigen, ebenfalls mit einer HIV/Aids-Behandlung zu beginnen. Gleichzeitig fordern wir Politik und Wirtschaft auf, Patienten in ärmeren Ländern einen Zugang zu kostengünstigen Medikamenten zu ermöglichen..

HIV/Aids ist eine der großen Herausforderungen der Zukunft. Auch Patienten mit vergessenen Krankheiten und Menschen in Krisengebieten brauchen dringend Hilfe. Doch mit unseren Kapazitäten stoßen wir immer wieder an Grenzen, so dass schmerzhafte Entscheidungen getroffen werden müssen..

Wann und wo wir als Ärzte ohne Grenzen aktiv werden, muss immer wieder neu durchdacht und diskutiert werden. Es ist an uns, immer wieder aufs Neue zu entscheiden, welche Prioritäten wir setzen, um sowohl unserem humanitären als auch unserem medizinischen Auftrag gerecht zu werden.

Editorial Jahresbericht 2007


Fotos: Sven Torfinn



Marielle Millowitsch, Schauspielerin
Mariele Millowitsch, Schauspielerin: "Ich unterstütze Ärzte ohne Grenzen, weil sie dort weiterhelfen, wo das Medien-Interesse längst abgeklungen ist. Sie vergessen niemanden."  Foto: Matthias Bothor