Von Michiel Hofman
Während die Afghanistanstrategie der Regierung Obama weiterhin bis ins Detail diskutiert wird, ist die tagtägliche Realität der Afghanen, die seit nunmehr neun Jahren im Krieg gefangen sind, aus dieser Debatte inzwischen vollkommen verschwunden. Für sie ist es jedoch mittlerweile beinahe ebenso gefährlich, auf welcher Seite des Konflikts auch immer Hilfe zu suchen, wie ohne diese auskommen zu müssen.
Allgemein akzeptiert ist, dass alle Akteure im afghanischen Theater vermeintlich humanitär sind. Die US-Armee, die NATO-Verbündeten, die afghanische Regierung und selbst bewaffnete Oppositionsgruppen betonten alle ihre so genannten humanitären Aktivitäten, während sie um "hearts and minds", also um die Herzen und die Zustimmung der Zivilbevölkerung buhlen.
Auf den ersten Blick könnte man meinen, dies sei in einer derart verarmten und unsicheren Umgebung nur von Vorteil für die Bevölkerung. Denn wer Hunger hat, dem ist egal, wer ihm etwas zu essen gibt. Doch während sich der Krieg in Afghanistan ausweitet, an Intensität zunimmt und der Bedarf an humanitärer Hilfe drastisch steigt, wird es für die afghanische Bevölkerung noch gefährlicher, Unterstützung von bewaffneten Einheiten, Militär oder assoziierten Gruppen anzunehmen. Unabhängige und unparteiische Hilfe wurde nie so dringend benötigt wie heute.
In fast allen afghanischen Provinzen gibt es zurzeit aktive Konflikte. Die Zahl der Angriffe ist auf Rekordniveau, so dass selbst die grundlegendste Hilfe für die Bevölkerung kaum mehr möglich ist. Das Beste, was während eines Krieges - jedes beliebigen Krieges - für die Menschen getan werden kann, ist, lebensrettende Maßnahmen an strategischen Punkten aufrechtzuerhalten und dafür zu sorgen, dass die Patienten diese erreichen können. Aus genau diesem Grunde wurde das Humanitäre Völkerrecht konzipiert - um sicherzustellen, dass jedermann während eines Konflikts medizinische Nothilfe erhält, die unabhängig von allen Kriegsparteien geleistet wird.
Kranke oder verwundete Afghanen, die eine von der NATO betriebene Klinik aufsuchen oder Hilfe von Gruppen erhalten, die mit der NATO-Strategie der Aufstandsbekämpfung (COIN) in Zusammenhang stehen, riskieren Vergeltungsaktionen der Opposition, sei es durch die Taliban oder durch andere militante Gruppen. Gleichzeitig sind Zivilisten denselben Risiken durch internationale oder afghanische Kräfte ausgesetzt, wenden sie sich hilfesuchend an die Opposition.
In einer solchen Umgebung Hilfe zu suchen bedeutet zwangsläufig auch, Partei im Krieg zu ergreifen. Die tragische Folge ist eine absurde Pattsituation: Die Menschen geben es auf, Hilfe in Anspruch zu nehmen, da diese lebensgefährlich für sie werden kann.
Erfahrungen von Patienten von Ärzte ohne Grenzen in der Stadt Lashkargah in der schwer umkämpften Provinz Helmand bestätigen diese Beobachtung. Schwere Konflikte in dieser Provinz verhindern für ungefähr eine Million Menschen jeglichen Zugang zu medizinischer Versorgung. Ein Patient in unserer Klinik dort erklärte uns, dass "es in der Klinik in unserer Kreisstadt jetzt Militärärzte gibt, aber wir können dort nicht hingehen. Dies hier ist ein ziviles Krankenhaus - deshalb kommen wir hierher. Ich sehe hier keinerlei Waffen. Das bedeutet, es gibt hier keine Probleme mit der Opposition oder den internationalen Einheiten." Ein anderer Patient sagte, dass "niemand in die NATO-Klinik geht, weil sie zu militärischen Zielen werden. Das ist zu gefährlich."
Tatsächlich überfielen im August 2009 afghanische und NATO-Einheiten eine Klinik in der Provinz Paktika, gefolgt von einem Angriff der US-Streitkräfte auf ein Krankenhaus in der Wardak-Provinz eine Woche später. Bewaffnete Einheiten zerstörten im Mai 2009 eine Klinik in der Provinz Khost. Und dies sind nur einige wenige Beispiele für den Missbrauch medizinischer Einrichtungen, die eigentlich unantastbar sein müssten.
In Frage gestellt werden muss nach wie vor, ob das Militär vorgeben darf, als humanitärer Akteur bedarfsorientiert Unterstützung zu leisten, wo es doch in Wirklichkeit vielmehr um politische und militärische Ziele geht. Oder ob zivile Entwicklungshilfe - die häufig unter militärischem Schutz stattfindet - wirklich dem strategischen Aufbau eines Staats dient. Niemand aber, am wenigsten die Afghanen, würde annehmen, dass ein Staat gegen seine eigenen strategischen Interessen arbeitet. Die Zivilgesellschaft wiederum hat die Chance, unabhängig von staatlichen Interessen zu agieren.
Auch wenn die Nichtregierungsorganisationen (NGOs) in den meisten Fällen behaupten, ihre Hilfe beruhe auf den humanitären Prinzipien, ist dies im afghanischen Kontext meist nicht zutreffend. Viele NGOs setzen Projekte zum Aufbau nationaler Strukturen um - auf Geheiß afghanischer oder US-Regierungsbehörden wie der United States Agency for International Development (USAID). Die militanten Oppositionsgruppen bestreiten die Rechtmäßigkeit dieser Bemühungen, da sie Teil der COIN-Strategie seien. Tatsächlich ergreifen diese NGOs Partei im Krieg, was dazu führt, dass es trotz der Anwesenheit Hunderter von NGOs im Land kaum einen Ort gibt, an dem die Afghanen ungefährdet lebenswichtige Hilfe suchen können.
Und dabei geht es auch anders. Ärzte ohne Grenzen ist es gelungen, sich in Afghanistan neutralen Handlungsspielraum zu schaffen, und zwar durch regelmäßige, direkte und transparente Verhandlungen mit allen Kriegsparteien und durch die vollständige finanzielle Unabhängigkeit von westlichen und afghanischen Regierungsgeldern. In all unseren medizinischen Einrichtungen herrscht zusätzlich strikte Waffenfreiheit. Unsere Unabhängigkeit und der Ansatz, unsere Hilfe einzig an den tatsächlichen Bedürfnissen der Menschen auszurichten, ermöglichen es uns, auch in anderen durch den Krieg verwüsteten Teilen des Landes aktiv zu werden, etwa in der Provinz Kunduz im unruhigen Norden Afghanistans. Während andere Organisationen den mangelnden humanitären Raum beklagen, können wir ihn hier erhalten - durch unsere Unabhängigkeit und dadurch, dass wir allen Afghanen ohne politische oder strategische Zielsetzung Hilfe leisten.
Und dennoch bleibt viel Verwirrung. USAID und andere westliche Geberorganisationen beauftragen oft kommerzielle Firmen wie Development Alternatives Inc. oder International Relief and Development damit, COIN-Projekte - also Aufbauhilfe - umzusetzen. Sie treten wie militärische Organisationen auf, mit bewaffneten und gesicherten Lagerstätten. Sie demonstrieren nicht etwa, wie Soldaten sich in Entwicklungshelfer verwandeln, sondern vielmehr, wie sogenannte Entwicklungshelfer zu militär-ähnlichen Akteuren werden. Die Medien bezeichnen diese Firmen als 'Hilfsgruppen', was ebenfalls zu Missverständnissen beiträgt.
Diese Unternehmen haben ihre Wahl getroffen - und können für sich weder Neutralität noch Unabhängigkeit beanspruchen. Die NGOs ihrerseits sollten sich nun bewusst dafür entscheiden, unabhängig zu arbeiten, um humanitäre Hilfe zu leisten, die sich an den Bedürfnissen der Menschen ausrichtet - und nur an diesen.
In Zeiten, in denen der Konflikt intensiver wird und sich ausdehnt, müssen die Menschen in Afghanistan die Möglichkeit haben, notwendige Hilfe zu erhalten, ohne dafür die lebensbedrohliche Entscheidung treffen zu müssen, in diesem Krieg Partei zu ergreifen.
| Afghanistan | |
|---|---|
| Fläche: | 652 225 km² |
| Einwohner: | 27,8 Mio. Einw. (Schätzung 2002) |
| Ärzte pro 1000 Einwohner: | Ärzte: 0,2/1000 Einw. |
| Säuglings- sterblichkeit: | 165/1000 Geb. (2002) |
| Lebenserwartung (Männer): | 43 J. (2002) |
| Lebenserwartung (Frauen): | 44 J. (2002) |