Kenia 2008: Die Behandlung von Kala Azar ist schmerzhaft. Verwandte kümmern sich während der Zeit um die Patienten. Besonders für die Kleinen ist das sehr wichtig. © Jan Sibik
 
Kenia 2008: Die Behandlung von Kala Azar ist schmerzhaft. Verwandte kümmern sich während der Zeit um die Patienten. Besonders für die Kleinen ist das sehr wichtig.


Liste der schwersten zehn humanitären Krisen 2009

Mangel an Forschung und teure Behandlungen belasten Patienten mit vernachlässigten Krankheiten

Mehr als 400 Millionen Menschen sind durch vernachlässigte tropische Krankheiten gefährdet: viszerale Leishmaniose (Kala-Azar), Schlafkrankheit, Chagas-Krankheit und Buruli-Ulkus. Die drei ersteren gehören zu den gefährlichsten der vernachlässigten tropischen Krankheiten, und alle vier Krankheiten wurden von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als besonders beunruhigend eingestuft, da es, wenn überhaupt, nur überholte oder ineffiziente Behandlungs- und Diagnosemethoden gibt. Wenn die Geldmittel für nationale Programme aktiver Diagnose und Behandlung nicht substantiell aufgestockt werden und wenn nicht deutlich mehr in Präventionsmaßnahmen und in spezielle Forschung und Entwicklung für neue Methoden investiert wird, werden die Opfer dieser Krankheiten weiterhin vernachlässigt bleiben.

Etwa 500.000 neue Kala-Azar-Fälle werden Jahr für Jahr beobachtet. Liposomal Amphotericin B (AmBisome) gewährleistet eine hocheffiziente Behandlung, wird aber aufgrund seiner hohen Kosten und aufwändigen Logistik nicht auf breiterer Basis eingesetzt. Für die meisten Patienten besteht die einzige andere Möglichkeit in einer 28-tägigen Behandlung mit extrem schmerzhaften intramuskulären Injektionen von Sodium-Stiiboglukonat (SSG), einem Medikament, das in den 1930er Jahren entwickelt wurde.

Die Schlafkrankheit (Afrikanische Trypanosomiasis), eine schwere parasitäre Infektion, tritt endemisch auf und kommt in Afrika südlich der Sahara vor. Besonders betroffen sind Patienten in Regionen mit bewaffneten Konflikten, da der Zugang zu Gesundheitsdiensten hier eingeschränkt ist. Derzeit führt Ärzte ohne Grenzen in zwei Ländern Programme durch: in der Demokratischen Republik Kongo und in der Zentralafrikanischen Republik. Kürzlich testete Ärzte ohne Grenzen gemeinsam mit der Forschungsinitiative DNDi erfolgreich eine neue Nifurtimox-Eflornithin-Kombinationstherapie, die einfacher und kürzer anzuwenden ist als die herkömmlichen Behandlungsmethoden. Sie ist bedeutend sicherer als die derzeitige Standardbehandlung mit Melarsoprol, einer Arsenverbindung, an der bis zu zehn Prozent der Patienten sterben. Die Nifurtimox-Eflornithin-Kombinationstherapie wurde von einigen Ländern übernommen, aber die Bemühungen zugunsten eines weiter verbreiteten Einsatzes müssen fortgesetzt werden.  Die Krankheit Chagas (Amerikanische Trypanosomiasis) tritt in Teilen Lateinamerikas endemisch auf. Weltweit gibt es bis zu 15 Millionen Fälle. Geschätzte 30 Prozent der Chagas-Patienten entwickeln Komplikationen im Herz-Kreislauf-Bereich und im Verdauungssystem, die unter Umständen tödlich sein können. Für die Chagas-Krankheit gibt es nur wenige Diagnose- und Behandlungsprogramme. Ärzte ohne Grenzen hat derzeit drei Projekte in Bolivien und in Kolumbien. Medizinische Maßnahmen, die zur Bekämpfung der Chagas-Krankheit erforderlich sind, sind aktive Diagnosetests, die Behandlung mit den derzeit erhältlichen Medikamenten Benznidazol und Nifurtimox, sowie Forschung und Entwicklung für neue Diagnosemethoden und neue Medikamente.

Buruli-Ulkus ist eine Krankheit, die zur Familie der Lepra oder Tuberkulose gehört. Sie ist nicht tödlich, kann aber zu Missbildungen und Invalidität und manchmal zu lebensbedrohenden Sekundärinfektionen führen. Derzeit behandelt Ärzte ohne Grenzen die Krankheit in Kamerun. Obwohl es einfache und effiziente Behandlungsmethoden wie Antibiotika, angemessene Wundversorgung, Physiotherapie und geringfügige chirurgische Eingriffe gibt, sind diese nicht im erforderlichen Ausmaß zugänglich.

Die anhaltende Vernachlässigung dieser Krankheiten kostet Jahr für Jahr das Leben und die Gesundheit vieler Menschen. Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung für diese vier Krankheiten beliefen sich laut einer aus dem Jahr 2008 stammenden Studie auf nicht mehr als 81,4 Millionen Dollar. Neue Finanzierungs- und Anreizsysteme sind dringend erforderlich, um sicherzustellen, dass sich die Forschung und Entwicklung an echten Gesundheitsbedürfnissen orientiert und nicht nur an profitablen Märkten.

21. Dezember 2009

Fotos: Jan Sibik



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