Der Krieg ist in Afghanistan im Jahr 2009 eskaliert und die Bevölkerung musste landesweit zunehmende Gewalt erdulden. Die Unsicherheit beeinträchtigte das bereits angeschlagene Gesundheitssystem. Afghanen, die dringend medizinische Hilfe benötigen, stehen heute vor einer unmöglichen Wahl: Entweder sie nehmen das Risiko auf sich und reisen Hunderte Kilometer durch eine Kriegszone, um sich behandeln zu lassen. Oder sie warten ab, bis sich ihre gesundheitliche Lage derart verschlechtert, dass sie lebensbedrohlich ist, und gehen dann zu einer medizinischen Einrichtung, in der die Behandlungsmöglichkeiten stark eingeschränkt sind.
Ärzte ohne Grenzen ist nach fast fünfjähriger Abwesenheit mit Bedacht nach Afghanistan zurückgekehrt, nachdem im Juni 2004 fünf Mitarbeiter der Organisation ermordet worden waren. Damals gab es große Hoffnungen, dass sich Afghanistan in einer Nachkriegssituation befände. Heute ist diese Hoffnung zerstört und der Bedarf an medizinischer Nothilfe wieder akut.
Ärzte ohne Grenzen unterstützt das Ahmed-Shah-Baba-Krankenhaus im Osten der Hauptstadt Kabul. Die Bevölkerung hat sich in dem Viertel durch den Zustrom von Flüchtlingen aus Pakistan und Vertriebenen, die vor dem Krieg in den östlichen Provinzen fliehen, beinahe verdoppelt. Trotz der Not wurde dieses Viertel bislang vernachlässigt, da es im Rahmen der Hilfsstrategien zur Bekämpfung der Aufständischen keine Priorität besitzt. Ärzte ohne Grenzen hat außerdem begonnen, in dem einzigen noch funktionierenden öffentlichen Krankenhaus in Lashkar Gah zu arbeiten, der Hauptstadt der Provinz Helmand. Im Krankenhaus mangelt es an Personal und Medikamenten, und nur wenige Menschen suchen hier Hilfe.
Während die Not zunimmt, ist es für unparteiische und neutrale Hilfsorganisationen immer schwieriger geworden, die Bedürfnisse zu erkennen und Hilfe zu leisten. Die einst klare Trennung zwischen Armee, Wiederaufbau- und Entwicklungsaktivitäten sowie humanitärer Hilfe ist mittlerweile so verwischt, dass die Gesundheitsversorgung Teil des Schlachtfeldes geworden ist: Die internationalen Koalitionstruppen haben die Hilfsleistungen für sich vereinnahmt, um die Herzen und Köpfe der Bevölkerung zu gewinnen. Sie haben darüber hinaus Krankenhäuser besetzt und Patienten in ihren Betten verhaftet. Bewaffnete Oppositionskräfte haben medizinisches Personal und die Gesundheitseinrichtungen gezielt angegriffen.
Um von allen Konfliktparteien anerkannt zu werden, muss eine private medizinische humanitäre Organisation wie Ärzte ohne Grenzen nachweisen und klar kommunizieren, dass sie völlig unparteiisch, neutral und unabhängig ist. Dafür darf sie in dem Konflikt keine Partei ergreifen, keine Gelder von Regierungen für die Arbeit in Afghanistan und Pakistan akzeptieren, und muss gewährleisten, dass keine nationalen, internationalen und oppositionellen militärischen Kräfte die Krankenhäuser mit Waffen betreten.
| Afghanistan | |
|---|---|
| Fläche: | 652 225 km² |
| Einwohner: | 27,8 Mio. Einw. (Schätzung 2002) |
| Ärzte pro 1000 Einwohner: | Ärzte: 0,2/1000 Einw. |
| Säuglings- sterblichkeit: | 165/1000 Geb. (2002) |
| Lebenserwartung (Männer): | 43 J. (2002) |
| Lebenserwartung (Frauen): | 44 J. (2002) |