Liste der schwersten zehn humanitären Krisen 2008

Sudan: Ein Ende von Leid und Gewalt ist nicht in Sicht


Sudan 2007: Im Vertriebenenlager Kalma © Ärzte ohne Grenzen
Sudan 2007: Im Vertriebenenlager Kalma


Der Sudan erlebte im Jahr 2008 wie in den Vorjahren gleich zwei schwere humanitäre Krisen: Den anhaltenden akuten Konflikt in Darfur und die Konsequenzen des Bürgerkriegs, der jahrzehntelang im Süden des Landes tobte.

Darfur blieb Schauplatz des größten humanitären Hilfseinsatzes der Welt, mit mehr als 80 beteiligten Organisationen und 15.000 Mitarbeitern - darunter 2.000 von Ärzte ohne Grenzen. Trotz internationaler Bemühungen sind fünf Jahre nach Beginn der Darfur-Krise Hunderttausende Menschen von jeglicher Hilfe abgeschnitten. Weitere Tausende laufen Gefahr, den Zugang zu Hilfe im Zuge instabiler Fronten, wechselnder Allianzen zwischen verschiedenen bewaffneten Gruppen, gezielter Angriffe auf Mitarbeiter von Hilfsorganisationen und zunehmender Restriktionen für die Helfer zu verlieren. Nach Angaben der Vereinten Nationen (UN) wurden im Jahr 2008 in Darfur elf Mitarbeiter von Hilfsorganisationen getötet und 189 entführt. Auch Ärzte ohne Grenzen wurde Opfer gewalttätiger Angriffe und Plünderungen.

Viele der Vertriebenen suchen Zuflucht in Darfurs großen Lagern, doch auch dort ist Sicherheit nicht garantiert: Im Kalma-Camp mit mehr als 90.000 Menschen musste Ärzte ohne Grenzen in diesem Jahr nach Kämpfen im Camp 65 Patienten mit Schusswunden behandeln. Mehr als die Hälfte davon waren Frauen und Kinder.

Im Südsudan sind laut Schätzungen der UN 1,2 Millionen Menschen nach 20 Jahren Bürgerkrieg nach Hause zurückgekehrt. Doch sie fanden ihre Heimat praktisch ohne Infrastruktur und Gesundheitseinrichtungen vor. Trotz eines Friedensabkommens bleiben die regionalen Spannungen explosiv. Im Dezember brachen erneut Kämpfe aus, die zu neuen Vertreibungen führten.

Neben den gewalttätigen Angriffen gibt es schwere Gesundheitsprobleme im Südsudan: Mangelernährung ist stark verbreitet, die Müttersterblichkeit zählt zu den höchsten der Welt, und Tuberkulose, Kala Azar sowie große Ausbrüche von Meningitis, Masern, Cholera und Malaria stellen eine weitere Bedrohung für die Bevölkerung dar. Dazu kommt ein Mangel an humanitärer Hilfe, nachdem einige wichtige Geber Gelder abgezogen haben und die Zahl der humanitären Organisationen vor Ort abnimmt. Im Jahr 2008 leisteten 1.500 Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen medizinische Hilfe im Südsudan.

Cholera
Schwere Durchfallerkrankung, die lebensgefährlich sein kann und durch unterschiedliche Erregervarianten des Bakteriums Vibrio cholerae hervorgerufen wird. Die Übertragung erfolgt durch verschmutztes Trinkwasser, verunreinigte Lebensmittel oder direkten Kontakt mit Erkrankten. Ärzte ohne Grenzen isoliert die Patienten in Cholera-Behandlungszentren und therapiert sie vor allem mit einer Rehydratationslösung, um den hohen Elektrolyt- und Flüssigkeitsverlust auszugleichen. In den meisten Fällen gelingt es, die Sterblichkeit auf unter ein Prozent zu senken. Ohne Behandlung liegt sie bei bis zu 40 Prozent.
Kala Azar
Gefährlichste Form der Infektionskrankheit Leishmaniose, die durch Mücken (Phlebotomen) übertragen wird. Kala-Azar greift das Immunsystem an und kann tödlich verlaufen. Betroffen sind jährlich etwa 500.000 Menschen, vor allem in Bangladesch, Brasilien, Indien, Nepal und im Sudan; in letzter Zeit verstärkt auch in einigen Mittelmeerländern.
Malaria
Häufigste Tropenkrankheit, die durch die weibliche Anopheles-Mücke übertragen wird. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erkranken jährlich rund 225 Millionen Menschen an Malaria, annähernd eine Million Menschen sterben daran. Ärzte ohne Grenzen hat 2010 begonnen, bei schweren Erkrankungen die intravenöse Behandlung auf das neue Medikament Artesunat umzustellen und setzt sich für die weltweite Anwendung dieser Behandlung ein.
Masern
Die Krankheit zählt in ärmeren Ländern bei Kindern zu den häufigsten Todesursachen. Besteht die Gefahr einer Masern-Epidemie, führt Ärzte ohne Grenzen in dem betroffenen Gebiet flächendeckende Impfkampagnen durch. Der Impfstoff muss während des Transports ununterbrochen gekühlt werden.
Meningitis
Hirnhautentzündung, die durch unterschiedliche Bakterien oder Viren ausgelöst werden kann. Zu den gefährlichsten Arten gehört die Meningokokken-Meningitis. Südlich der Sahara erstreckt sich vom Senegal im Westen bis nach Äthiopien im Osten der sogenannte „Meningitis-Gürtel”, in dem regelmäßig Epidemien auftreten. Bei Ausbruch der Krankheit führt Ärzte ohne Grenzen Impfkampagnen durch. Seit 2010 teilweise mit einem neuen Impfstoff.
Tuberkulose
Etwa neun Millionen Menschen erkranken jährlich an Tuberkulose (TB). Viele von ihnen sind HIV-Infizierte mit schwachem Immunsystem (sog. Koinfektion). Die Krankheit betrifft vor allem die Lunge, mitunter aber auch andere Organe wie Nieren, Hirnhäute oder Lymphknoten. Eine effektive Behandlung ist möglich, aber langwierig und aufwendig. Ärzte ohne Grenzen nutzt ab 2011 ein neues Diagnose-Gerät, das die Krankheit schneller und sicherer diagnostiziert sowie eine Form der multimedikamentenresistenten-TB erkennt. In solchen Fällen sind die Krankheitserreger gegen die wichtigsten Medikamente resistent und die Patienten müssen zwei Jahre lang täglich Medikamente mit starken Nebenwirkungen einnehmen.

 

22. Dezember 2008

Fotos: Ärzte ohne Grenzen



Länderinformationen

Sudan
Sudan
Fläche:2 505 813 km²
Einwohner:41,348 Mio. Einw.
Ärzte pro 1000 Einwohner:Ärzte: 0,2/1000 Einw.
Säuglings-
sterblichkeit:
62/1000 Geb.
Lebenserwartung (Männer):55 J.
Lebenserwartung (Frauen):58 J.
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