Tschetschenien

Obwohl Konflikt abebbt, bleibt hoher Bedarf an humanitärer Hilfe


Tschetschenien 2007:  © Misha Galustov
Tschetschenien 2007:

 

Mittlerweile sind nahezu vier Jahre vergangen, seit die am intensivsten geführten Kämpfe zwischen der russischen Zentralregierung und den Rebellentruppen in der nordkaukasischen Republik Tschetschenien abgeebbt sind. Zehntausende Vertriebene, die in die Nachbarrepubliken Inguschetien und Dagestan geflohen waren, sind nach Tschetschenien zurückgekehrt. Große Anstrengungen werden unternommen, um den Wiederaufbau der vor weniger als einem Jahrzehnt von schweren Bombardements zerstörten Hauptstadt Grozny voranzubringen. Auch der Flughafen des Landes konnte wiedereröffnet werden.

Dennoch muss die Kaukasusregion weiterhin als ein Pulverfass bezeichnet werden. Außerhalb Tschetscheniens sind die Kämpfe wieder aufgeflackert, und die gesamte Region ist nach wie vor von hoher Militärpräsenz geprägt. Entführungen, Morde, das Verschwinden von Personen und Bombenanschläge sind vor allem in Inguschetien, Nordossetien und Dagestan auf der Tagesordnung. Auch im Inneren Tschetscheniens ist die Lage für die Zivilbevölkerung noch immer angespannt. Ebenso leicht kann man in einen sporadischen Schusswechsel geraten wie in einen Autounfall mit schweren Militärfahrzeugen verwickelt werden, wobei letzteres in jüngerer Zeit zu einer häufigen Ursache traumatischer Verletzungen geworden ist.

 

Viele Menschen leiden an Angstzuständen, Schlaflosigkeit und Depressionen

Eine grundlegende Gesundheitsversorgung, speziell die gynäkologische Betreuung und Geburtshilfe, fehlt entweder ganz oder ist den meist total verarmten Rückkehrern nicht zugänglich. In vielen Kliniken in und um Grozny behandelt Ärzte ohne Grenzen in großer Zahl Menschen mit chronischen Erkrankungen, darunter Lungen-, Nieren- und Herz-Kreislaufleiden. Ebenso hat die Organisation einen hohen Bedarf an psychologischer Betreuung ausgemacht - häufig die Folge des jahrelangen Ertragens von Gewalt und Vertreibung. Eine Erhebung unter intern Vertriebenen, die zurzeit in Durchgangslagern in Inguschetien und Tschetschenien leben, ergab, dass nahezu alle Befragten unter Angstzuständen, Schlaflosigkeit oder Depression litten.

Der Krieg in Tschetschenien hat auch dem Tuberkulose(TB)-Kontrollsystem des Landes schwer zugesetzt. Ärzte ohne Grenzen unterstützt deshalb unter anderem Tuberkulose-Krankenhäuser, die für die Betreuung von 400.000 Menschen zuständig sind. Auch benötigen viele Überlebende der Kriegshandlungen dringend eine weitere Behandlung ihrer schweren Verletzungen. Ärzte ohne Grenzen unterhält daher seit 2006 ein Programm für rekonstruktive Chirurgie im Krankenhaus Nr. 9 von Grozny.

Tuberkulose
Etwa neun Millionen Menschen erkranken jährlich an Tuberkulose (TB). Viele von ihnen sind HIV-Infizierte mit schwachem Immunsystem (sog. Koinfektion). Die Krankheit betrifft vor allem die Lunge, mitunter aber auch andere Organe wie Nieren, Hirnhäute oder Lymphknoten. Eine effektive Behandlung ist möglich, aber langwierig und aufwendig. Ärzte ohne Grenzen nutzt ab 2011 ein neues Diagnose-Gerät, das die Krankheit schneller und sicherer diagnostiziert sowie eine Form der multimedikamentenresistenten-TB erkennt. In solchen Fällen sind die Krankheitserreger gegen die wichtigsten Medikamente resistent und die Patienten müssen zwei Jahre lang täglich Medikamente mit starken Nebenwirkungen einnehmen.

 

20. Dezember 2007

Fotos: Misha Galustov



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