Tuberkulose-Therapie

Zum Sterben verurteilt

Medikamente müssen regelmäßig eingenommen werden / Komplizierte TB-Therapie fördert Resistenzen

Usbekistan : Helga Bongers arbeitet als Ärztin ohne Grenzen in Usbekistan. © privat
Usbekistan : Helga Bongers arbeitet als Ärztin ohne Grenzen in Usbekistan.

Am Aralsee sterben viele Menschen an Tuberkulose. Warum?

Seit der Unabhängigkeit Usbekistans fehlt es an Geld für Medikamente und die Basisgesundheitsversorgung, und die Menschen sind sehr arm. Tuberkulose (Tb) ist die häufigste Todesursache der 15 bis 50jährigen in dieser Region.

Die WHO empfiehlt zur Behandlung die DOTS-Strategie. Wie funktioniert sie?

Die Tb-Patienten erhalten für mindestens zwei Monate eine Vierfach-Kombinationstherapie. Danach folgt für vier Monate eine Behandlung mit wenigstens zwei Medikamenten. Dabei muss jede Dosis von einem Mitarbeiter des Gesundheitswesens verabreicht werden, um die Einnahme zu garantieren. Der Erfolg der Behandlung wird durch regelmäßige Kontrollen festgestellt. Unter diesen Voraussetzungen hat DOTS bei minimalen Kosten eine Heilungsrate von mehr als 90 Prozent. In Usbekistan sieht es jedoch schlechter aus, da der Anteil an schwer behandelbarer multiresistenter Tuberkulose sehr hoch ist.

Welche Probleme bereitet die Umsetzung von DOTS?

Es ist schwierig für die Menschen, alle Medikamente unter ständiger Kontrolle einzunehmen, da sie oft in kleinen Kolchosen auf dem Land leben und von dort nur sehr schlecht zu den ambulanten Behandlungszentren kommen können. Deshalb bilden wir Krankenschwestern in den Kolchosen aus, die dann vor Ort die Medikamente verabreichen.

Gibt es Alternativen zu DOTS?

Für den Preis? Nein.

Wie groß ist das Risiko von Resistenzentwicklungen?

Resistenzen entstehen dadurch, dass bei einer Therapie nicht alle Bakterien getötet werden. Darum verwendet man gerade in der Tb-Behandlung Kombinationen von Medikamenten, um möglichst alle Keime zu vernichten. Zusätzlich muss die Anwendung lange genug erfolgen. Wenn Patienten die Medikamente nur unregelmäßig zu sich nehmen oder die Behandlung abbrechen, besteht die Gefahr, dass die Erkrankung wiederaufflammt - diesmal mit resistenten Keimen.

Kann im Falle von Resistenzen überhaupt geholfen werden?

Möglich wäre eine Behandlung mit speziellen Medikamenten, die aber unerschwinglich ist. Wir können diesen Patienten nur zeigen, wie sie ihre Familie und Umgebung vor Ansteckung schützen können. Die meisten sind zum Sterben verurteilt - an einer behandelbaren Krankheit!

Was kann sich langfristig ändern?

Wichtig wäre, das sich die Ernährungslage und die Wohnverhältnisse der Bevölkerung verbessern. Die usbekische Regierung müsste zudem in die Lage versetzt werden, ihren Medikamentenbedarf für einen fairen, annehmbaren Preis zu decken. Tb ist eine Erkrankung der Armen. Für die Pharma-Industrie sind diese "Kunden" unattraktiv und daher lohnt sich anscheinend die Forschung nicht. In der Aralsee-Region zeigt sich ganz deutlich, wie Armut und Zugang zu Medikamenten sich gegenseitig ausschließen.

Resistenz
Eingeschränkte oder fehlende Sensitivität von Krankheitserregern gegenüber Medikamenten, die dadurch ihre Wirksamkeit verlieren. Resistenzen bilden sich, wenn Medikamente nicht vorschriftsmäßig oder über sehr lange Zeiträume eingenommen werden. Multimedikamentenresistente und extrem multimedikamentenresistente Formen einer Erkrankung sind besonders schwer oder gar nicht mehr behandelbar, zum Beispiel bei Tuberkulose.
Tuberkulose
Etwa neun Millionen Menschen erkranken jährlich an Tuberkulose (TB). Viele von ihnen sind HIV-Infizierte mit schwachem Immunsystem (sog. Koinfektion). Die Krankheit betrifft vor allem die Lunge, mitunter aber auch andere Organe wie Nieren, Hirnhäute oder Lymphknoten. Eine effektive Behandlung ist möglich, aber langwierig und aufwendig. Ärzte ohne Grenzen nutzt ab 2011 ein neues Diagnose-Gerät, das die Krankheit schneller und sicherer diagnostiziert sowie eine Form der multimedikamentenresistenten-TB erkennt. In solchen Fällen sind die Krankheitserreger gegen die wichtigsten Medikamente resistent und die Patienten müssen zwei Jahre lang täglich Medikamente mit starken Nebenwirkungen einnehmen.

 

06. September 2003

Fotos: privat



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