Die internationale Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen begrüßt die Vereinbarung, die am 27. Mai 2006 bei der Weltgesundheitsversammlung erzielt wurde, als Durchbruch in der Arzneimittelforschung und -entwicklung für unentbehrliche Medikamente. Bei der jährlichen Versammlung einigten sich die Gesundheitsminister der Regierungen, Gespräche über einen weltweiten Aktionsplan zu beginnen, der insbesondere die Gesundheitsbedürfnisse der Menschen in ärmeren Ländern stärker berücksichtigen soll. Zudem sollen die Empfehlungen im Bericht der Kommission für intellektuelles Eigentum, Innovation und öffentliche Gesundheit (CIPIH) umgesetzt werden. Der im April veröffentlichte CIPIH-Bericht belegt einmal mehr grundsätzliche Mängel im gegenwärtigen System, weil Arzneimittelhersteller ihre Forschungsvorhaben ausschließlich an finanzstarken Märkten ausrichten.
"Im gegenwärtigen System werden die Arzneimittelforschung und -entwicklung durch hohe Medikamentenpreise und Patentmonopole finanziert", erklärt Ellen `t Hoen von der Medikamentenkampagne von Ärzte ohne Grenzen. "Dabei bleiben sehr viele Gesundheitsprobleme unberücksichtigt - und vor allem in Entwicklungsländern erhalten Millionen von Menschen nicht die Medikamente, die sie dringend benötigen." So zeigt eine Untersuchung von Ärzte ohne Grenzen, dass lediglich ein Prozent aller Medikamente, die zwischen 1974 und 2004 zur Marktreife entwickelt wurden, für die Behandlung von vernachlässigten Krankheiten wie der Schlafkrankheit, Tuberkulose oder Kala Azar geeignet sind. An diesen Krankheiten sterben jährlich Millionen von Menschen.
"Ohne politische Führung werden die eklatanten Lücken im bestehenden Forschungs- und Entwicklungssystem nicht geschlossen", so Ellen `t Hoen. "In dieser Woche haben die Gesundheitsminister nun eine solche Führungsrolle übernommen. Sie haben gezeigt, dass sie bereit sind, Prioritäten zu setzen. Und sie haben ihre Bereitschaft zum Ausdruck gebracht, neue Finanzierungsmodelle für Medikamentenneuentwicklungen zu suchen und Wege zu finden, damit alle Menschen Zugang zu innovativen Arzneimitteln bekommen."
Die nun verabschiedete Resolution basiert auf einer von Brasilien und Kenia eingebrachten Vorlage. In ihr einigen sich die Länder darauf, an einer "verbesserten und nachhaltigen Basis für die Forschung und Entwicklung zu unentbehrlichen Medikamenten" zu arbeiten, "die sich an den Bedürfnissen orientiert". Nach Ansicht von Ärzte ohne Grenzen wird damit gewährleistet, dass künftig medizinische Innovationen von den Bedürfnissen der Patienten und nicht nur von Profitinteressen vorangetrieben werden.
"Zum ersten Mal wird dem Ausmaß der Probleme und Bedürfnisse Rechnung getragen, die wir in unserer täglichen Arbeit mit Menschen aus ärmeren Ländern erleben", sagt Tido von Schön-Angerer, Koordinator Forschung und Entwicklung der Medikamentenkampagne. "Dies ist ein entscheidender erster Schritt auf dem Weg zu einer Arzneimittelforschung und -entwicklung, mit deren Hilfe Gesundheitsproblemen begegnet werden kann, die von der Pharmaindustrie bislang ignoriert werden."