"Mit der Zusage, die HIV-Behandlung binnen vier Jahren auf 15 Millionen Patienten auszudehnen, tragen die Regierungen den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen Rechnung, wonach die Behandlung der Krankheit neue Ansteckungen verhindert", sagt Sharonann Lynch, HIV/Aids-Expertin von Ärzte ohne Grenzen. "Die Uhr tickt, denn für eine wirksame Eindämmung der Krankheit ist jeder Tag entscheidend."
Inzwischen ist klar, dass die Behandlung von Aids-Patienten eine wirksame Form der Prävention darstellt, weil die Ansteckungsgefahr durch Medikamente um 96 Prozent sinkt. Mit einer ambitionierten Ausweitung der Behandlung könnten so laut UNAIDS bis zum Jahr 2020 zwölf Millionen Neuinfektionen und sieben Millionen Todesfälle verhindert werden. Dazu wären aber bis 2015 zusätzliche Mittel in Höhe von sechs Milliarden US-Dollar jährlich nötig. Trotzdem sind die Ausgaben zur Bekämpfung der Krankheit sowohl im Jahr 2009 als auch 2010 rückläufig, was effektive und erfolgreiche multilaterale Organisationen in finanzielle Bedrängnis bringt, wie den Globalen Fond zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria.
"Wir werden die Regierungen nicht an ihren Versprechungen messen, sondern daran, ob sie tatsächlich die notwendigen Mittel bereitstellen, dieser Krankheit wirksam und entschlossen zu begegnen", sagt Oliver Moldenhauer, Koordinator der Medikamentenkampagne von Ärzte ohne Grenzen in Deutschland. "Die Einigung 15 Millionen Menschen behandeln zu wollen ist ein Erfolg, aber belanglos wenn ihm nicht konkrete Taten folgen, denn nach wie vor fehlt neun Millionen Menschen der Zugang zu lebensnotwendigen Medikamenten."
Dazu müssen die Länder auch sicherstellen, dass die Medikamente bezahlbar bleiben, die für die Bekämpfung der Krankheit unerlässlich sind. Das setzt eine Politik voraus, die aktiv zur Preisreduzierung der Aids-Therapie beiträgt, indem beispielsweise Patentrechte gelockert werden statt diese noch zu verstärken. Insbesondere Freihandelsabkommen, wie jenes, das zwischen der EU und Indien aktuell verhandelt wird, stellen ein Hindernis für preisreduzierten Wettbewerb dar und gefährden so den Zugang zu lebensnotwendigen Medikamenten.
"Sechs Millionen Menschen mit anti-retroviralen Medikamenten zu versorgen, ist heute überhaupt erst möglich durch den massiven Preisverfall der entsprechenden Medikamente um 99 Prozent durch den Wettbewerb generischer Produzenten", sagt Michelle Childs von der Medikamentenkampagne von Ärzte ohne Grenzen. "Wenn die Regierungen heute die Ausweitung der Behandlung ernst meinen, muss endlich Schluss sein mit der widersprüchlichen Politik, die einerseits ehrgeizige Behandlungsziele setzt, aber anderseits immer neue Barrieren für eine günstige Generika-Produktion aufbaut."