Pakistan 2010: In der Provinz Baluchistan verteilen Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen Hilfsgüter. © Ärzte ohne Grenzen
 
Pakistan 2010: In der Provinz Baluchistan verteilen Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen Hilfsgüter.


Pakistan

"Ich bin so müde davon, vor dieser Flut davonzulaufen, ich kann einfach nicht mehr laufen" - Bericht

James Kambaki ist Projektkoordinator von Ärzte ohne Grenzen und berichtet aus Baluchistan:

 


Pakistan 2010: James Kambaki ist Projektkoordinator von Ärzte ohne Grenzen in Baluchistan. © Ärzte ohne Grenzen
Pakistan 2010: James Kambaki ist Projektkoordinator von Ärzte ohne Grenzen in Baluchistan.

Wir waren mit einer mobilen Klinik draußen auf dem Land, ungefähr 80 Kilometer von Dera Murad Jamali entfernt, als wir an einer Familie vorbeikamen, die am Straßenrand saß. Alle anderen Menschen waren geflohen - alles war überflutet. Diese Gruppe aber bewegte sich nicht von der Stelle. Der Vater war ungefähr 50 Jahre alt und sah total erschöpft aus. Er erzählte mir, er sei ein Bauer aus einem rund 200 Kilometer entfernten Dorf. Als die Fluten kamen, ging er zu Fuß mit seiner Familie in eine andere Stadt. Aber dann wurde auch diese Stadt überflutet und sie waren gezwungen weiterzuziehen. Das ist ihm fünf Mal passiert: Jedes Mal, nachdem er irgendwo angekommen war, wurde er innerhalb weniger Tage von den sich ausbreitenden Fluten gezwungen weiterzumarschieren, bis er schließlich hier landete. Der Mann war seit Wochen zu Fuß unterwegs und total erschöpft. Er sah mich an und sagte: " Ich bin so müde davon, vor dieser Flut davonzulaufen, ich kann einfach nicht mehr laufen."

Wenn man mit Menschen wie diesem Mann spricht, wird einem bewusst, dass die Situation für viele der Betroffenen immer schlimmer wird, obwohl sie sich für einige andere verbessert hat.

 

Immer mehr Fälle von Mangelernährung

Wir sehen nun tatsächlich immer mehr Fälle von Mangelernährung. Das war schon vor den Fluten ein Problem, aber seit den Überschwemmungen verschlimmert sich die Situation. Wir haben mit einem Hilfsprogramm begonnen und bislang 722 mangelernährte Kinder behandelt. Zuerst war das Ernährungszentrum in einem Krankenhaus, aber jetzt haben wir es in unsere mobilen Kliniken integriert. Das war eine Herausforderung, denn wir müssen sicherstellen, dass wir bei jedem Kind ein Follow-up machen. Wenn wir also am Montag an einem Ort sind und dort ein Kind behandeln, bedeutet dies, am nächsten Montag wieder dort zu sein und das Kind erneut zu versorgen.

Wenn man diese Kinder sieht, ist ihre Mangelernährung offensichtlich. Sie sind dünn und geschwächt, und bei manchen Kindern hat sich die Haarfarbe verändert. Statt dunkel ist das Haar jetzt seltsam braun. Ihre Augen sind so groß und traurig. Gestern haben wir 53 Kinder in das Programm aufgenommen, am Tag davor waren es 52 und am Tag davor 55. Die meisten Kinder werden mindestens 40 Tage im Ernährungsprogramm bleiben, und es wird lange dauern, bevor man ihnen große Fortschritte ansieht. Die Ernte der Menschen wurde komplett zerstört, und so wird das Problem nicht so schnell gelöst sein. Unser Ernährungsprogramm wird immer ausgelasteter, aber wir haben die Ressourcen, darauf zu reagieren und planen die Hilfe zu erweitern.

Ernährungszentrum
Mangelernährte Kinder werden in den meisten Fällen ambulant versorgt. In der Regel erhalten die Mütter eine kalorienreiche therapeutische Fertignahrung, die sie ihren Kindern über einen Zeitraum von rund sechs Wochen verabreichen können. Kranke, stark mangelernährte Kinder bleiben zur intensiven Behandlung im Ernährungszentrum.

 

Wir bereiten uns darauf vor, dass die Menschen wieder zurück aufs Land gehen

Die Anzahl der Durchfallerkrankungen ist immer noch besorgniserregend. Wir haben bisher 713 Menschen behandelt. Die Zahlen haben sich stabilisiert, aber ich bin immer noch beunruhigt. Das Wasser zieht sich zurück und der Wasserstand sinkt. Ein großes Problem ist aber, dass die Menschen jetzt nach Hause zurückgehen. Sie werden anfangen, schmutziges Wasser zu trinken. In Dera Murad Jamali chlorinieren wir Wasser und verteilen bis zu 450 Kubikmeter pro Tag mittels Tankern. Diese Menge ist die Mindestmenge an Wasser für rund 45.000 Menschen. Zusätzlich bauen wir Latrinen.

Wir bereiten uns darauf vor, dass die Menschen wieder zurück aufs Land gehen. In dem verbleibenden Wasser werden überall Moskitos brüten und Malaria und Dengue-Fieber könnten ausbrechen. Malaria hat es hier bisher nicht gegeben, das heißt, wenn es dazu kommt, wird es schlimm sein. Wegen dieses Risikos haben wir die Hygiene-Kits, die wir ausgeben, um Moskitonetze erweitert.

Abgesehen von diesen Herausforderungen werden wir unsere bisherige Arbeit in der Region fortsetzen. Obwohl wir schon vor den Überschwemmungen in Baluchistan waren, war vielen Menschen unsere medizinische Hilfe nicht bewusst. Die Menschen sehen und kennen uns jetzt. Sie schätzen, was wir tun. Das ist gut für uns und beflügelt uns, noch viel mehr zu tun.

Latrine
Plumpsklo
Malaria
Häufigste Tropenkrankheit, die durch die weibliche Anopheles-Mücke übertragen wird. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erkranken jährlich rund 225 Millionen Menschen an Malaria, annähernd eine Million Menschen sterben daran. Ärzte ohne Grenzen hat 2010 begonnen, bei schweren Erkrankungen die intravenöse Behandlung auf das neue Medikament Artesunat umzustellen und setzt sich für die weltweite Anwendung dieser Behandlung ein.
Dengue-Fieber
Durch Mücken übertragene Krankheit, die hauptsächlich in städtischen Ballungsgebieten Asiens und Lateinamerikas auftritt. Weltweit gibt es geschätzt mehr als 50 Millionen Fälle. Schwere Verlaufsformen können insbesondere bei Kindern tödlich verlaufen. Eine ursächliche Behandlung gegen das Dengue-Virus steht nicht zur Verfügung, nur die Symptome wie hohes Fieber, Kopf- und Muskelschmerzen können gelindert werden. Allein das Vermeiden von Mückenstichen bietet Schutz vor einer Erkrankung.

 

10. September 2010

Fotos: Ärzte ohne Grenzen



Länderinformationen

Pakistan
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Einwohner:166,037 Mio. Einw.
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Lebenserwartung (Frauen):65 J.
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