Pakistan 2010: Auf den Resten seines Hauses entpackt Imam Maulvi Assasulah das Notfallkit, das er von Ärzte ohne Grenzen erhalten hat. © Ton Koene
 
Pakistan 2010: Auf den Resten seines Hauses entpackt Imam Maulvi Assasulah das Notfallkit, das er von Ärzte ohne Grenzen erhalten hat.


Pakistan

Bedarf an Hilfe bleibt groß - Ärzte ohne Grenzen weitet Hilfsgüterverteilungen aus

Zwei Wochen nach Beginn der Überschwemmungen ist die Situation von Millionen Menschen in Pakistan nach wie vor dramatisch. Ärzte ohne Grenzen weitet den Hilfseinsatz in den Provinzen Khyber Pakhtunkhwa und Belutschistan weiter aus. Der Fokus liegt auf medizinischer Hilfe, der Bereitstellung von sauberem Trinkwasser und der Verteilung lebenswichtiger Hilfsgüter. Zusätzlich werden Erkundungen in den Provinzen Khyber Pakhtunkhwa, Belutschistan, Punjab und Sindh fortgesetzt.

 

Neben der Ausweitung der medizinischen Hilfe setzen Teams von Ärzte ohne Grenzen die Versorgung betroffener Familien mit Hilfsgütern und Trinkwasser fort, um ein Minimum an Lebensstandard zu garantieren und der Ausbreitung von Krankheiten vorzubeugen. Bis zum 10. August hat Ärzte ohne Grenzen in den Provinzen Khyber Pakhtunkhwa und Belutschistan Hilfsgüter an 5.143 Familien (36.000 Menschen) verteilt.

Ein typisches Hilfspaket (auch Nothilfe-Kit genannt) beinhaltet Kleidung, Seife, Zahnbürste, Handtücher, Rasierklingen, einen Eimer, einen Kanister, Decken, ein Moskitonetz sowie Abdeckplanen. Diese Hilfspakete können an spezifische lokale Bedürfnisse angepasst werden.

"Wenn es das Wetter erlaubt, werden wir diese Woche noch Tausende Kits in Khyber Pakhtunkhwa und Belutschistan verteilen", sagt Thomas Conan, Einsatzleiter von Ärzte ohne Grenzen in Pakistan. "Doch wir fürchten, dass insgesamt zu wenig für die betroffenen Familien getan wird. Zwei Wochen nach den ersten Überflutungen sind die Bedürfnisse der Menschen nach wie vor enorm hoch und nehmen zu. Es muss viel mehr getan werden."

Während einer Hilfsgüterverteilung in Khurasan, einem Lager afghanischer Flüchtlinge, kamen Menschen aus den benachbarten Dörfern und fragten nach Hilfsgütern, da sie noch keine Hilfe erhalten hatten. Ärzte ohne Grenzen konnte bei der Gelegenheit hundert Familien mehr helfen als für diesen Tag geplant. Es bleibt aber die Besorgnis über den generellen Mangel an Hilfe.

Eine große Herausforderung ist es, geeignete Plätze für Verteilungen zu finden. Viele Gebiete stehen nach wie vor unter Wasser, und selbst trockene Bereiche können am folgenden Tag überflutet sein. Verteilungen sind logistisch sehr aufwendig, da Tonnen von Material und dutzende Lastwägen gemanagt werden müssen.

Mobile Kliniken und andere Gesundheitseinrichtungen

Seit dem 1. August haben Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen mehr als 7.000 medizinische Konsultationen in verschiedenen von den Fluten betroffenen Gebieten durchgeführt. 1.800 dieser Konsultationen fanden in acht mobilen Kliniken statt, die in entlegene Gebiete oder an Orte mit vielen Menschen wie zum Beispiel Schulen oder Camps fahren.

Drei der mobilen Kliniken sind in Belutschistan unterwegs, vier in Khyber Pakhtunkhwa. Weitere mobile Kliniken werden bald unter anderem in Pir Sabak, in der Nähe von Nowshera, ihre Arbeit aufnehmen.

In Belutschistan ist eine mobile Klinik auf vier schwer mangelernährte Kinder gestoßen. Sie wurden in eine Klinik in Sobhatpur überwiesen. "Derzeit können wir keine Verbindung zwischen diesen Fällen von Mangelernährung und den Überschwemmungen herstellen", sagt Pierluigi Testa, der den Hilfseinsatz von Ärzte ohne Grenzen in Belutschistan koordiniert. "Wir werden die Ernährungssituation jedoch genau beobachten, da die Versorgungslage mit Lebensmitteln beunruhigend ist. Die nächste Ernte ist von den Überschwemmungen bedroht. In vielen Gebieten bleiben die Bedürfnisse dramatisch."

Sauberes Wasser dringend benötigt

Die Versorgung mit sauberem Wasser ist sehr wichtig, um den Ausbruch von Krankheiten zu verhindern. Wasser- und Hygiene-Teams von Ärzte ohne Grenzen arbeiten hart daran, den von den Überschwemmungen betroffenen Orten Trinkwasser zur Verfügung zu stellen. In Charsadda, Nowshera und Swat unterstützen Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen die lokalen Behörden bei der Reparatur des lokalen Wasserverteilungssystems. Gleichzeitig transportieren sie dringend benötigtes Wasser zu den betroffenen Familien.

Ärzte ohne Grenzen hat in Lower Dir und an acht Orten in Swat Wasserausgaben eingerichtet. Zusätzlich stellt Ärzte ohne Grenzen den Distriktkrankenhäusern von Lower Dir und Nowshera sauberes Wasser zur Verfügung. Drei weitere Wasserausgabestellen werden in Totakan, Isar Baba und Kalangai aufgebaut, nachdem die Straße wieder befahrbar ist.

Gestern hat das Wasser- und Hygiene-Team in Nowshera ein Bohrloch wieder instandgesetzt und konnte dadurch 35.000 Liter Wasser fördern und mit Lastautos an die Bevölkerung verteilen. Die täglich geförderte Menge sollte in den kommenden Tagen steigen.

In und um Charsadda stellt Ärzte ohne Grenzen sauberes Wasser an 21 mobilen Wasserausgaben auf Lastwägen und Minivans und sieben feststehenden Wasserblasen zur Verfügung.

Tägliche Erkundungen

Täglich finden weitere Erkundungen in Pakhtunkhwa und Baluchistan statt, um Menschengruppen zu finden, die Hilfe benötigen. Ärzte ohne Grenzen ist sehr besorgt, dass es noch immer viele Betroffene sowohl in abgelegenen Gebieten als auch in eigentlich gut zugänglichen Regionen gibt, die bisher keinerlei Unterstützung erhalten haben. Zwei Teams der Organisation erkunden derzeit auch die betroffenen Gebiete in den Distrikten Punjab und Sindh.

110 Tonnen Wasser- und Hygieneausrüstung, Medikamente, medizinisches und logistisches Material sind bereits in Pakistan angekommen. Weitere Hilfsgüter werden abhängig vom Bedarf folgen.

Insgesamt sind derzeit mehr als 100 internationale und 1200 nationale Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen in Pakistan im Einsatz.

Mobile Klinik
Kleinste und flexibelste Form der Gesundheitsversorgung. Sie wird vor allem in schwach bevölkerten oder entlegenen Gebieten eingesetzt. Das Team, oft ein Arzt und eine Krankenschwester, fährt mit dem Auto, Motorrad, Fahrrad oder Boot regelmäßig zu den Menschen, führt medizinische Untersuchungen durch und gibt Medikamente aus. Wenn nötig, organisiert das Team den Transport für schwer erkrankte Patienten in ein Krankenhaus.
Trinkwasser
Sauberes Wasser ist eine Voraussetzung zum Überleben und zur Vermeidung von Krankheiten. Mitarbeiter bohren Brunnen, organisieren Wassertransporte oder pumpen Flusswasser ab und entkeimen es, meist mit Chlor. Mindestens fünf Liter pro Tag braucht ein Mensch im Flüchtlingslager zum Überleben, 20 Liter sind unter diesen Bedingungen das Minimum zum Trinken, Waschen und Kochen.

 

11. August 2010

Fotos: Ton Koene



Länderinformationen

Pakistan
Pakistan
Fläche:796 095 km²
Einwohner:166,037 Mio. Einw.
Ärzte pro 1000 Einwohner:Ärzte: 0,7/1000 Einw.
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sterblichkeit:
79/1000 Geb.
Lebenserwartung (Männer):64 J.
Lebenserwartung (Frauen):65 J.
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