Myanmar/Birma
Ein Jahr nach dem Wirbelsturm Nargis ist die humanitäre Not ungebrochen
Tankred Stöbe, Vorstandsvorsitzender von Ärzte ohne Grenzen Deutschland, ist gerade von einem zweiwöchigen Projektbesuch aus Myanmar zurückgekehrt und berichtet von der aktuellen Situation.
Tankred Stöbe berichtet, wie er die Situation in Myanmar erlebt hat.
Vor einem Jahr fegte der Wirbelsturm Nargis über das Irrawady-Delta hinweg und hat 140.000 Leben ausgelöscht. Mehr als zwei Millionen Betroffene waren auf externe Hilfe angewiesen. Ärzte ohne Grenzen arbeitet seit 1992 in Myanmar und konnte gleich nach dem Wirbelsturm umfangreich im Delta tätig werden. Mehr als 750 nationale und internationale Helfer versorgten die Betroffenen mit medizinischer Hilfe, Nahrungsmittel,
Trinkwasser und Materialien zum Überleben und Wiederaufbau. Im Oktober letzten Jahres hat sich die Lage so weit beruhigt, dass wir die medizinischen Projekte schließen konnten. Wir unterstützen aber noch Menschen in den weit abgelegenen Regionen mit Nahrungsmitteln und sauberem Wasser. Außerdem bieten wir psychologische Unterstützung für die Überlebenden an. Denn Mediziner von Ärzte ohne Grenzen haben Ende 2008 festgestellt, dass sich die Symptome von posttraumatischen Stressreaktionen zu Angstzuständen entwickelt haben. Es kommt häufig vor, dass Menschen traumatische Erlebnisse nicht vollständig verarbeiten und insbesondere ein Jahrestag dann zu verstärktem Stress führen kann.
- Trinkwasser
- Sauberes Trinkwasser ist eine Voraussetzung zum Überleben und zur Vermeidung von Krankheiten. Mitarbeiter bohren Brunnen, organisieren Wassertransporte oder pumpen Flusswasser ab und entkeimen es, meist mit Chlor. Mindestens fünf Liter pro Tag braucht ein Mensch im Flüchtlingslager zum Überleben, Ziel sind jedoch mindestens 20 Liter zum Trinken, Waschen und Kochen.
Ein Drittel der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze
Trotz hohen Medieninteresses nach dem Wirbelsturm wurde wenig über die allgemeine Situation der Menschen in Myanmar bekannt. Die humanitäre Dauerkrise geht unterdes weitgehend unbemerkt weiter: Ein Drittel der Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze. Im Vergleich mit den elf Nachbarländern in der Region ist die Lebenserwartung hier am geringsten und die Frühgeborenen- und Kleinkindersterblichkeit am höchstem. Die eigentlich leicht behandelbare Malaria-Infektion ist die häufigste Todesursache, aber auch Tuberkulose und HIV/Aids bleiben weithin ignoriert und fordern unzählige Menschenleben. Ärzte ohne Grenzen wird bis Jahresende mehr als 11.000 Patienten mit antiretroviralen Medikamenten (ARV) behandeln und damit mehr als 80 Prozent aller in Myanmar therapierten Aids-Kranken.
- Aids
- acquired immune deficiency syndrome: erworbenes Immunmangelsyndrom
- Malaria
- Häufigste Tropenkrankheit, die durch die weibliche Anopheles-Mücke übertragen wird. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erkranken 300 bis 500 Millionen Menschen jährlich an Malaria, mehr als eine Million Menschen sterben daran. Ärzte ohne Grenzen setzt sich für die Behandlung mit schnell wirksamen und gut verträglichen Kombinationspräparaten auf der Basis des Wirkstoffs Artemisinin (ACT) ein.
- Tuberkulose
- Rund neun Millionen Menschen erkranken jährlich an Tuberkulose, vor allem in ärmeren Ländern. Die Krankheit betrifft vor allem die Lunge, mitunter aber auch andere Organe wie Nieren, Hirnhäute oder Lymphknoten. Tuberkulose ist häufig eine opportunistische Infektion bei HIV/Aids. Eine effektive Behandlung ist möglich, aber langwierig und aufwändig. Zunehmend werden die multiresistente (MDR-TB) sowie die extrem multiresistente Form (XDR-TB) der Tuberkulose diagnostiziert. In diesem Fall sind die Krankheitserreger
gegen die meisten Medikamente resistent, und die Patienten müssen 18 bis 24 Monate lang täglich rund 20 Tabletten mit starken Nebenwirkungen einnehmen. Die Behandlung der extrem multiresistenten Form der Tuberkulose (XDR-TB) ist praktisch unmöglich.
Es ist unerträglich, todkranke Patienten abzuweisen
Das mag eindrucksvoll klingen und ist doch ein problematisches Ergebnis – in mehrerer Hinsicht: Als Ärzte ohne Grenzen ersetzen wir hier beinahe vollständig das eigentlich verantwortliche Gesundheitsministerium, das seiner Verpflichtung nicht nachkommt. Gerade einmal 0,80 US-Dollar gibt die Regierung für die Gesundheit pro Bürger im Jahr aus, was 0,3 Prozent des Bruttoinlandproduktes entspricht. Kein anderes Land unterbietet diesen krankmachenden Rekord. Von den 240.000 HIV-Infizierten benötigen 76.000 die lebensrettenden Medikamente, aber nur jeder Vierte erhält sie. Ärzte ohne Grenzen setzt sich dafür ein, den Globalen Fonds im Kampf gegen HIV/Aids, Tuberkulose und Malaria für Myanmar zu gewinnen. Aber auch mit Unterstützung des Globalen Fonds bleibt die Hoffnung auf Veränderung gering.
Mit einem unserer weltweit größten HIV/Aids-Projekte stoßen wir zunehmend an unsere Grenzen, andererseits ist es für unsere Mitarbeiter in den Kliniken unerträglich, todkranke Patienten abzuweisen, weil sie wissen, dass es im Land praktisch keine anderen Behandlungsmöglichkeiten gibt.
Wenn das nationale Gesundheitssystem und die internationale Gemeinschaft nicht schnell und umfassend die dringend benötigte medizinische Hilfe gewähren, wird das Leid für die Bevölkerung von Myanmar weiter wachsen.
- Aids
- acquired immune deficiency syndrome: erworbenes Immunmangelsyndrom
- Malaria
- Häufigste Tropenkrankheit, die durch die weibliche Anopheles-Mücke übertragen wird. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erkranken 300 bis 500 Millionen Menschen jährlich an Malaria, mehr als eine Million Menschen sterben daran. Ärzte ohne Grenzen setzt sich für die Behandlung mit schnell wirksamen und gut verträglichen Kombinationspräparaten auf der Basis des Wirkstoffs Artemisinin (ACT) ein.
- Tuberkulose
- Rund neun Millionen Menschen erkranken jährlich an Tuberkulose, vor allem in ärmeren Ländern. Die Krankheit betrifft vor allem die Lunge, mitunter aber auch andere Organe wie Nieren, Hirnhäute oder Lymphknoten. Tuberkulose ist häufig eine opportunistische Infektion bei HIV/Aids. Eine effektive Behandlung ist möglich, aber langwierig und aufwändig. Zunehmend werden die multiresistente (MDR-TB) sowie die extrem multiresistente Form (XDR-TB) der Tuberkulose diagnostiziert. In diesem Fall sind die Krankheitserreger
gegen die meisten Medikamente resistent, und die Patienten müssen 18 bis 24 Monate lang täglich rund 20 Tabletten mit starken Nebenwirkungen einnehmen. Die Behandlung der extrem multiresistenten Form der Tuberkulose (XDR-TB) ist praktisch unmöglich.
Dr. Tankred Stöbe, Vorstandsvorsitzender Ärzte ohne Grenzen Deutschland
28. April 2009
Fotos: Ärzte ohne Grenzen, Barbara Sigge