Kirgisistan
Die Aktivitäten von Ärzte ohne Grenzen im Überblick
Bei den Unruhen im April 2010 wurde der kirgisische Präsident Kurmanbek Bakijew gestürzt. Im Juni kam es im Süden des Landes zu gewalttätigen Ausschreitungen zwischen kirgisischen und usbekischen Bevölkerungsgruppen. Ärzte ohne Grenzen konnte in beiden Fällen Menschen helfen, die in Not geraten waren. Das Tuberkulose-Projekt für Häftlinge lief davon unberührt weiter.
Die Aktivitäten im Einzelnen (Auszug)
- Als die Unruhen in der Hauptstadt Bischkek im April begannen, versorgte Ärzte ohne Grenzen vier Gesundheitszentren mit Medikamenten und medizinischem Material. Im Süden spendeten die Teams bereits kurz nach Ausbruch der Ausschreitungen im Juni medizinisches Material und Arzneimittel an Krankenhäuser und Kliniken in den Provinzen Osch und Jalalabad. Rund 400.000 Usbeken wurden vertrieben und etwa 2.000 Häuser zerstört. Viele Menschen, die eine Behandlung benötigt hätten, trauten sich nicht, ihre Gemeinden zu verlassen. Aus diesem Grund startete Ärzte ohne Grenzen zwischen Juni und August 2010 mobile Kliniken. Psychologische Mitarbeiter führten mehr als 600 Sprechstunden durch, und 3.700 Patienten nahmen an rund 550 Gruppentherapie-Sitzungen teil.
- Noch Monate später hinderten die Spannungen und das Misstrauen zwischen den Bevölkerungsgruppen viele Menschen daran, medizinische Hilfe aufzusuchen. Ärzte ohne Grenzen identifizierte 50.000 Menschen aller ethnischen Gruppen in zehn Distrikten der Stadt Osch als besonders bedürftig: Einige hatten ihr Zuhause, ihre Arbeit oder Lebensgrundlage während der Ausschreitungen verloren. Andere, wie alleinerziehende Mütter, ältere Menschen mit sehr kleinen Renten oder größere Familien ohne Einkommen, lebten bereits unter prekären Bedingungen vor den Unruhen im Juni. Die Teams von Ärzte ohne Grenzen arbeiteten in fünf öffentlichen Einrichtungen und halfen diesen Menschen auf unparteiische und neutrale Weise.
- Seit dem Jahr 2005 behandelt Ärzte ohne Grenzen Häftlinge, die mit Tuberkulose (TB) infiziert sind. Über die Jahre ist die Zahl der Neuinfizierten in den Gefängnissen zurückgegangen: von 700 Patienten im Jahr 2006 auf 350 im Jahr 2010. Das liegt vor allem daran, dass sich die Anzahl der Häftlinge verringert hat. Etwa zwei Drittel der infizierten TB-Patienten in den Haftanstalten leidet unter den verschiedenen Formen der medikamentenresistenten Tuberkulose. Die Behandlung dieser TB ist besonders lang und schwierig. Im Jahr 2010 behandelte Ärzte ohne Grenzen 230 neue TB-Patienten. Patienten mit der Diagnose Tuberkulose werden an drei Gefängnisse in und um Bischkek überwiesen. Hier arbeiten die Teams von Ärzte ohne Grenzen gemeinsam mit dem Gesundheitsministerium, den Gefängnisbehörden und Organisationen wie dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz. Eine der größten Herausforderungen ist sicherzustellen, dass die Patienten nach ihrer Entlassung regelmäßig behandelt werden. Denn ein Drittel der Insassen wird entlassen, bevor sie ihre Behandlung abgeschlossen haben. Ärzte ohne Grenzen unterstützt daher entlassene Häftlinge, damit sie ihre Behandlung bis zum Schluss durchhalten. Im Jahr 2010 wurden 78 Gefangene entlassen. Zum Jahresende nahmen 57 von ihnen noch immer Medikamente ein. Ärzte ohne Grenzen setzt sich auch für ein nationales Tuberkulose-Kontrollprotokoll im Strafvollzug ein.
- Tuberkulose
- Etwa neun Millionen Menschen erkranken jährlich an Tuberkulose (TB). Viele von ihnen sind HIV-Infizierte mit schwachem Immunsystem (sog. Koinfektion). Die Krankheit betrifft vor allem die Lunge, mitunter aber auch andere Organe wie Nieren, Hirnhäute oder Lymphknoten. Eine effektive Behandlung ist möglich, aber langwierig und aufwendig. Ärzte ohne Grenzen nutzt ab 2011 ein neues Diagnose-Gerät, das die Krankheit schneller und sicherer diagnostiziert sowie eine Form der multimedikamentenresistenten-TB erkennt. In solchen Fällen sind die Krankheitserreger gegen die wichtigsten Medikamente resistent und die Patienten müssen zwei Jahre lang täglich Medikamente mit starken Nebenwirkungen einnehmen.
Ärzte ohne Grenzen arbeitet seit 2005 in Kirgisistan.
31. Mai 2011
Fotos: William Daniels / Panos pictures