Indien / Nepal

Ärzte ohne Grenzen versorgt Opfer der Überschwemmungen in Nepal und im indischen Bihar medizinisch und verteilt Hilfsgüter

Nach den verheerenden Überschwemmungen in Indien und Nepal leisten Teams von Ärzte ohne Grenzen im indischen Bundesstaat Bihar und im nepalesischen Saptari medizinische Hilfe. In Indien verteilen die Mitarbeiter zudem in verschiedenen Orten und Vertriebenencamps Hilfsgüter und haben damit begonnen, die Situation in den Bezirken Araria (dem am stärksten betroffenen Gebiet), Supaul, Purnia und Madhepura zu erkunden.

Indien 2008: Von der Flut betroffene Dorfbewohner in Bihar werden evakuiert. © Rupak De Chowdhuri/Reuters, courtesy www.alertnet.org
Indien 2008: Von der Flut betroffene Dorfbewohner in Bihar werden evakuiert.

Seit die Straßen in Bihar wieder passierbar sind, organisiert Ärzte ohne Grenzen in verschiedenen Orten mobile Kliniken, besonders in den westlichen Regionen des Distriktes Araria, wo die Hilfe bisher noch nicht angekommen ist. Die Teams haben die Bedürfnisse evaluiert und am vergangenen Dienstag allein in der Region Parwaha mehr als hundert Patienten medizinisch behandelt.

Die von den Überschwemmungen Vertriebenen haben sich in behelfsmäßigen Lagern gesammelt. Einige leben im Freien, andere geschützt in Gebäuden, wie Schulen -
aber alle unter schlimmen hygienischen Bedingungen. Der Zugang zu Trinkwasser ist auf einige Handpumpen begrenzt, und es gibt nur wenige Latrinen. Auch Duschen und Hygieneartikel wie Seife fehlen.

Latrine
Plumpsklo
Trinkwasser
Sauberes Wasser ist eine Voraussetzung zum Überleben und zur Vermeidung von Krankheiten. Mitarbeiter bohren Brunnen, organisieren Wassertransporte oder pumpen Flusswasser ab und entkeimen es, meist mit Chlor. Mindestens fünf Liter pro Tag braucht ein Mensch im Flüchtlingslager zum Überleben, 20 Liter sind unter diesen Bedingungen das Minimum zum Trinken, Waschen und Kochen.

 

Vermutlich viele Menschen vom Wasser eingeschlossen

Offizielle Schätzungen sprechen von derzeit etwa 50 Camps in vergleichbarem Zustand in den betroffenen Regionen mit insgesamt etwa 30.000 Menschen. Zu einigen Regionen, die immer noch überflutet sind, gibt es keinen Zugang. Möglicherweise sind noch annähernd 400.000 Menschen vom Wasser eingeschlossen - wenn der Wasserspiegel sinkt, werden auch sie unter Umständen in die Camps kommen.

"Ausbrüche von Epidemien wurden bis jetzt noch nicht gemeldet. Wir müssen jedoch in Alarmbereitschaft sein und schnell reagieren, da sich die Situation verschlechtern könnte. Wir sind alle beunruhigt, weil es viele Menschen gibt, die wir noch nicht erreichen konnten", erklärte Björn Nissen, Landeskoordinator von Ärzte ohne Grenzen in Indien.

Ärzte ohne Grenzen hat bisher fünf Lastwagen mit 15.500 Planen, 4.200 Decken, 15.000 Kanistern, 15.000 Seifen und 3.000 Wasserreinigungstabletten geschickt und an 7.500 Familien verteilt. In den nächsten Tagen haben die Regionen Bhargama und Narpatganj (beide Distrikt Araria) und Banmakee (Distrikt Purnia) Vorrang, ebenso wie Chhatapur (Distrikt Supaul), eine schwer getroffene Region, zu der bis jetzt kein Zugang möglich ist.

Epidemie
gehäuftes Auftreten einer Infektionskrankheit. Die Epidemie ist sowohl örtlich als auch zeitlich begrenzt.

 

Salze gegen Dehydrierung und medizinische Hilfe entscheidend

Am Dringendsten benötigt die Bevölkerung Schutzplanen, Tabletten zur Wasserreinigung, Küchenutensilien und Hygieneartikel. Entscheidend sind auch Salze gegen Dehydrierung und medizinische Hilfe, um Krankheiten vorzubeugen und zu behandeln, die hauptsächlich mit der schlechten Wasserqualität in Verbindung stehen.

Für Ärzte ohne Grenzen sind acht Mitarbeiter hauptsächlich aus dem laufenden Kala Azar-Projekt in Bihar im Einsatz. Zu ihnen gehören Ärzte und weiteres Gesundheitspersonal, Logistiker und Wasser- und Sanitärexperten. Ein weiteres Team ist auf dem Weg in die betroffene Region, um die Bedürfnisse zu evaluieren und die bereits arbeitenden Teams möglicherweise zu verstärken.

Kala Azar
Gefährlichste Form der Infektionskrankheit Leishmaniose, die durch Mücken (Phlebotomen) übertragen wird. Kala-Azar greift das Immunsystem an und kann tödlich verlaufen. Betroffen sind jährlich etwa 500.000 Menschen, vor allem in Bangladesch, Brasilien, Indien, Nepal und im Sudan; in letzter Zeit verstärkt auch in einigen Mittelmeerländern.
Logistik
Planung und Organisation aller Aufgaben, die zur Durchführung der Projekte notwendig sind.

 

Klinik für Kinder und Notfälle errichtet

In Nepal versorgt Ärzte ohne Grenzen nach den Überschwemmungen rund 27.000 Menschen. Mitte August hat dort nach starken Regenfällen der Fluss Saptakoshi den Distrikt Sunsari im Südosten des Landes überflutet. Rund 54.000 Menschen wurden obdachlos. Sie leben nun in selbstgebauten Lagern und wie in Bihar unter prekären hygienischen Bedingungen. Die Bewohner leiden unter anderem an Durchfallerkrankungen und Lungenentzündungen.

Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen haben im Distrikt Saptari westlich der Überflutungen eine Klinik aufgebaut, die sich vor allem um Kinder unter fünf Jahren und die Behandlung von Notfällen kümmert. Das Team betreibt außerdem mobile Kliniken, denn viele Überlebende ziehen auf der Suche nach einer neuen Bleibe noch immer durch die Region. Unter ihnen sind nicht nur Nepalesen sondern auch Betroffene der Überschwemmungen im indischen Bihar.

Die Teams von Ärzte ohne Grenzen beobachten die Lage der Menschen sehr genau. Derzeit bereiten sie sich auf einen möglichen Choleraausbruch und die Errichtung eines Behandlungslagers vor.

Cholera
Schwere Durchfallerkrankung, die lebensgefährlich sein kann und durch unterschiedliche Erregervarianten des Bakteriums Vibrio cholerae hervorgerufen wird. Die Übertragung erfolgt durch verschmutztes Trinkwasser, verunreinigte Lebensmittel oder direkten Kontakt mit Erkrankten. Ärzte ohne Grenzen isoliert die Patienten in Cholera-Behandlungszentren und therapiert sie vor allem mit einer Rehydratationslösung, um den hohen Elektrolyt- und Flüssigkeitsverlust auszugleichen. In den meisten Fällen gelingt es, die Sterblichkeit auf unter ein Prozent zu senken. Ohne Behandlung liegt sie bei bis zu 40 Prozent.

 

10. September 2008

Fotos: Rupak De Chowdhuri/Reuters, courtesy www.alertnet.org



Länderinformationen

Indien
Indien
Fläche:3 166 414 km²
Einwohner:1139,965 Mio. Einw.
Ärzte pro 1000 Einwohner:Ärzte: 0,6/1000 Einw.
Säuglings-
sterblichkeit:
56/1000 Geb.
Lebenserwartung (Männer):63 J.
Lebenserwartung (Frauen):64 J.
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