Indien

Ärzte ohne Grenzen beginnt Kala Azar-Behandlung in Bihar - die ersten Patienten sind Kinder

Ärzte ohne Grenzen hat mit der Behandlung von Kala Azar-Kranken im indischen Bihar begonnen. Der Bundesstaat Bihar ist einer der ärmsten des Landes und liegt an der Grenze zu Nepal. Weltweit leben hier die meisten an Kala Azar (viszerale Leishmaniose) Erkrankten. Ärzte ohne Grenzen hatte sich bei den zuständigen Behörden mehr als ein Jahr um die Öffnung des neuen Programms bemüht.

Indien 2007: Lange erwartet: Kala-Azar Behandlung in Bihar © Javier Roldan/MSF
Indien 2007: Lange erwartet: Kala-Azar Behandlung in Bihar

Am 16. Juli 2007 erreicht der Junge Vishal Kumar das Krankenhaus Hajipur Sadr im Bezirk Vaishali in Bihar. Vishal ist einer der ersten Patienten, die in dem neuen, lang erwarteten Ärzte ohne Grenzen-Projekt wegen viszeraler Leishmaniose behandelt werden. Bei dieser Form der Leishmaniose, die die gefährlichste und tödlichste ist, greifen die Parasiten das Immunsystem an. In Indien wird die Krankheit auch Kala Azar genannt. Das ist Hindi und bedeutet "schwarzes Fieber". Die häufigsten Krankheitssymptome sind Fieber, Blutarmut, eine vergrößerte Milz und ein allgemein stark geschwächtes Immunsystem. Wenn Kala Azar nicht behandelt wird, verläuft die Krankheit in der Regel tödlich: Die Erkrankten sterben innerhalb von vier Monaten nach der Infektion.

Jedes Jahr erkranken weltweit zwei Millionen Menschen an Kala Azar. 80 Prozent der Infizierten leben in Indien und von ihnen wiederum 90 Prozent in Bihar. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass sich jährlich 200.000 Menschen in Bihar mit Kala Azar anstecken. Die kostenlose Behandlung, die von der indischen Regierung bereitgestellt wird, ist nicht effektiv genug. Gegen das gängige Medikament Natrium-Stibogluconat (SSG) sind 60 Prozent der Parasiten resistent. Von privaten Ärzten wird eine alternative Behandlung angeboten. Diese ist jedoch ein Luxus, den sich die Mehrheit der an Kala Azar leidenden Menschen nicht leisten kann.

Immunsystem
Abwehrsystem des Körpers
Kala Azar
Gefährlichste Form der Infektionskrankheit Leishmaniose, die durch Mücken (Phlebotomen) übertragen wird. Kala-Azar greift das Immunsystem an und kann tödlich verlaufen. Betroffen sind jährlich etwa 500.000 Menschen, vor allem in Bangladesch, Brasilien, Indien, Nepal und im Sudan; in letzter Zeit verstärkt auch in einigen Mittelmeerländern.
Parasiten
Schmarotzer: Lebewesen, die teilweise oder vollständig auf Kosten anderer Organismen leben.

 

Reaktion auf Behandlung sehr positiv

Zusammen mit Vishal wurden in der ersten Woche fünfzehn weitere Kinder in das neue Kala Azar-Programm aufgenommen. In ihm setzt Ärzte ohne Grenzen ein sehr teures, aber auch sehr effektives Medikament ein. Es vereinfacht die Behandlung enorm und reduziert die Dauer der Therapie von 30 auf 10 Tage. Das Mittel Amphotericin B Liposomal, auch bekannt als Ambisomeâ, wird vom Hersteller Gilead produziert. In der Vergangenheit wurde Ambisomeâ nur als Medikament der zweiten Therapielinie verwendet. Ärzte ohne Grenzen nutzt es als neue Alternative der ersten Behandlungslinie und bemüht sich um eine Preissenkung und mehr Forschung. So scheint beispielsweise die Kombination mehrerer Medikamente möglich, was die Behandlung günstiger machen würde.

In den ersten 21 Tagen des Programms wurden 92 Patienten aufgenommen. Die Hälfte von ihnen konnte bereits wieder entlassen werden. Bislang ist die Reaktion auf die Behandlung sehr positiv, obwohl eine volle Genesung erst erreicht ist, wenn der Patient sechs Monate nach Behandlungsende keine klinischen Anzeichen oder Symptome mehr zeigt. Im Moment werden Patienten nur im Krankenhaus von Hajipur behandelt. Die Behandlung soll jedoch in den kommenden Monaten auf drei weitere Gesundheitszentren ausgedehnt werden.

Kala Azar
Gefährlichste Form der Infektionskrankheit Leishmaniose, die durch Mücken (Phlebotomen) übertragen wird. Kala-Azar greift das Immunsystem an und kann tödlich verlaufen. Betroffen sind jährlich etwa 500.000 Menschen, vor allem in Bangladesch, Brasilien, Indien, Nepal und im Sudan; in letzter Zeit verstärkt auch in einigen Mittelmeerländern.

 

 

9. August 2007

Fotos: Javier Roldan/MSF



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