China

"Die starke gesellschaftliche Unterstützung wird einen großen Einfluss auf die Genesung der Menschen haben" - Interview mit der Psychologin Marlene Lee

Viele Überlebende des Erdbebens vom 11. Mai in Sichuan haben nicht nur ihren Besitz, sondern auch Freunde und Angehörige verloren. Sie stehen immer noch unter Schock und benötigen dringend psychologische Hilfe. Ein Team mit vier Psychologen und einem Sozialarbeiter arbeitet im Moment in Long Men Shan (Stadt Pengzhou) und Hanwang (Stadt Mianzhu). Marlene Lee betreut in Sichuan Überlebende psychologisch und berichtet von der Arbeit vor Ort.

China 2008: Zum psychosozialen Programm von Ärzte ohne Grenzen gehört auch die Information der Bevölkerung über mögliche Symptome nach einem Erdbeben. © Marlene Lee
China 2008: Zum psychosozialen Programm von Ärzte ohne Grenzen gehört auch die Information der Bevölkerung über mögliche Symptome nach einem Erdbeben.

Welche psychologischen Probleme sind Ihnen in Sichuan nach dem Erdbeben begegnet?

Die Reaktionen der Opfer haben sich danach unterschieden, wie nah sie der Katastrophe waren. Bei den schwer Verletzten, deren Häuser völlig zerstört wurden, die nur mit ihrer Kleidung am Leib geflohen sind und Familie oder Freunde verloren haben, sahen wir zum Beispiel Zeichen von Hilflosigkeit, Hoffnungslosigkeit und Sorge um ihre Zukunft und körperliche Gesundheit.

Aber auch bei den Opfern, die relativ kleine Verletzungen haben, und die aus Gegenden kamen, in denen Häuser und Gebäude noch intakt sind, die keine Familienmitglieder oder Freunde verloren haben, begegneten wir psychosomatischen Anzeichen, einschließlich Schlaflosigkeit, Appetitlosigkeit, Übelkeit und Kopfschmerzen. Viele Personen sagten auch, dass sie Albträume haben, nervös und ängstlich sind und Nachbeben fürchten.

 

Können Sie Beispiele für die heftigsten Reaktionen nach dem Beben nennen?

Als Psychologin ist es sehr schlimm, diese Hoffnungslosigkeit bei einem Patienten zu sehen. Ich erinnere mich, dass ich einen 102-jährigen Großvater in einem der Lager getroffen habe. Es ist hart, einen 102-Jährigen zu sehen, der seine Urenkel überlebt. Er hat alle Urenkel verloren und viele seiner eigenen Kinder. Er konnte nicht aufhören zu weinen. Wenn Du in diesem Alter bist, fragst du dich, was die Zukunft bringt. Ebenso, wieso du diese Katastrophe überlebt hast, weil du in eigenen Worten ein "nutzloser 102-Jähriger" bist. Wohingegen deine Urenkel eine große Zukunft vor sich hatten, ebenso wie die anderen, die gestorben sind.

 

Gibt es unter den Erdbebenopfern Menschen, die besonders dringend psychologische Hilfe brauchen?

In der Folge jeder großen Katastrophe gibt es zahlreiche gefährdete Gruppen. Zum einen sind es kleine Kinder, besonders diejenigen, die verwaist oder Tod und Verletzungen ausgesetzt sind. Zum anderen sind es die Älteren, die tendenziell vernachlässigt werden. Eine dritte Gruppe umfasst diejenigen, die Freunde oder Familie verloren haben. Für Eltern von toten oder vermissten Kindern ist es schwer, besonders bei Chinas Ein-Kind-Politik. Zusätzlich könnten die Hilfsarbeiter von psychologischer Unterstützung profitieren. In Sichuan sind viele von ihnen in die Such- und Rettungsarbeiten involviert, ebenso wie in die Bereitstellung von medizinischer Hilfe.

 

Wie hat Ärzte ohne Grenzen auf die Notlage nach dem Erdbeben reagiert?

Wir haben direkt nach dem Beben mit der Arbeit begonnen. Dabei haben wir uns auf folgendes konzentriert: Beurteilung der benötigten psychologischen Hilfe in den Krankenhäusern und den Lagern der Vertriebenen, Beratung im psychologischen Hilfszentrum des West China Krankenhauses, psychologische Unterstützung der Erdbebenopfer in zwei Krankenhäusern und Fortbildung des medizinischen Personals im Bereich der psychischen Gesundheit. Wir haben Kontakt zu den Gemeinden aufgebaut und sie über zu erwartende Reaktionen der Menschen auf das Beben und mögliche Selbsthilfestrategien aufgeklärt.

 

Haben sie während ihrer Untersuchungen Anzeichen gesehen, dass die Opfer das Beben bewältigen?

Der starke Gruppenzusammenhalt und die Solidarität unter den Menschen, die sich gegenseitig, nicht nur auf Ebene der Familien, sondern auch als Gemeinschaft unterstützt haben, ist meine herausstechende Beobachtung. Dorfbewohner, die Menschen in ihrem Dorf helfen, sagen zu uns: "Wisst ihr, es ist eine schwere Zeit für uns, aber wir meistern sie und glauben, dass die Menschen in dem anderen Dorf eure Hilfe mehr brauchen." Es gibt eine starke gesellschaftliche Unterstützung, die einen großen Einfluss auf die Genesung nach dem Trauma und einen beschützenden Faktor für die chinesische Bevölkerung haben wird.

 

Mai 2008

Fotos: Marlene Lee



Länderinformationen

China (Volksrepublik)
China (Volksrepublik)
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