Kolumbien 2010: Die Oberschwester Melania Raga Bejarano kümmert sich um Daniela Mosquero Mena, die nach einer anstrengenden Geburt ein kleines Mädchen zur Welt gebracht hat. © Mads Nissen
 
Kolumbien 2010: Die Oberschwester Melania Raga Bejarano kümmert sich um Daniela Mosquero Mena, die nach einer anstrengenden Geburt ein kleines Mädchen zur Welt gebracht hat.


Kolumbien

"Was für eine Veränderung!" - durch die Unterstützung von Ärzte ohne Grenzen haben sich Geburtshilfeaktivitäten in Quibdó massiv verbessert

im Nordwesten Kolumbiens ist die ärmste Region des Landes und hat eine der höchsten Müttersterblichkeitsraten. Ärzte ohne Grenzen begann dort 2005 im San Francisco de Asis-Krankenhaus in Quibdó zu arbeiten. Für eine Bevölkerung mit 235.000 Frauen im gebärfähigen Alter ist es die einzige Klinik, die Geburtshilfe leistet. Ärzte ohne Grenzen konnte die Qualität der Versorgung deutlich verbessern und die Müttersterblichkeit senken. Daher beendet die Organisation jetzt die Aktivitäten in diesem Projekt. Die Oberschwester Melania Raga Bejarano arbeitet seit zehn Jahren im San Francisco de Asis-Krankenhaus und berichtet im Interview von den enormen Veränderungen dort.

Welche Veränderungen hast du in den vergangenen Jahren auf der Geburtshilfestation mitbekommen?

Die wichtigste Veränderung ist, dass die Mütter nicht mehr sterben. Im Jahr 2004 starben beispielsweise noch 14 Frauen bei der Geburt. In diesem Jahr ist dabei noch keine Frau gestorben. Das ist für mich am allerwichtigsten.

 

Wie kommt das?

Früher hatten wir keine ausreichenden Möglichkeiten, um sie zu versorgen - jetzt haben wir sie. Es gab nicht genug Ärzte und Krankenschwestern, es gab keine Ausstattung und keine Medikamente - unsere Situation war traurig. 2005 hatten wir z.B. noch kein Ultraschall. Es gab noch nicht einmal einen Rollstuhl. Es gab Bereiche auf der Geburtshilfestation, da gab es überall Löcher in der Decke. Als Ärzte ohne Grenzen kam, behoben sie das als erstes. Dann stellten sie uns 30 Betten zur Verfügung. Heute haben wir allein auf der Station 46 Betten.

 

Was hat neben der verbesserten Infrastruktur zur Senkung der Müttersterblichkeit beigetragen?

Das Training, das wir erhalten haben. Zum Beispiel hat Ärzte ohne Grenzen Pflegepersonal und Helfer in Notfallbehandlungen wie nachgeburtlichen Blutungen trainiert. Die Mehrzahl der Todesfälle, die wir hatten, passierte in den zwei Stunden nach der Geburt.

 

Wie hat sich die Arbeit im Einzelnen verändert?

Als Ärzte ohne Grenzen begann, hier zu arbeiten, wurde noch fast alles vom Pflegepersonal und den Hilfskräften gemacht. Es war nicht wie jetzt, wo jeder eigene Verantwortlichkeiten hat. Früher hat das Pflegepersonal die Arbeit der Ärzte gemacht, denn viele der Ärzte hatten Bereitschaftsdienst und waren dann einfach weg. Jetzt verlässt niemand einfach die Station und alle sind engagiert. Das ist das Erbe, das Ärzte ohne Grenzen uns hinterlässt. Und wir haben diese tollen Räume. Hast du den Geburtsraum gesehen? Er ist schön, wir sind sehr davon beeindruckt.

 

Abgesehen von der Geburtshilfe, welche Dienste bietet ihr Frauen noch an?

Für Opfer sexueller Gewalt bieten wir Hilfe an. Sie erhalten bei uns "die Pille danach" sowie eine vorbeugende Behandlung, die das Risiko einer Infektion mit HIV reduziert und die Übertragung bakterieller Geschlechtskrankheiten verhindert. Rund um die Uhr können betroffene Frauen zu uns kommen. Wir unterstützen sie, rufen den Arzt und machen Labortests. Wenn der Fall noch nicht gemeldet wurde und die Frau dies möchte, kontaktieren wir die zuständigen Behörden - aber wir leisten die erste medizinische Hilfe. Ärzte ohne Grenzen hat dieses Procedere vor einiger Zeit eingeführt. Früher hatten wir auch noch kein Angebot zur Familienplanung. Jetzt können wir Verhütungsmethoden anbieten. Das ist für uns eine sehr wichtige Veränderung. Die Mütter sind glücklich und das Personal auch.

 

Welche Herausforderungen gibt es, jetzt wo Ärzte ohne Grenzen das Projekt beendet?

Früher wussten die Menschen nicht, ob es ihnen besser gehen würde, wenn sie hierher kommen, oder ob sie sterben würden. Die Veränderungen in der Geburtshilfe haben nicht nur das Krankenhaus beeinflusst sondern die ganze Gemeinde. Wir müssen versuchen, das zu bewahren, was Ärzte ohne Grenzen uns gegeben hat. Wir müssen es erhalten und es noch weiter verbessern. Diese Geburtshilfestation ist mein Leben und meine Familie. Ich liebe sie sehr. Wir werden zeigen, dass wir das gelernt haben, was sie uns beigebracht haben. Und wir werden es weiter in der Praxis umsetzen.

 

4. Mai 2010

Fotos: Mads Nissen

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