Als erstes bekam Jerry von den Mitarbeitern von Ärzte ohne Grenzen sofort Antibiotika, um eine Infektion seiner offenen Wunde einzudämmen. Im Operationssaal hat anschließend ein Chirurg die Wunde gereinigt.
Ein paar Tage später war der Junge zur Versorgung der Wunde erneut im OP. Dabei stellte sich heraus, dass sich die Infektion weiter ausgebreitet hat. Die Ärzte waren sehr besorgt, dass sie sich im ganzen Körper ausbreiten und damit Jerrys Leben bedrohen würde.
"Die Wunde war sehr nah an der Hüfte. Wenn die Infektion also nach oben wandern würde, hätte es kaum Möglichkeiten gegeben, ihn zu retten. Wir wussten, dass wir amputieren mussten, wenn wir sein Leben retten wollten", sagt Karin Lind, Ärztin von Ärzte ohne Grenzen in Port-au-Prince.
Bevor die Ärzte eine Amputation vornehmen, holen sie sich die Zustimmung des Betroffenen. Psychologen von Ärzte ohne Grenzen arbeiten vor der Operation mit den Patienten, um ihnen zu helfen, den Verlust von Gliedmaßen zu bewältigen. Die Psychologen arbeiten auch mit der Familie, um sie mental auf die gemeinsame Zukunft vorzubereiten.
"Die Menschen kämpfen schon mit dem Trauma durch das Erdbeben und dem Trauma, Angehörige verloren zu haben, so dass eine Amputation das Leid noch vergrößert", sagt Renaud Sander, Psychologe von Ärzte ohne Grenzen. "Wir versuchen zu gewährleisten, dass die Familie den Patienten nach der Amputation unterstützt. Es ist aber sehr schwierig, einer Mutter zu sagen, dass sie für ihr Kind stark sein muss, nachdem sie den Mann und alles andere während des Bebens verloren hat."
"Mit der Physiotherapie stärken wir die Muskeln in dem Körperteil, an das die Prothese angepasst wird. Wir stärken aber auch die anderen Arme und Beine. Die Wunde sollte nach drei Monaten so weit verheilt sein, dass eine Prothese angebracht werden kann", erklärt Viviane Hasselmann, Physiotherapeutin der Organisation Handicap International, die im Isaie Jeanty-Krankenhaus in Port-au-Prince mit Ärzte ohne Grenzen zusammenarbeitet.
Die körperliche Rehabilitation nach einem schweren operativen Eingriff kann sehr lange dauern, und die Patienten benötigen besondere Pflege. Viele der Patienten von Ärzte ohne Grenzen haben darüber hinaus ihr Zuhause durch das Erdbeben verloren. Würden sie das Krankenhaus zu früh verlassen ohne eine saubere Unterkunft zu haben, wäre ihr Genesungsprozess stark gefährdet. In Port-au-Prince gibt es derzeit allerdings nicht genügend Betten für die Patienten, die langfristige Pflege benötigen, da die Krankenhäuser noch immer mit Verletzten belegt sind. Ärzte ohne Grenzen hat deshalb einige medizinische Einrichtungen eröffnet, die sich speziell um die langfristige operative Nachsorge der vielen Patienten kümmern.
Die Krankenpfleger, Ärzte, Psychologen und Physiologen von Ärzte ohne Grenzen in der Vorschule Mickey arbeiten in der Nachsorge der Patienten eng zusammen. Sie reinigen und verbinden die Wunden, leisten psychologische Unterstützung und helfen ihnen bei den alltäglichen Aufgaben. Hier wird auch Jerry nach seiner Amputation versorgt, unter den wachsamen Augen seiner Mutter Louismerre. Die Haitianer, die wie Jerry während des Erdbebens verletzt wurden, können durch solche Aufmerksamkeit und die hochwertige Pflege erste Schritte in Richtung Genesung machen.
| Haiti | |
|---|---|
| Fläche: | 27 750 km² |
| Einwohner: | 9,780 Mio. Einw. |
| Ärzte pro 1000 Einwohner: | Ärzte: 0,2/1000 Einw. |
| Säuglings- sterblichkeit: | 84/1000 Geb. |
| Lebenserwartung (Männer): | 52 J. |
| Lebenserwartung (Frauen): | 53 J. |