Haiti 2007: In Cité Soleil, einem der Slums von Port-au-Prince, leistet Ärzte ohne Grenzen vor allem Geburtshilfe und Notfallversorgung.
Haiti
Die Aktivitäten von Ärzte ohne Grenzen im Überblick
Die Aktivitäten von Ärzte ohne Grenzen vor dem Erdbeben vom Januar 2010:
Mit den Parlamentswahlen im Jahr 2006 erlangte Haiti eine neue, wenn auch schwache, politische Stabilität. Das Jahr 2009 wurde durch steigende Lebensmittelpreise, anhaltende Arbeitslosigkeit und ein mangelhaftes Gesundheitssystem bestimmt. Mit 67 Toten auf 10.000 Lebendgeburten wies Haiti zudem die höchste Müttersterblichkeitsrate der westlichen Welt auf. Ärzte ohne Grenzen war bereits vor dem schweren Erdbeben im Januar 2010 einer der wichtigsten Anbieter öffentlicher Gesundheitsversorgung in der haitianischen Hauptstadt. Die Teams versorgten die Patienten mit Geburtshilfe und Notfallmedizin sowie durch die Behandlung medizinischer Traumata.
Die Aktivitäten im Einzelnen (Auszug)
- Aufgrund eines hohen Geburtenanstieges im Jahr 2009 entschloss sich Ärzte ohne Grenzen, das Geburtszentrum in der Hauptstadt Port-au-Prince in eine größere Einrichtung der Stadt zu verlegen. Um eine Redundanz in der medizinischen Versorgung zu verhindern, konzentrierten sich die Mitarbeiter auf Patientinnen mit Komplikationen während der Schwangerschaft und überwiesen einfachere Fälle in staatliche Einrichtungen. Gleichzeitig führte Ärzte ohne Grenzen monatlich an die 1.500 vorgeburtliche Behandlungen durch. Seit der Eröffnung des Programms für geburtshilfliche Notfälle im Jahr 2006 wurden mehr als 40.000 Kinder entbunden. Dies beweist den immens hohen Bedarf an Schwangerenbetreuung in den Armenvierteln.
- Seit dem Jahr 2004 bietet Ärzte ohne Grenzen eine umfangreiche chirurgische Trauma-Versorgung in Port-au-Prince an. Die Organisation reagierte damit auf das wachsende Gewaltpotential zu jener Zeit. Zunächst war Ärzte ohne Grenzen im St. Joseph Krankenhaus tätig, wechselte dann jedoch in das größere Trinité-Trauma-Zentrum. Hier wendeten die Mitarbeiter zum ersten Mal die orthopädische Technik der internen Fixation an. Sie erlaubt es, dass die Patienten bereits nach wenigen Wochen wieder laufen können. Bis dahin dauerte die Heilung solcher Verletzungen meist mehrere Monate. Nach der Behandlung wurden die Patienten zur Physiotherapie und für Nachsorgeuntersuchungen in das Pacot-Rehabilitationszentrum überwiesen. Im Jahr 2009 behandelten die Teams fast 9.970 Patienten in der Notaufnahme des Trinité-Krankenhaus, rund 4.270 Patienten von ihnen wurden operiert.
- Nach dem Einsturz einer Schule in Petionville im Dezember 2008 versorgte Ärzte ohne Grenzen einen Großteil der Verletzten im Trinité-Trauma-Zentrum. Zu diesem Zeitpunkt war dies die einzige adäquat funktionierende Notfalleinrichtung in Port-au-Prince.
- Mit dem Notfallzentrum in Martissant ist Ärzte ohne Grenzen seit dem Jahr 2006 in einer der ärmsten Wohngebiete der Hauptstadt tätig. Hier leben rund 400.000 Einwohner. Mit dem Projekt reagierte Ärzte ohne Grenzen auf den steigenden Bedarf an medizinischer Hilfe aufgrund der hohen Zahl an gewalttätigen Auseinandersetzungen. Zwar ging die Anzahl gewalttätiger Konflikte zurück, doch der medizinische Bedarf blieb auch im Jahr 2009 weiterhin sehr hoch. Die Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen führten mehr als 97.000 medizinische Behandlungen für rund 48.000 Patienten durch. Mehr als 60 Prozent der neuen Patienten waren Trauma-Patienten: Viele hatten Autounfälle, etwa jeder Zehnte wurde bei gewalttätigen Auseinandersetzungen verwundet.
- In Martissant wurden Patienten mit schweren medizinischen Problemen bis August 2009 zunächst nur stabilisiert. Wer eine Operation oder einen längeren Krankenhausaufenthalt benötigte, wurde in andere medizinische Einrichtungen überwiesen. Meist waren dies andere Kliniken von Ärzte ohne Grenzen in Port-au-Prince, wie Maternité Solidarité oder das Trinité-Trauma-Zentrum. Überweisungen in staatliche Einrichtungen waren aufgrund des Personalmangels und der hohen Behandlungskosten für die Patienten häufig problematisch. Da die Bettenzahl im Trauma-Zentrum in Martissant im August 2009 von 13 auf 35 erhöht wurde, können seitdem auch kurze stationäre Aufenthalte ermöglicht werden.
- Physiotherapie
- Krankengymnastik
Ärzte ohne Grenzen ist seit 1991 in Haiti tätig.
April 2010
Fotos: Pep Bonet