Maria ist eine Überlebende. Sie ist eine von vielen tausenden Menschen, die jedes Jahr in dem zentralamerikanischen Land vergewaltigt werden. Die Folgen eines Bürgerkrieges, Armut, Drogenschmuggel und Bandenkriege führen zu einer Spirale von Gewalt, die Guatemala zu einem der gefährlichsten Länder der Welt macht. Vor zwei Jahren hat Ärzte ohne Grenzen in der Hauptstadt ein Hilfsprogramm für Überlebende sexueller Gewalt gestartet.
"Dieses Land hat einerseits zu wenig Ressourcen und es gibt andererseits noch kein Bewusstsein, dass Vergewaltigung ein medizinisches und gesellschaftliches Problem ist", berichtet Fabio Forgione, Koordinator von Ärzte ohne Grenzen in Guatemala. In den Krankenhäusern wird den Überlebenden allzu oft die Behandlung verweigert. Ärzte haben Angst vor den Tätern, häufig Bandenmitglieder. Oder sie nehmen die Leiden der Patientinnen und Patienten nicht ganz ernst. Und wenn doch, dann gibt es oft keine Medikamente. "Daher war es für Ärzte ohne Grenzen klar, dass wir dieser vernachlässigten Bevölkerungsgruppe mit medizinischer und psychologischer Betreuung helfen müssen", folgert Fabio Forgione.
"Vergewaltigung ist in Guatemala ein Tabu und gilt als Kavaliersdelikt", erklärt Mayra Rodas, die psychologische Koordinatorin des Hilfsprogramms. "Frauen werden wie Objekte behandelt, die man nehmen und wegwerfen kann."
Genau dies haben die sieben Männer mit Maria gemacht: Sie nahmen sie, erniedrigten sie, vergewaltigten sie. Nach einem ganzen Tag voll unbeschreiblicher Misshandlungen wurde sie freigelassen.
Maria medizinisch zu behandeln war nicht der schwierige Teil: Es ist das emotionale Trauma, dass viel tiefer liegt: "Ich dachte daran, wenn ich aß. Daher habe ich aufgehört zu Essen. Es kam in meinen Träumen zurück, daher konnte ich nicht mehr schlafen. Da traf ich die Psychologin von Ärzte ohne Grenzen, sie half mir sehr", erzählt Maria.
Damit sich dies ändert, hat Ärzte ohne Grenzen eine Aufklärungskampagne gestartet. So treffen sich z.B. zwei Krankenschwestern von Ärzte ohne Grenzen regelmäßig mit Gemeindevorständen, gehen in Schulen und rufen Versammlungen ein, um mehr Bewusstsein in der Bevölkerung zu erzeugen.
Maria wurde in einem katastrophalen psychischen Zustand zu Ärzte ohne Grenzen gebracht, sie war selbstmordgefährdet. Doch sie erhielt rechtzeitig Hilfe. Sie wurde weder schwanger noch HIV-positiv. Gemeinsam mit der Psychologin konnte sie die größten Ängste und die Gefühle von Schuld und Wut beruhigen.
Es sind zwei Monate seit der Vergewaltigung vergangen. Es fällt ihr nicht leicht, ihre Geschichte zu erzählen, doch sie ist auf dem Weg, die Angst zu durchbrechen. Auf einen zukünftigen Partner angesprochen lacht sie kurz und meint: "Im Moment kann ich nicht an so etwas denken. Weil es noch in mir ist, was sie mir angetan haben. Ich hatte gehofft, dass mein erstes Mal romantisch sein würde. Aber ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben, dass dies noch passieren wird."
| Guatemala | |
|---|---|
| Fläche: | 108 889 km² |
| Einwohner: | 13,676 Mio. Einw. |
| Ärzte pro 1000 Einwohner: | Ärzte: 0,9/1000 Einw. |
| Säuglings- sterblichkeit: | 32/1000 Geb. |
| Lebenserwartung (Männer): | 64 J. |
| Lebenserwartung (Frauen): | 72 J. |