Uganda

"Solche Überflutungen haben die Menschen hier seit vielen Jahren nicht erlebt" - Interview

Uganda, Kenia und Sudan gehören zu den Ländern, die von den starken Überflutungen in Afrika in diesem Jahr betroffen sind. Pete Buth betreut als Projektleiter im Amsterdamer Büro von Ärzte ohne Grenzen die Programme der Organisation in Uganda. In einem Interview berichtet er über die momentane Situation im Norden des Landes.

Uganda : Projektleiter Pete Buth © Ton Koene
Uganda : Projektleiter Pete Buth

Welche Projekte hat Ärzte ohne Grenzen im Norden Ugandas?

Wir helfen im Norden von Uganda den Menschen, die seit mehr als 20 Jahren dem brutalen Konflikt zwischen der Lord's Resistance Army (LRA) und der ugandischen Regierungsarmee ausgesetzt sind. Sie haben schweres Leid erlebt, und große Bevölkerungsgruppen leben in Camps, weil sie vertrieben wurden. Wir leisten beispielsweise in Kitgum, in Gulu und im Distrikt Amuro medizinische Hilfe. Dazu gehören auch die HIV/Aids- und Tuberkulosebehandlung sowie psychosoziale Unterstützung. Weitere Programme gibt es im Nordwesten und Nordosten des Landes.
Aids
acquired immune deficiency syndrome: erworbenes Immunmangelsyndrom
Tuberkulose
Etwa neun Millionen Menschen erkranken jährlich an Tuberkulose (TB). Viele von ihnen sind HIV-Infizierte mit schwachem Immunsystem (sog. Koinfektion). Die Krankheit betrifft vor allem die Lunge, mitunter aber auch andere Organe wie Nieren, Hirnhäute oder Lymphknoten. Eine effektive Behandlung ist möglich, aber langwierig und aufwendig. Ärzte ohne Grenzen nutzt ab 2011 ein neues Diagnose-Gerät, das die Krankheit schneller und sicherer diagnostiziert sowie eine Form der multimedikamentenresistenten-TB erkennt. In solchen Fällen sind die Krankheitserreger gegen die wichtigsten Medikamente resistent und die Patienten müssen zwei Jahre lang täglich Medikamente mit starken Nebenwirkungen einnehmen.

 

Wie ist die Situation dort normalerweise in der Regenzeit?

Dass es zu Überschwemmungen kommt, ist während der Regenzeit nicht ungewöhnlich. In diesem Jahr jedoch gab es ausgesprochen starke Regenfälle, und solche Überflutungen haben die Menschen hier seit vielen Jahren nicht erlebt. Die am meisten betroffenen Gebiete liegen in der Region Teso.

In der Regenzeit nehmen auch Erkältungskrankheiten, Malaria und Durchfall zu. Wir merken dabei auch in einigen Projektregionen, dass beispielweise die Mütter ihre Kinder nicht immer ins Gesundheitszentrum bringen. Das liegt unter anderem daran, dass die Bevölkerung während dieser Jahreszeit normalerweise damit beschäftigt ist, die Felder zu bestellen. Die Mütter haben wegen dieser Arbeit also oft keine Zeit, die Kinder zu uns zu bringen.

Gesundheitszentrum
Zentrum, in dem die Patienten medizinisch untersucht werden und eine Erst-und Grundversorgung erhalten. Herzstück der Arbeit von Ärzte ohne Grenzen in Flüchtlingslagern. Kleinere Einheiten werden als Gesundheitsposten bezeichnet. Die Statistiken der Zentren dienen gleichzeitig zur epidemiologischen Überwachung.
Malaria
Häufigste Tropenkrankheit, die durch die weibliche Anopheles-Mücke übertragen wird. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erkranken jährlich rund 225 Millionen Menschen an Malaria, annähernd eine Million Menschen sterben daran. Ärzte ohne Grenzen hat 2010 begonnen, bei schweren Erkrankungen die intravenöse Behandlung auf das neue Medikament Artesunat umzustellen und setzt sich für die weltweite Anwendung dieser Behandlung ein.

 


Uganda 2007: Der Norden des Landes ist von den Überschwemmungen betroffen, wie hier in Lira. © Reuters/Hudson Apunyo, courtesy www.alertnet.org
Uganda 2007: Der Norden des Landes ist von den Überschwemmungen betroffen, wie hier in Lira.

In diesem Jahr ist es zu Überflutungen großen Ausmaßes gekommen. Was sind jetzt die größten Bedürfnisse der Menschen?

In der Region Teso sind beispielsweise viele Felder und Straßen überschwemmt, und einige Bewohner mussten sich in höher gelegene Regionen begeben. Einige Brücken wurden beschädigt oder weggeschwemmt und teilweise sind Straßen nicht mehr passierbar. Medizinisch gesehen besteht die Gefahr, dass neben anderen Durchfallerkrankungen auch Cholera auftreten könnte, Malaria und Erkältungskrankheiten deutlich häufiger als sonst.

Die Menschen, die vor den Überschwemmungen flüchten mussten, brauchen jetzt vor allem Unterkünfte und sauberes Wasser.

Cholera
Schwere Durchfallerkrankung, die lebensgefährlich sein kann und durch unterschiedliche Erregervarianten des Bakteriums Vibrio cholerae hervorgerufen wird. Die Übertragung erfolgt durch verschmutztes Trinkwasser, verunreinigte Lebensmittel oder direkten Kontakt mit Erkrankten. Ärzte ohne Grenzen isoliert die Patienten in Cholera-Behandlungszentren und therapiert sie vor allem mit einer Rehydratationslösung, um den hohen Elektrolyt- und Flüssigkeitsverlust auszugleichen. In den meisten Fällen gelingt es, die Sterblichkeit auf unter ein Prozent zu senken. Ohne Behandlung liegt sie bei bis zu 40 Prozent.
Malaria
Häufigste Tropenkrankheit, die durch die weibliche Anopheles-Mücke übertragen wird. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erkranken jährlich rund 225 Millionen Menschen an Malaria, annähernd eine Million Menschen sterben daran. Ärzte ohne Grenzen hat 2010 begonnen, bei schweren Erkrankungen die intravenöse Behandlung auf das neue Medikament Artesunat umzustellen und setzt sich für die weltweite Anwendung dieser Behandlung ein.

 

Wie sieht es mit den längerfristigen Auswirkungen aus?

Im Distrikt Kitgum beispielsweise, eine der Regionen, die am stärksten vom Konflikt in Norduganda betroffen sind, konnten die Menschen viele Jahre lang ihre Felder nicht bestellen. In diesem Jahr haben sie das erstmals wieder gemacht, weil die Sicherheitslage es ihnen ermöglichte, die Camps zu verlassen. Die Überschwemmungen sind in Kitgum zwar nicht so schlimm wie in der Region Teso, dennoch macht es der anhaltende Regen jetzt schwer, das geerntete Getreide zu trocknen. Momentan ist es noch zu früh, um wirklich sagen zu können, wie viel der Ernte verloren gehen wird. In Kitgum war jedoch fast jeder viele Jahre von humanitärer Hilfe abhängig. Die wenigsten haben Reserven, die ihnen über Ernteausfälle hinweghelfen könnten. Das bedeutet, dass sie stärker von Hilfslieferungen abhängig sein werden als dies vor den starken Regenfällen abzusehen war.

Auch in anderen betroffenen Regionen könnte die Versorgung mit Nahrungsmitteln ein ernsthaftes Problem werden. Es wird zunehmend schwieriger, Nahrungsmittel in betroffene Regionen zu bringen, weil die Wege unpassierbar werden.

 

Wie hilft Ärzte ohne Grenzen als medizinische Organisation den Opfern der Überflutungen zurzeit?

In Uganda hat Ärzte ohne Grenzen eine Reihe von Gesundheitseinrichtungen mit Material zur Behandlung von Malaria und Cholera versorgt. Wir halten engen Kontakt zu den Behörden und sind darauf eingerichtet, bei Bedarf mehr medizinische und Nahrungsmittelhilfe zu leisten.

Auch im Sudan und in Kenia helfen Teams von Ärzte ohne Grenzen in Gemeinden, die von Überschwemmungen betroffen sind. So hilft beispielweise in Kenia ein Team in Lagern, die für Betroffene eingerichtet wurden. Die Mitarbeiter heben z.B. Latrinen aus, installieren Wasserhähne, Duschen und Wassertanks. Außerdem leisten sie natürlich medizinische Hilfe, überwachen die Gesundheitssituation und klären über Gesundheitsrisiken auf. In den betroffenen Regionen im Südsudan verteilen Mitarbeiter vor allem Hilfsmaterialien und kümmern sich um die Basisgesundheitsversorgung.

Cholera
Schwere Durchfallerkrankung, die lebensgefährlich sein kann und durch unterschiedliche Erregervarianten des Bakteriums Vibrio cholerae hervorgerufen wird. Die Übertragung erfolgt durch verschmutztes Trinkwasser, verunreinigte Lebensmittel oder direkten Kontakt mit Erkrankten. Ärzte ohne Grenzen isoliert die Patienten in Cholera-Behandlungszentren und therapiert sie vor allem mit einer Rehydratationslösung, um den hohen Elektrolyt- und Flüssigkeitsverlust auszugleichen. In den meisten Fällen gelingt es, die Sterblichkeit auf unter ein Prozent zu senken. Ohne Behandlung liegt sie bei bis zu 40 Prozent.
Latrine
Plumpsklo
Malaria
Häufigste Tropenkrankheit, die durch die weibliche Anopheles-Mücke übertragen wird. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erkranken jährlich rund 225 Millionen Menschen an Malaria, annähernd eine Million Menschen sterben daran. Ärzte ohne Grenzen hat 2010 begonnen, bei schweren Erkrankungen die intravenöse Behandlung auf das neue Medikament Artesunat umzustellen und setzt sich für die weltweite Anwendung dieser Behandlung ein.

 

Oktober 2007

Fotos: Ton Koene, Reuters/Hudson Apunyo, courtesy www.alertnet.org



Länderinformationen

Uganda
Uganda
Fläche:241 038 km²
Einwohner:31,657 Mio. Einw.
Ärzte pro 1000 Einwohner:Ärzte: 0,1/1000 Einw.
Säuglings-
sterblichkeit:
79/1000 Geb.
Lebenserwartung (Männer):49 J.
Lebenserwartung (Frauen):51 J.
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