Ich arbeitete als Arzt in den Vertriebenenlagern Gassire, Adé und Kerfi. Tausende Menschen sind aus ihren Dörfern geflohen und suchten hier seit vergangenem Herbst Schutz. In Gassire leben ungefähr 12.000 Menschen in einer kargen, nicht bebaubaren Region mit kaum natürlichen Wasserquellen. Das Lager liegt aber nicht weit entfernt von Goz Beida, der nächstgrößeren Stadt. Die lokale Bevölkerung des Marktortes Kerfi, ohnehin sehr arm, hat durch den massiven Zustrom von 3.500 Vertriebenen ihre letzten knappen Ressourcen verloren. Die Nomadenstadt Adé liegt direkt an der Grenze zur sudanesischen Krisenregion Darfur und ist von drei Flüchtlingslagern mit insgesamt 9.000 Menschen umgeben. Hier macht uns besonders die schwierige Sicherheitslage Sorgen.
2007 gab es einen Übergriff auf eines unserer Teams und einen weiteren auf zwei Wagen des Internationalen Komitee des Roten Kreuzes (IKRK), die nach Adé unterwegs waren. Daraufhin mussten wir jeweils vorübergehend unsere Arbeit in den Lagern einstellen. Wenn aber Ärzte ohne Grenzen nicht vor Ort ist, bekommen die Menschen dort überhaupt keine medizinische Versorgung.
In Kerfi ist sauberes Wasser bis heute ein Problem und die Menschen leben immer noch unter schlechten Lebensumständen in selbstgebauten Strohhütten auf engstem Raum. Der akute Ausbruch an Durchfallerkrankungen im Juni hat uns sehr alarmiert. In kürzester Zeit führten wir Wasserbohrungen durch, so dass die Wasserversorgung nun zumindest akzeptabel ist. Da die Menschen jedoch oft stundenlang für Wasser anstehen müssen, benutzen sie häufig doch das dreckige Wasser aus den Wadis (zeitweise wasserführende Flüsse). In Adé und Gassire sieht es besser aus. In beiden Lagern haben wir es geschafft, dass es zumindest bis zum Beginn der Regenzeit sauberes Trinkwasser und ausreichend Latrinen gab.
Aber wir haben ein weiteres Problem in allen drei Lagern: Eine sehr hohe Zahl an unterernährten Kindern - momentan sind 600 Kinder in unserem Ernährungsprogramm. Hinzu kommt eine alarmierend hohe Sterblichkeit bei Kindern unter fünf Jahren. Ein Kind mit einem Gewicht von nur fünf bis sieben Kilo, mit schwachem Immunsystem, kann in Folge von Durchfall innerhalb nur eines Tages an Dehydrierung sterben.
Durchschnittlich sind zwei Prozent unserer Patienten an Malaria erkrankt. In der Regenzeit rechnen wir mit einem Anstieg auf 20 bis 25 Prozent. Die Hütten der Vertriebenen bieten praktisch keinen Schutz gegen Moskitos. Darüber hinaus stellt stehendes Regenwasser einen perfekten Brutplatz für diese Mücken dar. Der einzige Schutz wären Netze, die wir an schwangere Frauen und Familien mit unterernährten Kindern verteilt haben. Diese werden aber nicht ausreichen. Hinzu kommt die Gefahr von Hepatitis E. Diese schleichende Krankheit wird ebenfalls über kontaminiertes Wasser übertragen. Sie äußert sich nur bei schwer Erkrankten als Gelbsucht. Daher bleiben die Träger oft unerkannt. Für schwangere Frauen kann Hepatitis E allerdings tödlich sein. Mit einer großen Zahl an Schwangeren in den Camps, ist somit ein Großteil der Vertriebenen in Gefahr.
Lediglich die Übergriffe von Rebellen auf Dörfer werden durch die Regenzeit vermutlich abnehmen. Denn nicht nur wir werden Probleme haben, Lager und Orte wie Kerfi oder Adé zu erreichen, auch die Rebellen können volle Wadis nicht überqueren.
| Tschad | |
|---|---|
| Fläche: | 1 284 000 km² |
| Einwohner: | 11,067 Mio. Einw. |
| Ärzte pro 1000 Einwohner: | Ärzte: 0,05/1000 Einw. |
| Säuglings- sterblichkeit: | 124/1000 Geb. |
| Lebenserwartung (Männer): | 43 J. |
| Lebenserwartung (Frauen): | 45 J. |