Viele der Herausforderungen des noch jungen Landes Südsudan erfahre ich hier in Pibor (Jonglei), wo Ärzte ohne Grenzen die einzige qualitativ ausreichende Gesundheitsversorgung für 160.000 Menschen bereitstellt.
Wir arbeiten hier in einer sehr armen und isolierten Region. Die Mütter- und Kindersterblichkeitsraten zählen zu den höchsten weltweit. Oft haben die Kinder bis zum Alter von zehn Jahren gar nichts anzuziehen. Mangelernährung ist häufig, und Malaria bedroht das Leben vieler: 30 bis 40 Prozent der Menschen, die keine Behandlung dieser Krankheit erhalten, sterben daran. Wenn Patienten chirurgische Hilfe benötigen, müssen wir sie per Flugzeug in Städte fliegen, die Hunderte Kilometer entfernt sind.
Konflikte zwischen Bevölkerungsgruppen können hier immer vorkommen, und es gibt eigentlich ständig Gerüchte, dass Pibor angegriffen werden wird. Wir haben deswegen auch schon die schwierige Entscheidung getroffen, den Großteil unseres Teams nach Juba zu evakuieren. Während der zwei Wochen, in denen wir weg waren, sind wir in ständigem Funkkontakt mit denjenigen Kollegen geblieben, die weiterhin vor Ort geblieben waren. Trotz all dieser Schwierigkeiten versuchen wir, unseren Patienten die bestmögliche medizinische Versorgung zukommen zu lassen.
Kuthura war elf Jahre alt, als seine Mutter ihn ins Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen in Pibor brachte. Er hatte Tetanus in einem fortgeschrittenen Stadium, war bettlägerig und bewegungsunfähig. 20 bis 30 Muskelkrämpfe schüttelten täglich seinen jungen Körper. Er war so schwach, dass er manchmal aufhörte zu atmen, und wir seinen Puls nicht mehr finden konnten. Mehr als ein Mal war ich sicher, dass er sterben würde. Noch sicherer war ich aber, dass ich wollte, dass er lebt.
Wir behandelten ihn mit Diazepam, einem Medikament, das die Muskeln entspannt, aber vorsichtig gegeben werden muss, weil es Atemstillstand verursachen kann. Alle ein bis zwei Stunden kontrollierte ich seinen Zustand. Wenn ich nicht da war, wussten die Krankenpflegeassistenten, dass sie ihm Diazepam geben sollten, wenn er Krämpfe hat. Nach einer Woche hörten die Krämpfe auf, seine Verfassung stabilisierte sich. Wir zeigten seiner Mutter, wie sie ihm mit Physiotherapie helfen kann, und langsam entspannte sich sein starrer Körper.
Ich werde den Tag nie vergessen, an dem er mich stehend begrüßte - wirklich stehend. Seine Mutter weinte und umarmte und küsste mich. Ich begann einfach zu weinen, weil ich nicht gedacht hatte, dass ich ihn je stehen oder laufen sehen würde. Kurz darauf entließen wir ihn.
Zweieinhalb Monate später kam er zu Besuch. Er brauchte nur noch wenig Hilfe beim Gehen und wurde täglich kräftiger.
Als ich in Dänemark aufwuchs, wollte ich Ärztin werden, um Menschen wie Kuthura zu helfen. Jetzt, wo ich zum ersten Mal mit Ärzte ohne Grenzen arbeite, bin ich überrascht, wie viel wir bewirken können - selbst unter widrigsten Bedingungen.