Sudan
Tausende Menschen erneut Opfer von Stammeskämpfen – Ärzte ohne Grenzen behandelt Verletzte rund um die Uhr
Am Freitag, dem 8. Mai, wurden bei einem Angriff im Dorf Torkej im Bezirk Upper Nile im Süd Sudan Hunderte Menschen verletzt. Ärzte ohne Grenzen behandelt die Verletzten im Krankenhaus in der Stadt Nasir. Die Patienten haben von vielen Toten berichtet, und dass Tausende Menschen zur Flucht gezwungen waren. Torkej ist nur 20 Kilometer von der Stadt Nasir entfernt, in der Ärzte ohne Grenzen ein Krankenhaus unterhält, in dem Basisgesundheitsversorgung – ambulant und stationär – aber auch chirurgische Hilfe angeboten wird.
In den ersten fünf Tagen nach den Kämpfen sind 57 Opfer im Krankenhaus in Nasir angekommen. Der deutsche Chirurg von Ärzte ohne Grenzen hat sofort die Schusswunden behandelt. Das Internationale Rote Kreuz hat am Sonntag ein zusätzliches chirurgisches Team nach Nasir geflogen, um den Mitarbeitern vor Ort zu helfen. Viele Patienten haben mehrere Schusswunden und benötigen Folgeoperationen und Nachsorge. Ein 15-jähriger Junge hatte zahlreiche Schusswunden am Kopf und ist im Krankenhaus gestorben. Die Mehrheit der Patienten sind Frauen und Kinder.
Die Stammesrivalitäten sind im Staat Jonglei und in den Upper Nile Staaten in den letzten Monaten eskaliert. Die Folge sind Hunderte Tote und Tausende Vertriebene. Die Angreifer haben das Dorf Torkej in den frühen Morgenstunden umzingelt und angegriffen. Lokale Quellen berichten von 66 Toten, mehrheitlich Frauen und Kinder. Viele Familien sind sofort geflohen und haben all ihr Hab und Gut zurückgelassen.
Tausende von Menschen sind auf der Flucht, mehr als 1.000 Vertriebene haben in der Umgebung von Nasir Unterkunft gesucht.
Ärzte ohne Grenzen bietet seit 1978 im Sudan humanitäre und medizinische Notfallhilfe an. Neben der Gewalt ist Mangelernährung in der Region ein großes Problem, die Müttersterblichkeit ist die höchste weltweit und Tuberkulose und Kala Azar sind weit verbreitet. Darüber hinaus gibt es Meningitis-, Masern-, Cholera- und Malariaausbrüche. Vor drei Wochen hat Ärzte ohne Grenzen den Menschen geholfen, die in den Kämpfen in der benachbarten Region Akobe verwundet wurden.
- Cholera
- Schwere Durchfallerkrankung, die lebensgefährlich sein kann und durch unterschiedliche Erregervarianten des Bakteriums Vibrio cholerae hervorgerufen wird. Die Übertragung erfolgt durch verschmutztes Trinkwasser, verunreinigte Lebensmittel oder direkten Kontakt mit Erkrankten. Ärzte ohne Grenzen isoliert die Patienten in Cholera-Behandlungszentren und therapiert sie vor allem mit einer Rehydratationslösung, um den hohen Elektrolyt- und Flüssigkeitsverlust auszugleichen. In den meisten Fällen gelingt es, die Sterblichkeit auf unter ein Prozent zu senken. Ohne Behandlung liegt sie bei bis zu 40 Prozent.
- Kala Azar
- Gefährlichste Form der Infektionskrankheit Leishmaniose, die durch Mücken (Phlebotomen) übertragen wird. Kala-Azar greift das Immunsystem an und kann tödlich verlaufen. Betroffen sind jährlich etwa 500.000 Menschen, vor allem in Bangladesch, Brasilien, Indien, Nepal und im Sudan; in letzter Zeit verstärkt auch in einigen Mittelmeerländern.
- Malaria
- Häufigste Tropenkrankheit, die durch die weibliche Anopheles-Mücke übertragen wird. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erkranken jährlich rund 225 Millionen Menschen an Malaria, annähernd eine Million Menschen sterben daran. Ärzte ohne Grenzen hat 2010 begonnen, bei schweren Erkrankungen die intravenöse Behandlung auf das neue Medikament Artesunat umzustellen und setzt sich für die weltweite Anwendung dieser Behandlung ein.
- Masern
- Die Krankheit zählt in ärmeren Ländern bei Kindern zu den häufigsten Todesursachen. Besteht die Gefahr einer Masern-Epidemie, führt Ärzte ohne Grenzen in dem betroffenen Gebiet flächendeckende Impfkampagnen durch. Der Impfstoff muss während des Transports ununterbrochen gekühlt werden.
- Meningitis
- Hirnhautentzündung, die durch unterschiedliche Bakterien oder Viren ausgelöst werden kann. Zu den gefährlichsten Arten gehört die Meningokokken-Meningitis. Südlich der Sahara erstreckt sich vom Senegal im Westen bis nach Äthiopien im Osten der sogenannte „Meningitis-Gürtel”, in dem regelmäßig Epidemien auftreten. Bei Ausbruch der Krankheit führt Ärzte ohne Grenzen Impfkampagnen durch. Seit 2010 teilweise mit einem neuen Impfstoff.
- Tuberkulose
- Etwa neun Millionen Menschen erkranken jährlich an Tuberkulose (TB). Viele von ihnen sind HIV-Infizierte mit schwachem Immunsystem (sog. Koinfektion). Die Krankheit betrifft vor allem die Lunge, mitunter aber auch andere Organe wie Nieren, Hirnhäute oder Lymphknoten. Eine effektive Behandlung ist möglich, aber langwierig und aufwendig. Ärzte ohne Grenzen nutzt ab 2011 ein neues Diagnose-Gerät, das die Krankheit schneller und sicherer diagnostiziert sowie eine Form der multimedikamentenresistenten-TB erkennt. In solchen Fällen sind die Krankheitserreger gegen die wichtigsten Medikamente resistent und die Patienten müssen zwei Jahre lang täglich Medikamente mit starken Nebenwirkungen einnehmen.
12. Mai 2009
Fotos: Michael G. Nielsen