Somalia

"Es ist erst Mittagszeit und wir haben allein heute schon 151 Kinder in unser Krankenhaus aufgenommen"

Dr. Hussein Sheikh Qassim arbeitet im Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen in Marere, Süd-Somalia. Der somalische Arzt sprach mit uns am 15. Juli am Telefon über die aktuelle Situation angesichts hunderter Neuaufnahmen täglich.

 


Somalia: Nach 43 Tagen Behandlung konnte Asad (Name von der Redaktion geändert) in guter gesundheitlicher Verfassung das Krankenhaus verlassen. © MSF
Somalia: Nach 43 Tagen Behandlung konnte Asad (Name von der Redaktion geändert) in guter gesundheitlicher Verfassung das Krankenhaus verlassen.

"Die Situation in Marere ist äußerst schwierig. Unser Krankenhaus ist das Einzige in diesem Teil von Somalia. Es gibt keine anderen Kliniken in der Nähe, auch keine mobilen Kliniken. Die Leute kommen aus allen Teilen des Landes hierher. Kürzlich ist die Zahl der Neuaufnahmen rapide in die Höhe gestiegen. Auch an ruhigen Tagen kommen zweimal so viele Menschen hier in die Klinik wie an arbeitsreichen Tagen vor der Dürre. Das Krankenhaus ist komplett überbelegt. Einige der Patienten sind krank, andere brauchen nur etwas zu essen. Die Station, auf der wir Mangelernährung behandeln, ist überfüllt mit Kleinkindern. Die meisten von ihnen sind zu schwach, um zu essen. Wir müssen sie mit Schläuchen ernähren.

Einige dieser Kinder mussten mehr als 600 Kilometer zu Fuß hierher laufen, weil sich ihre Eltern den Transport nicht leisten konnten und selbst zu schwach waren, um ihre Kinder auf dem Rücken zu tragen. Es gibt einen anhaltenden Bürgerkrieg in vielen Teilen des Landes, in einigen Städten und Dörfern wechseln die Machtverhältnisse täglich. Das sind gefährliche Gebiete und es ist nicht sicher, dort zu reisen. Trotzdem nehmen die Menschen diesen gefährlichen Weg auf sich, um zu unserem Krankenhaus zu kommen.

 

"Nach 24 Stunden bewegte er schon wieder seine Arme"

Wer Glück hat und immer noch auf seinen Beinen stehen kann, wird ambulant behandelt. 300 Menschen waren es gestern, 400 am vergangenen Freitag. Aber viele Kinder müssen umgehend stationär in das Ernährungszentrum aufgenommen werden. Es ist erst Mittagszeit und wir haben allein heute 151 Kinder in unser Krankenhaus aufgenommen.

Vor kurzem brachten eine Frau und ihr Mann ihren zweijährigen Jungen namens Yusuf zu uns. Er war nur noch Haut und Knochen und zu schwach, um zu atmen. Die Familie waren Hirten und all ihre Tiere sind gestorben. Die Mutter erzählte mir, dass das Kind Durchfall hatte und nichts mehr essen konnte. Der Junge war in so einem schlechten Zustand, dass man mit dem Stethoskop seinen Herzschlag hören musste, um sagen zu können, dass er noch am Leben war. Seine Eltern hatten ihn aufgegeben. Sie glaubten, er habe keine Überlebenschance. Sie wollten die Klinik verlassen, um sich um ihre anderen Kinder zu kümmern. Der Vater ging zu seinen anderen Kindern, doch wir konnten die Mutter überzeugen, den kleinen Yusuf nicht aufzugeben.

Wir brachten das Kind auf unsere Intensivstation. Dort versuchten wir zwei Stunden lange es zurück ins Leben zu holen. Danach haben wir ihn mit spezieller Milch und Nahrung durch einen Schlauch gefüttert. Nach 24 Stunden bewegte er schon wieder seine Arme. In diesem Moment begannen die Augen der Mutter plötzlich zu leuchten - wir konnten sehen, dass sie wieder Hoffnung schöpfte.

Ernährungszentrum
Mangelernährte Kinder werden in den meisten Fällen ambulant versorgt. In der Regel erhalten die Mütter eine kalorienreiche therapeutische Fertignahrung, die sie ihren Kindern über einen Zeitraum von rund sechs Wochen verabreichen können. Kranke, stark mangelernährte Kinder bleiben zur intensiven Behandlung im Ernährungszentrum.
Stethoskop
Instrument, das zum Abhören bestimmter Organe (z.B. Herz, Lunge) benutzt wird.

 


Somalia: Asad (Name von der Redaktion geändert) - eines von vielen Kindern im Krankenhaus in Marere. Der Junge war sehr krank, als ihn seine Mutter brachte. © MSF
Somalia: Asad (Name von der Redaktion geändert) - eines von vielen Kindern im Krankenhaus in Marere. Der Junge war sehr krank, als ihn seine Mutter brachte.

"Ohne die Hilfe von Ärzte ohne Grenzen wären tausende Menschen gestorben"

Nach einer Woche konnte Yusuf wieder selbständig Milch trinken und "Mama" sagen. Wenn man seinen Namen sagte, dann lächelte er sogar schon wieder. Innerhalb von zehn Tagen hat sich sein Gewicht mehr als verdreifacht. Nach drei Wochen in der Klinik spielte Yusuf mit den anderen Kindern. Als der Vater kam, um Yusuf abzuholen, war er so glücklich und hörte nicht auf, Ärzte ohne Grenzen zu danken, bis er das Krankenhaus verlassen hatte.

Ich bin selbst Somalier und kann nur sagen: Ohne Ärzte ohne Grenzen wären wir wie ein Schiff auf dem Indischen Ozean, dem der Treibstoff ausgeht. Ohne die Hilfe von Ärzte ohne Grenzen wären tausende Menschen gestorben. Somalia braucht ihre Hilfe, mehr als jemals zuvor. Ärzte ohne Grenzen rettet Leben und mit ihrer Hilfe werden auch weiterhin viele gerettet werden. Ich danke Ihnen. "

 

15. Juli 2011

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Fotos: MSF



Länderinformationen

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