„Als ich noch ganz klein war, gab es Frieden in Somalia, aber daran erinnere ich mich nicht. Ansonsten waren während meiner ganzen Kindheit Kämpfe, Plünderungen, Zerstörung und Tötungen in Mogadischu an der Tagesordnung. Ich geriet auf dem Weg zur Schule viele Male in Kreuzfeuer. Ich habe gesehen, wie Menschen starben und andere schwer verwundet wurden. Während meines Studiums war es besonders schlimm. Ich fürchtete jeden Morgen um mein Leben und betete jeden Tag zu Allah dafür, sicher nach Hause zurückzukommen. Zusätzlich zu den Kämpfen gab es noch andere Probleme: In vielen Teilen der Stadt gab es keinen Strom, so dass es sehr schwierig war, am Abend zu lernen oder praktische Übungen im Krankenhaus durchzuführen.
Trotz allem ist mir klar, dass ich zu denjenigen gehöre, die Glück haben. Meine Mutter ging nach England, bevor ich mit dem Studium begann und sie bezahlte meine Ausbildung. Viele andere haben diese Möglichkeit nicht. Es gibt so viele kluge Studenten in Somalia, die keinerlei Chance haben, ihre Träume zu verwirklichen. Ich hoffe, dass sich das ändern wird. Ausbildung ist ja nicht an eine Altersgrenze gebunden. Ein englisches Sprichwort sagt „Man ist nie zu alt, um zu lernen.“
Ich habe mein Studium Ende letzten Jahres abgeschlossen und mich entschieden, Chirurgin zu werden, weil ich den somalischen Frauen helfen möchte. Vor allem auch geht es mir um die Mütter, die medizinisch nicht gut betreut werden – insbesondere, wenn sie schwierige Geburten haben und chirurgische Hilfe benötigen. Es gibt einen großen Bedarf an Chirurginnen in Somalia, weil viele somalische Frauen nicht möchten, dass Männer die Operationen durchführen.
Nach Beendigung meines Studiums habe ich in Mogadischu ein sechsmonatiges Training absolviert und begann dann Anfang August in der Stadt Marere zu arbeiten. In Marere gab es kein Krankenhaus, bevor Ärzte ohne Grenzen 2003 dort zu arbeiten begann. Eigentlich war dort ein internationaler Mitarbeiter als Chirurg tätig. Doch wegen der besonderen Risiken, denen internationale Mitarbeiter in Somalia ausgesetzt sind, ist Ärzte ohne Grenzen seit Anfang 2008 dazu gezwungen, ohne internationale Kollegen in den Projekten zu arbeiten. In Marere musste die Organisation ihre chirurgischen Aktivitäten einstellen, weil sie keinen qualifizierten somalischen Chirurgen finden konnten.
Bevor ich dann begonnen habe in Marere zu arbeiten, hat Ärzte ohne Grenzen Frauen, die geburtshilfliche Chirurgie benötigten, nach Kismayo überwiesen. Die Fahrt dorthin dauert in der Trockenzeit fünf Stunden, und Ärzte ohne Grenzen hat die Kosten dafür übernommen. Jetzt bin ich hier, und wir können wieder chirurgisch arbeiten. Am 31. August habe ich meinen ersten Kaiserschnitt gemacht. Ich habe als Studentin viele Kaiserschnitte gemacht, aber dieser war mein erster als praktizierende Chirurgin.
Das Mädchen, das ich operiert habe, war erst 18 Jahre alt und ist an ihrem rechten Bein teilweise behindert. Die Patientin lebt mit ihren Eltern in Jilib, einer Stadt rund 18 Kilometer nördlich von Marere. Ihr Mann ist jetzt in Kenya. Weil ihr Becken sehr schmal ist, konnte sie nicht richtig entbinden. Sie hatte 24 Stunden Wehen, bevor ihre Eltern sie zum Krankenhaus brachten. Ohne chirurgischen Eingriff hätte ihre Gebärmutter reißen und sie und das Baby töten können. Zum Glück haben ihre Eltern sie rechtzeitig hergebracht. Der Eingriff verlief recht zügig, wir haben es geschafft, das Baby in weniger als einer Stunde zur Welt zu bringen.
Mutter und Tochter geht es gut, und das Baby hat mir zu Ehren den Namen „Hafsa“ bekommen.“
| Somalia | |
|---|---|
| Fläche: | 637 657 km² |
| Einwohner: | 8,954 Mio. Einw. |
| Säuglings- sterblichkeit: | 133/1000 Geb. |
| Lebenserwartung (Männer): | 47 J. |
| Lebenserwartung (Frauen): | 49 J. |