Ärzte ohne Grenzen hat ein Team von zwanzig Psychologen ausgebildet, die das medizinischen Personal und die Patienten in vier Krankenhäusern der Stadt mit psychologischer Hilfe unterstützen. “Obwohl die Frontlinie sich nun außerhalb des Stadtzentrums befindet, leben die Menschen unter sehr schwierigen Bedingungen. Sie leiden unter den traumatischen Erfahrungen, unmittelbar schwere Kämpfe miterlebt zu haben, zudem leben sie im Belagerungszustand. Es ist unmenschlich, dass die Menschen dazu gezwungen sind, solche Umständen zu ertragen”, sagt Renzo Fricke, Notfallkoordinator von Ärzte ohne Grenzen in Misrata.
Chirurgen von Ärzte ohne Grenzen haben für libysches Personal, dem es an Erfahrungen in Kriegs- und Unfall-Chirurgie mangelt, Trainings durchgeführt. Darüber hinaus wurden Medizinstudenten in Grundlehrgängen auf eine freiwillige Tätigkeit als Krankenpflegepersonal vorbereitet, da viele der meist ausländischen Krankenschwestern/pfleger in Misrata das Land verlassen haben.
Außerhalb Misratas unterstützt Ärzte ohne Grenzen medizinische Posten nahe der Frontlinie, die erste Hilfe für Verwundeten leisten, bevor diese in Krankenhäuser nach Misrata überwiesen werden. Diese Hilfe beinhaltet neben Schulungen des medizinischen Personals in der Stabilisierung Verwundeter auch die Ausstattung mit medizinischen Material und Kommunikations-Ausrüstung.
Am 27. Mai war Ärzte ohne Grenzen nach mehrmaligem Raketen-Beschuss gezwungen gewesen, das Team zu evakuieren. Am 4. Juni kehrten zwei Mitarbeiter nach Sintan zurück, um die Situation zu evaluieren und medizinische Aktivitäten abzuschließen. Die Sicherheitslage ist nach wie vor sehr unsicher, da die Stadt und Umgebung immer wieder beschossen werden. Patienten des Krankenhauses werden momentan in medizinische Einrichtungen in Tunesien oder in die nahegelegene libysche Stadt Jadu überwiesen.
Außerhalb Bengasis leistet Ärzte ohne Grenzen gynäkologische und pränatale Hilfe in drei Einrichtungen zwischen Bengasi und der Stadt Adschdabija.
Ärzte ohne Grenzen hilft den lokalen Gesundheits-Einrichtungen, die wachsenden medizinischen Bedürfnisse aufzufangen. In den Flüchtlingslagern Remada und Dehibat hat Ärzte ohne Grenzen mobile Kliniken eingerichtet und bietet den Flüchtlingen medizinische und psychologische Unterstützung. Die Situation in Dehibat ist wegen der die tunesische Grenze überschreitenden Kämpfe angespannt.
In den Übergangscamps von Ras Adjir, nahe der nördlichen Grenze zwischen Tunesien und Libyen, können nahezu 4.000 Menschen, die meisten von ihnen aus Sub-Sahara Afrika, aufgrund der Situation in ihren Herkunftsländern nicht in ihre Heimat zurück und stehen vor einer ungewissen Zukunft. Seit Anfang März betreibt Ärzte ohne Grenzen ein psychosoziales Hilfsprogramm in den Lagern, da viele Menschen auf ihrer Flucht aus Libyen Gewalt erlebt und traumatische Erfahrungen gemacht haben.
In Choucha, dem größten Camp, hat diese Situation zu starken Spannungen geführt. Ende Mai starben während eines Feuers vier Flüchtlinge. Dadurch ausgelöst folgten gewalttätige Demonstrationen gegen die unmenschlichen Lebensbedingungen im Lager. Mindestens zwei Menschen starben, viele weitere wurden verletzt und zwei Drittel des Camps niedergebrannt. Am Tag nach den Vorfällen verteilte Ärzte ohne Grenzen Nahrung, Wasser und Hilfsgüter an rund 4.000 Menschen und leistete medizinische und psychologische Hilfe. Auch wenn sich die Situation im Lager wieder stabilisiert hat, herrscht unter den Flüchtlingen Angst und Misstrauen. Viele haben bereits mehrmals versucht, die Grenze zu Libyen zu passieren und riskieren auf der Suche nach einer besseren Zukunft erneut ihr Leben. Seit Ende Mai bietet Ärzte ohne Grenzen für die Menschen im Choucha Flüchtlingscamp eine medizinische Grundversorgung, da viele gesundheitliche Beschwerden nicht nur auf die zurückliegenden Ausschreitungen zurückzuführen sind, sondern auch auf die schlechten Lebensbedingungen im überfüllten Camp.
Auf der Insel Lampedusa betreut Ärzte ohne Grenzen die Aufnahme von Patienten im Hafen und die medizinische Nachsorge in den Auffanglagern der Insel. Von Februar bis Mai hat Ärzte ohne Grenzen auf Lampedusa fast 12.000 Menschen, die vor dem Konflikt in Libyen geflüchtet sind, geholfen. Die Organisation betreibt zudem ein psychosoziales Hilfsprogramm in einem Auffanglager in Mineo (Sizilien), wo seit März mehr als 3.500 Migranten verschiedener Nationalität aufgenommen wurden. Darüber hinaus hat Ärzte ohne Grenzen es übernommen, die Lebensbedingungen der Migranten und den Zugang zu Hilfe in Internierungslagern auf dem italienischen Hauptland zu evaluieren.
| Libyen | |
|---|---|
| Fläche: | 1 775 500 km² |
| Einwohner: | 6,277 Mio. Einw. |
| Ärzte pro 1000 Einwohner: | Ärzte: 1,3/1000 Einw. |
| Säuglings- sterblichkeit: | 18/1000 Geb. |
| Lebenserwartung (Männer): | 72 J. |
| Lebenserwartung (Frauen): | 77 J. |