Demokratische Republik Kongo
Die Aktivitäten von Ärzte ohne Grenzen im Überblick
Im Osten der Demokratischen Republik Kongo trägt die Bevölkerung seit mehr als einem Jahrzehnt die Hauptlast des gewalttätigen Konflikts. Viele Dörfer wurden geplündert oder zerstört, Tausende mussten fliehen, und sexuelle Gewalt wurde als Kriegswaffe eingesetzt. Das jahrelang vernachlässigte Gesundheitssystem hat landesweit zum Anstieg der Kinder- und Müttersterblichkeit geführt.
Die Aktivitäten im Einzelnen (Auszug)
- Die Teams boten allgemein- und fachmedizinische Hilfe in Krankenhäusern, Gesundheitszentren und mobilen Kliniken in mehreren Provinzen an. Im Jahr 2010 hielten die Mitarbeiter mehr als eine Million Konsultationen ab, führten rund 10.000 chirurgische Eingriffe durch und halfen bei 19.200 Geburten. Die Teams behandelten HIV/Aids, Tuberkulose, Cholera, hämorrhagisches Fieber, Masern, Malaria oder die Schlafkrankheit. Sie führten Impfkampagnen durch, Notchirurgie, Ernährungsprojekte, pädiatrische Untersuchungen und Geburtshilfe. Zudem behandelten sie Opfer sexueller Gewalt.
- Nach drei Jahren relativer Stabilität übergab Ärzte ohne Grenzen die Aktivitäten im Krankenhaus Bon Marché, Region Bunia, an die Behörden. Für das Frauen-Gesundheitszentrum begann 2010 die Übergabephase an eine kongolesische Organisation. Zuvor behandelte Ärzte ohne Grenzen noch rund 675 Frauen.
- In anderen Regionen des Landes verschlechterte sich die Sicherheitslage. Die schlechte Infrastruktur erschwerte zudem den Zugang zu entlegenen Gebieten. So konnten die Mitarbeiter die Bewohner nahe der Stadt Pinga, Nordkivu, nur auf Motorrädern erreichen, um medizinische Nothilfe zu leisten. In Haut-Plateaux, Südkivu, waren sechsstündige Fußmärsche nötig, um die Vertriebenen zu behandeln. Hier führten die Teams 13.800 Sprechstunden durch. Die Stadt Shabunda konnte nur per Frachtflugzeug mit Hilfsgütern beliefert werden, um die rund 22.000 Vertriebenen zu versorgen. Auch das Gebiet von Uélé, Provinz Oriental, war nur per Flugzeug erreichbar.
- Ärzte ohne Grenzen leistete medizinische und psychosoziale Unterstützung für rund 6.000 Überlebende sexueller Gewalt in Bunia, Nord- und Südkivu sowie in Haut-Uélé und Bas-Uélé.
- In der Hauptstadt Kinshasa, in Kisangani, Lubumbashi und Mbandaka überwachte Ärzte ohne Grenzen gemeinsam mit den Behörden die epidemiologische Lage. Im Jahr 2010 reagierten die Teams auf zehn Gesundheitskrisen, wie die Ausbrüche von Gelbfieber und Masern.
- Ärzte ohne Grenzen impfte 2.700 Kinder gegen Masern in Nyanzale, Nordkivu, fast 90.000 Kinder im Gebiet von Baraka, Südkivu, etwa 103.000 Kinder in Sakania, 40.000 Kinder in Dilolo und 8.000 Kinder in Benera, Provinz Katanga.
- Nach dem Ausbruch von Cholera in verschiedenen Städten Südkivus behandelten die Teams rund 1.600 Patienten und unterstützten die Bekämpfung der Epidemie in zwei Vertriebenenlagern in der Provinz Katanga.
- Malaria ist eine der Haupttodesursachen in der D. R. Kongo. Ärzte ohne Grenzen behandelte 27.000 Patienten in der Provinz Katanga, 26.000 Patienten in Nordkivu und 19.000 Patienten in Südkivu. In den Regionen Haut-Uélé und Bas-Uélé versorgten die Teams 829 Schlafkrankheits-Patienten.
- Im Masisi-Krankenhaus, Nordkivu, und in der katangischen Stadt Shamwana operierte Ärzte ohne Grenzen 130 Frauen, die sich bei der Geburt eine Fistelverletzung zugezogen hatten.
- Im HIV/Aids-Projekt in Kinshasa wurden 850 neue Patienten im Jahr 2010 mit antiretroviralen Medikamenten behandelt. Insgesamt erhielten 2.631 HIV-Positive die überlebenswichtigen Medikamente von Ärzte ohne Grenzen.
- Aids
- acquired immune deficiency syndrome: erworbenes Immunmangelsyndrom
- Cholera
- Schwere Durchfallerkrankung, die lebensgefährlich sein kann und durch unterschiedliche Erregervarianten des Bakteriums Vibrio cholerae hervorgerufen wird. Die Übertragung erfolgt durch verschmutztes Trinkwasser, verunreinigte Lebensmittel oder direkten Kontakt mit Erkrankten. Ärzte ohne Grenzen isoliert die Patienten in Cholera-Behandlungszentren und therapiert sie vor allem mit einer Rehydratationslösung, um den hohen Elektrolyt- und Flüssigkeitsverlust auszugleichen. In den meisten Fällen gelingt es, die Sterblichkeit auf unter ein Prozent zu senken. Ohne Behandlung liegt sie bei bis zu 40 Prozent.
- Epidemie
- gehäuftes Auftreten einer Infektionskrankheit. Die Epidemie ist sowohl örtlich als auch zeitlich begrenzt.
- Gesundheitszentrum
- Zentrum, in dem die Patienten medizinisch untersucht werden und eine Erst-und Grundversorgung erhalten. Herzstück der Arbeit von Ärzte ohne Grenzen in Flüchtlingslagern. Kleinere Einheiten werden als Gesundheitsposten bezeichnet. Die Statistiken der Zentren dienen gleichzeitig zur epidemiologischen Überwachung.
- Malaria
- Häufigste Tropenkrankheit, die durch die weibliche Anopheles-Mücke übertragen wird. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erkranken jährlich rund 225 Millionen Menschen an Malaria, annähernd eine Million Menschen sterben daran. Ärzte ohne Grenzen hat 2010 begonnen, bei schweren Erkrankungen die intravenöse Behandlung auf das neue Medikament Artesunat umzustellen und setzt sich für die weltweite Anwendung dieser Behandlung ein.
- Masern
- Die Krankheit zählt in ärmeren Ländern bei Kindern zu den häufigsten Todesursachen. Besteht die Gefahr einer Masern-Epidemie, führt Ärzte ohne Grenzen in dem betroffenen Gebiet flächendeckende Impfkampagnen durch. Der Impfstoff muss während des Transports ununterbrochen gekühlt werden.
- Schlafkrankheit
- Die Schlafkrankheit (Trypanosomiasis) wird durch die Tse-Tse-Fliege übertragen und führt ohne Behandlung zum Tod. Im Endstadium schädigen die Parasiten (Trypanosomen) das zentrale Nervensystem, was zu schweren Schlafstörungen, zur Umkehr des Schlaf-Wach-Rhythmus sowie zu Verhaltensänderungen und geistiger Verwirrung führt.
- Tuberkulose
- Etwa neun Millionen Menschen erkranken jährlich an Tuberkulose (TB). Viele von ihnen sind HIV-Infizierte mit schwachem Immunsystem (sog. Koinfektion). Die Krankheit betrifft vor allem die Lunge, mitunter aber auch andere Organe wie Nieren, Hirnhäute oder Lymphknoten. Eine effektive Behandlung ist möglich, aber langwierig und aufwendig. Ärzte ohne Grenzen nutzt ab 2011 ein neues Diagnose-Gerät, das die Krankheit schneller und sicherer diagnostiziert sowie eine Form der multimedikamentenresistenten-TB erkennt. In solchen Fällen sind die Krankheitserreger gegen die wichtigsten Medikamente resistent und die Patienten müssen zwei Jahre lang täglich Medikamente mit starken Nebenwirkungen einnehmen.
- Impfkampagne
- Besteht die Gefahr einer Epidemie, beispielsweise durch Masern oder Meningitis, wird die Bevölkerung in dem betroffenen Gebiet geimpft, um eine Ansteckung mit der Krankheit zu verhindern. Jeder Geimpfte wird registriert und erhält einen Impfpass. Oft werden bei einer Kampagne mehrere Zehntausend Menschen erreicht.
Ärzte ohne Grenzen ist seit 1981 in der Demokratischen Republik Kongo aktiv.
31. Mai 2011
Fotos: Sven Torfinn