Die Anzahl der Flüchtlinge und Vertriebenen (Internally Displaced Persons/IDPs) wird weltweit auf 39 Millionen geschätzt*. Obwohl Flüchtlingsbewegungen schon immer die Folge politischer Konflikte waren, hat die Zahl der Flüchtlinge und Vertriebenen in den vergangenen Jahren dramatisch zugenommen. Von 2,7 Millionen Flüchtlingen im Jahr 1976 stieg die Zahl auf 14 Millionen im Jahr 1999. Gleichzeitig nahm die Zahl der Menschen, die innerhalb ihrer Herkunftsländer vertrieben werden, kontinuierlich zu. Sie liegt heute schätzungsweise zwischen 21 und 25 Millionen.**
Mit dem Beginn der Unabhängigkeitsbewegungen und -kriege setzte in vielen Ländern ein Prozess der Destabilisierung ein, der bis heute andauert. So spiegeln die großen Flüchtlingsbewegungen die Auswirkungen politischer Konflikte wieder, deren Wurzeln häufig in der Kolonialzeit zu suchen sind. Mit der Zunahme der Flüchtlinge und Vertriebenen weltweit wuchsen auch die Anforderungen an die medizinische Hilfsorganisation MEDECINS SANS FRONTIERES/Ärzte ohne Grenzen, die sich zum Ziel gesetzt hat, medizinische Hilfe für Menschen bereitzustellen, die durch (Bürger-)Kriege oder Naturkatastrophen in Not geraten sind und deren Gesundheit durch Flucht und Vertreibung gefährdet ist.
Während die äußerlichen Lebensbedingungen der Flüchtlinge sehr unterschiedlich sein können, sind die Menschen meist ähnlichen psychischen Belastungen ausgesetzt. Bestimmte Entwicklungen sind hier besonders alarmierend: Ärzte ohne Grenzen ist sehr besorgt über die Umsiedlung von Menschen durch die eigenen Regierungen und fehlende Rechte für Vertriebene. Außerdem führt das Leben in Flüchtlingslagern über Jahrzehnte hinweg zu schwerwiegenden Depressionen.
Vertrieben im eigenen Land
In der Folge vieler Bürgerkriege leben große Bevölkerungsteile als Vertriebene innerhalb ihres eigenen Landes. Obwohl den Vertriebenen als Zivilpersonen gemäß des internationalen humanitären Rechts bestimmte Rechte zustehen, werden diese häufig nicht respektiert. Es gibt keine Institution, die mit dem Schutz dieser Menschen beauftragt ist, weil sie eigentlich unter dem Schutz ihrer jeweiligen Regierung stehen. Das UNHCR (Hochkommissariat für Flüchtlinge der Vereinten Nationen) stellt nur dann Hilfe für die Vertriebenen bereit, wenn es von einer Regierung und der Generalversammlung der Vereinten Nationen darum gebeten wird. Dies ist jedoch häufig nicht der Fall.
Sudan
Im Sudan wurden während des bereits seit 17 Jahren andauernden Bürgerkriegs mehr als vier Millionen Menschen vertrieben. In zahllosen bewaffneten Auseinandersetzungen kämpfen die Regierungstruppen im Norden des Landes gegen verschiedene Rebellengruppen im Süden um die Macht über das Land mitsamt seinen Ressourcen. Die meisten Vertreibungen sind Folge dieser Kämpfe, dabei wird die Situation häufig noch durch Hungersnöte und Dürrekatastrophen verschärft. Mehr als eine Million Menschen sind aus dem Süden in den Norden des Landes, in die unmittelbare Umgebung der Hauptstadt Khartoum, gezogen, um dort Hilfe zu erhalten. Darüber hinaus leben Millionen von Vertriebenen im ganzen Land, denen nur sporadisch geholfen wird.
Kolumbien
In einem bereits langandauernden Konflikt in Kolumbien sind mehr als eine Million Menschen durch Gewalt oder aufgrund wirtschaftlicher Notlagen vertrieben worden. Allein im Jahr 1999 waren fast 300.000 Menschen betroffen. Häufig suchen die Vertriebenen Zuflucht in der Umgebung der Städte, wo sie sich Unterstützung von Angehörigen erhoffen. Doch oft endet die Flucht in einem Slum. Das Leben in Hütten aus Holz und Plastik, ohne sauberes Wasser und sanitäre Anlagen bedeutet für diese Menschen eine sehr unsichere Existenz. Zudem haben sie meist keinerlei Zugang zu medizinischer Versorgung. Im Norden des Landes betreuen mobile Teams von Ärzte ohne Grenzen die Vertriebenen. Im Umland der Städte bauen die Mitarbeiter Einrichtungen zur Basisgesundheitsversorgung auf und entwickeln Programme zur Wasser- und Sanitärversorgung.
Sri Lanka
In Sri Lanka hat der seit siebzehn Jahren andauernde Konflikt zwischen der singhalesischen Regierung und den Rebellen der Tamilen, auch als LTTE bekannt, zur Vertreibung von etwa 700.000 Menschen geführt. Viele von ihnen wurden in neue Gemeinschaften integriert, dennoch verbleiben immer noch Zehntausende, die in öffentlichen "Wohlfahrtszentren" untergebracht sind. Diese Einrichtungen wurden Anfang der neunziger Jahre ursprünglich für tamilische Flüchtlinge aus Indien erbaut. Seitdem haben sie immer neue Flüchtlingsströme beherbergt. Einige Familien leben seit neun Jahren unter sehr schlechten hygienischen Bedingungen in diesen überfüllten Zentren. Sie leiden an Hautkrankheiten, Unterernährung, Atemwegserkrankungen, Malaria und anderen Krankheiten. Ärzte ohne Grenzen bietet in mobilen Kliniken medizinische Versorgung für die Vertriebenen an, die sonst keinen Zugang zu medizinischen Einrichtungen haben. Erneute Kampfhandlungen machen die Rückkehr der Vertriebenen in ihre Heimatorte weiter unmöglich. "Solange keine politische Lösung gefunden wird, werden die meisten dieser Menschen auf Dauer hier bleiben müssen, denn sie haben keine andere Wahl", sagt Isabel Simpson, Projektkoordinatorin von Ärzte ohne Grenzen in Sri Lanka.
Zwangsumsiedlungen zerstören Lebensgrundlagen
Als Teil einer Kampagne der burundischen Regierung zur Kontrolle verschiedener Rebellengruppen wurden mehr als 300.000 Menschen in mehr als 40 Lager in der Provinz Bujumbura Rural, nahe der Hauptstadt, umgesiedelt. Dadurch wurden diese Menschen ihrer elementaren Grundrechte beraubt: Sie verloren ihr Land und den Zugang zu Nahrungsmitteln und zur Gesundheitsversorgung. Darüber hinaus finden sie in den Lagern extrem schlechte Lebensbedingungen vor: Die Lager sind völlig überfüllt, und der Mangel an sauberem Trinkwasser und die nur unzureichenden Unterkünfte bringen ein hohes Risiko für den Ausbruch von Epidemien mit sich. Im November 1999 gab Ärzte ohne Grenzen bekannt, dass sich die Organisation aus den Lagern zurückziehen werde, da die Hilfsmaßnahmen seitens der burundischen Behörden massiv behindert werden, während die Bevölkerung einer ständigen Unsicherheit sowie Terror und Manipulationen ausgesetzt sei. Außerdem befürchtete die Organisation, dass durch ihre Anwesenheit eine Legitimationsgrundlage für die Lager geschaffen würde - was es zu verhindern galt. Obwohl inzwischen einige Lager aufgelöst und einige Zugeständnisse gemacht wurden, bleibt die Zukunft der Vertriebenen ungewiss.
Ein Flüchtlingslager wird zur "Heimat"
Wenn Menschen plötzlich aus ihrer gewohnten Umgebung fliehen müssen, sind sie in keiner Weise darauf vorbereitet, dass dieser Zustand des Entwurzeltseins lange andauern kann. Dennoch werden heutzutage Kinder in Flüchtlingslagern geboren und aufgezogen - sie sind Opfer von jahrzehntelang andauernden Konflikten, bei denen kein Ende in Sicht ist und die die Menschen zwingen, über den Zeitraum von Generationen in Flüchtlingslagern zu leben. Vier Beispiele erinnern immer wieder an diese Kriege und an das Versagen der Diplomatie, politische Lösungen für die Konflikte zu finden, die die Menschen zu Flüchtlingen gemacht haben: Die afghanischen Flüchtlinge im Iran, die Somalis in Kenia, die burmesischen Karen in Thailand sowie die palästinesischen Flüchtlinge im Nahen Osten.
Iran
Iran stellt das Aufnahmeland für die größte Flüchtlingsgruppe der Welt dar: 1,4 Millionen Menschen sind vor dem seit 20 Jahren andauernden Krieg aus Afghanistan in den Iran geflohen. In Golshahr im Iran, wo Ärzte ohne Grenzen ein medizinisches Programm betreut, sieht die typische Lebenssituation von Flüchtlingen folgendermaßen aus: mehrere Großfamilien leben zusammen in einem kleinen Haus oder teilen sich Zimmer in einer Moschee. Sie bekommen eine kleine Mahlzeit am Tag. Ramin Asgary, ein Arzt, der als Freiwilliger in Golshahr gearbeitet hat, behandelte Krankheiten wie Leishmaniose, Tuberkulose, Malaria sowie schwere Fälle von Anämie und Unterernährung. So wie andere Ärzte, die in Flüchtlingslagern gearbeitet haben, berichtet auch er von vielen Patienten, die unter psychosomatischen Beschwerden leiden - als Folge der enormen psychischen Belastung, der sie ausgesetzt sind. "Nachdem sie jahrzehntelang unter solchen Bedingungen gelabt haben, bekommen sie das Gefühl, dass es immer schlimmer wird", sagt Dr. Asgary. "Ich habe sie sehr hoffnungslos erlebt."
Somalia
In Dadaab in Kenia wurden 1991 mit dem Ausbruch des Bürgerkriegs in Somalia drei Flüchtlingslager errichtet. Mehr als 900.000 Somalis flohen vor den Kampfhandlungen und der anhaltenden Dürre in die angrenzenden Nachbarstaaten - 400.000 Flüchtlinge suchten Schutz in Kenia. Heute leben noch immer 110.000 Somalis in Dadaab - zusammen mit anderen Kriegsflüchtlingen aus dem benachbarten Äthiopien, aus Uganda und dem Sudan. Die Somalis leben in Hütten, die sich über viele Kilometer entlang der Wüste erstrecken. Um warme Mahlzeiten zubereiten zu können, müssen die Flüchtlinge laufend Feuerholz aus der umliegenden Gegend sammeln. Mit dem Andauern der Flüchtlingskrise werden die Baumbestände jedoch immer weniger und die Menschen - insbesondere die Frauen - müssen jetzt immer weitere Strecken zurücklegen um Holz zu finden. Dabei sind sie immer dem Risiko von Überfällen oder Vergewaltigungen ausgesetzt. Die andauernden Kämpfe der Clan-Milizen im Süden Somalias machen eine Rückkehr der Flüchtlinge jedoch unmöglich.
Die Situation der Karen
Nachdem sie seit 1949 erfolglos um Autonomie gekämpft haben, sind Tausende Angehörige der ethnischen Minderheit der Karen aus Burma (heute Mynmar) über die Grenze nach Thailand geflohen. Zwischen 1994 und 1998 suchten mehr als 90.000 Karen in Thailand Schutz vor den Angriffen der burmesischen Regierungstruppen. Ihre Dörfer wurden nach ihrer Flucht abgebrannt. Heute leben sie in Flüchtlingslagern in Thailand, die sich auf einer Strecke von etwa 970 Kilometern entlang der Grenze zu Burma befinden. Nachdem die Flüchtlinge zunächst aus humanitären Gründen aufgenommen wurden, unternimmt Thailand jedoch nichts, um ihre Sicherheit zu garantieren. Obwohl die Lager immer wieder von burmesischer Seite aus angriffen werden, schreitet die thailändische Regierung nicht ein, da sie ihre guten wirtschaftlichen Beziehungen zu Burma nicht gefährden will. Die Karen sollen innerhalb von drei Jahren nach Burma zurückkehren, doch die burmesische Regierung weigert sich bislang, das UNHCR als Beobachter der Rückführung zuzulassen, so dass die Sicherheit der rückkehrenden Flüchtlinge nicht gewährleistet ist. In den Lagern sorgt Ärzte ohne Grenzen für die medizinische Versorgung der Flüchtlinge, medizinisches Personal wird ausgebildet und epidemiologische Überwachungsprogramme werden durchgeführt, um die Ausbreitung von Malaria und Cholera zu kontrollieren, die in diesem Gebiet endemisch vorkommen.
Die Situation der palästinensischen Bevölkerung
Im Jahr 1947 floh die palästinensische Bevölkerung aus dem Gebiet des heutigen Israel nach Gaza, in die West Bank, in den Libanon, nach Jordanien, Syrien, und Ägypten. Noch heute leben Palästinenser in Flüchtlingslagern in den Außenbezirken von Amman in Jordanien, Damaskus in Syrien sowie Beirut, Tripolis und Saida im Libanon. Die 350.000 Flüchtlinge im Libanon genießen dort beschränkte politische, wirtschaftliche und soziale Rechte. Mit der Zeit wurden aus den Zeltstädten Häuser aus Ziegelsteinen. Es wird jedoch nur sehr willkürlich gebaut und ein funktionierendes Abwassersystem existiert nicht. Einige Flüchtlinge sind inzwischen fest in die Gesellschaft integriert, die meisten aber sind immer noch auf das Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästinaflüchtlinge im Nahen Osten (UNRWA) angewiesen. Diese Organisation war eigens zur Unterstützung der palästinensischen Flüchtlinge vor 50 Jahren gegründet worden. Viele Palästinenser lehnen es ab, sich endgültig in die Gesellschaft der Aufnahmeländer zu integrieren, da sie die Hoffnung nicht aufgeben, irgendwann in ihre Heimat zurückkehren zu können, obwohl sie wissen, dass die Gebiete, die sie damals verlassen mussten, heute völlig verändert sind. Genauso zögern die Aufnahmeländer, die Flüchtlinge endgültig aufzunehmen, da die Verantwortlichen religiöse und politische Konflikte befürchten. Solange der Friedensprozess im Nahen Osten kein erfolgreiches Ende findet, wird auch das Problem der Flüchtlinge ungelöst bleiben.