27.03.09 Ein brennender Magen

DennisDennis ist heute wach und sitzt aufrecht. Gogo ist glücklich mich zu sehen, während Dennis die Augen nicht von dem Notizbuch und Stift lassen kann, die ich ihm zusammen mit etwas Kreide mitgebracht habe. Ich habe erst später verstanden, warum das so wichtig für ihn ist.

Juliette, die Krankenschwester von Ärzte ohne Grenzen, ist auch hier. Sie ist die Schwester, die Du Dir wünschst, wenn Du krank bist. Sie hat gütige Augen, ein schönes Gesicht und lächelt stets. Dennis geht es heute deutlich besser. Sein Körper war ziemlich ausgetrocknet, als er hier ankam, und er wurde an einen Tropf gelegt. Juliette hofft, diesen später stoppen zu können. „Endlich trinkt er das ORS“, sagt Juliette mit einem Lächeln.

Dennis ist klein für seine zehn Jahre. Jetzt aber ist er so schmal, dass er sogar jünger wirkt. Er ist ruhig und freundlich. Ich frage, wie es sich anfühlt, Cholera zu haben. „Ich hatte ein Brennen in meinem Bauch“, sagt er und reibt sich in Erinnerung den Bauch. Er denkt einen Moment nach und sagt dann, dass es nicht daran lag, dass er etwas Falsches gegessen sondern dass er im matschigen Regenwasser gespielt hat. Ich bin über sein Wahrnehmungsvermögen überrascht und denke, dass er Recht hat – das Abwasser fließt offen durch die Nachbarschaft und Regenwasser ist ein idealer Verbreiter von Bakterien. „Wenn ich zurückgehe, werde ich den anderen Kindern sagen, dass sie nicht im Müll wühlen sollen“, sagt Dennis ruhig.

Dennis erzählt mir, dass er Arzt werden möchte, wenn er groß ist, um seiner Mutter helfen zu können, wenn sie krank wird. Seine Mutter hat ihn ins Krankenhaus gebracht. Obwohl sie gerade entbunden hat, hat sie Dennis den ganzen Weg getragen. Sie haben kein Geld für den Transport.

Ich frage ihn, was er sich wünschen würde, wenn er einen Wunsch frei hätte. Er schaut auf seine schmalen Hände und flüstert: „Ich möchte zur Schule gehen.“ Als Juliette ihn weiterfragt, sagt er, dass er nicht zur Schule gehen kann, da er keine Bücher, Hefte und Stifte hat.

Ich verabschiede mich und hoffe, dass Dennis schnell wieder gesund wird. Ich werde ihn vielleicht nächste Woche in seiner Wohnung in Mbare besuchen, vorausgesetzt er ist dann schon zuhause. Erst einmal drehe ich mich um, falte meine Hände nach simbabwischer Art und Weise und sage: „Danke Gogo. Danke Dennis.“ Beide fangen an zu lachen und geben den Dank an mich zurück.

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26.03.09 Das Cholera-Kind

Meine heutige Aufgabe ist es, ein Cholera-Kind zu finden – das heißt ein Kind, das älter als fünf Jahre ist, Cholera hat und dessen Vormund es mir erlaubt, mit dem Kind über die Cholera in Simbabwe zu sprechen.

Da es im ganzen Land Hunderte von Cholerafällen gibt, mag diese Aufgabe einfach erscheinen – es gab bereits mehr als 93.000 Fälle seit die Epidemie ausgebrochen ist. Juliette, die als Oberschwester von Ärzte ohne Grenzen im Cholerabehandlungszentrum in Harare arbeitet, sagt tatsächlich direkt auf meine Anfrage, dass vor zwei Tagen ein zehnjähriger Junge eingeliefert wurde, den ich mit Zustimmung des Vormundes sehen kann.

Juliette wendet sich Dennis zu, als ich ankomme. Der Junge weigert sich, die Augen zu öffnen. Seine Großmutter, eine attraktive, ältere Dame mit Kruzifix, rüttelt sanft an seiner Schulter. „Er tut nur so“, sagt sie mit einem Lächeln. „Er glaubt, dass ihr ihm ORS (orales Rehydrationssalz, das zur Genesung eingesetzt wird) zum Trinken geben wollt.“ Gogo (so werden Großmütter im simbabwischen Dialekt genannt) versucht erneut, Dennis aufzuwecken. Ich bin aber mit Juliette übereingekommen, dass wir morgen wieder kommen.

Bevor ich gehe, unterhalte ich mich mit Juliettes Hilfe ein wenig mit Gogo. Gogo lebt in Mbare. Das ist eine der ärmsten und am meisten bevölkerten Gegenden der Hauptstadt Harare. Es ist schmutzig und staubig, der Busbahnhof ist dort und auch der Großmarkt für Obst und Gemüse. Es gibt einige überfüllte dreistöckige und verfallene Gebäude, die unser Experte für Wasser und Sanitär bereits als absolut unhygienisch eingestuft hat. Ich habe Geschichten von geplatzten Abflussrohren in den Wohnungen gehört, und von komplett verseuchten Toiletten.

Gogo, 69, lebt mit ihren zwei verbleibenden Kindern und neun Enkelkindern in einer kleinen Wohnung mit zwei Zimmern. Ich stolpere über das Wort „verbleibend“ und wende mich an Juliette. „Wie viele Kinder hatte sie?“, frage ich. Gogo beantwortet die Frage sehr nüchtern. „Sie hatte insgesamt neun Kinder, von denen zwei noch am Leben sind,“ übersetzt Juliette. Ich frage sie nach ihren Lebensbedingungen. Gogo erklärt, dass sie auf die monatliche Unterstützung von Catholic Relief angewiesen sind, die ihnen Grundnahrungsmittel geben, da in dem Haus niemand Geld verdient.

Gogos Tochter – Dennis Mutter – hat vor zwei Wochen ein weiteres Kind zur Welt gebracht. Deswegen kümmert sich Gogo um Dennis. Seine Mutter ist noch zuhause und versorgt das Baby. Ich bedanke mich bei Gogo für das Gespräch. Sie lächelt, und neigt gütig ihren Kopf – Danke!

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16.03.09 Dadiras Stärken

Ich habe einen Anruf von einer Kollegin von Ärzte ohne Grenzen in Deutschland bekommen, dass sie für ihren Jahresbericht eine kurze Geschichte über jemanden benötigen, dem Ärzte ohne Grenzen helfen konnte. Ich habe so vielen getroffen, so viele Geschichten gehört, über so viele von ihnen geschrieben, dass ich entschieden habe, in unser am nächsten liegendes Projekt zu fahren und jemand Neues zu treffen. Außerdem fahre ich gerne nach Epworth.

Epworth liegt 30 Autominuten östlich von Harare. Ein sonniger Wind weht durch die Fenster während wir fahren. Als wir uns dem Township nähern, sehe ich die hellbraunen Felsbrocken, für die der Ort bekannt ist. Die Felsbrocken balancieren unglaublich aufeinander, so dass es oft scheint, als würden sie die Gravitationskräfte außer Kraft setzen. Ich habe sie schon so oft gesehen, sie sind sogar auf den mittlerweile wertlosen simbabwischen Geldnoten abgedruckt. Die Aussicht begeistert mich nach wie vor - sie sind wie Simbabwe selber, so labil und doch unbewegt, irgendwie beständig - und wunderschön.

Wir erreichen die Klinik von Ärzte ohne Grenzen und treffen Stef, die Projektkoordinatorin, die ich vorher bereits angerufen hatte. Sie hat ein begeistertes Funkeln in ihren Augen. “Ich habe gerade eine Frau für dich gefunden”, sagt sie. “Sie ist großartig.” Wir gehen zum Eingang der Klinik, wo eine endlose Reihe von Patienten wartet; sie wurden in Rollstühlen sitzend oder liegend von ihren Verwandten hierhergebracht. “Heute ist ein ruhiger Tag”, sagt Stef. Was, wenn man sich umschaut, ironisch erscheinen mag. Was es aber nicht ist, wenn man andere Tage erlebt hat. Das Projekt von Ärzte ohne Grenzen in Epworth behandelt über 10.000 HIV-positive Menschen, die in der Gegend leben.

low_47495-webEine große, stolze Frau in einer lila Schürze sammelt in der Anmeldung die Daten der wartenden Patienten. Stef fragt sie, ob sie bereit wäre, als Begünstigte von Ärzte ohne Grenzen auszusagen und sie stimmt begeistert zu. Stef verlässt uns und ich unterhalte mich mit Dadirai.

Ich bin sofort von Dadirai begeistert. Sie strahlt Stärke aus. Sie ist voller Tatendrang, überzeugend, unstillbar.

Sie ist gerade heraus. Zuerst erzählt sie mir, wie ihr Ehemann krank wurde, aber jede Behandlung abgelehnt hat. Sogar als er im Krankenhaus im Sterben lag, hat er alle Medikamente verweigert - und ist gestorben. Dann wurde ihre kleine Tochter krank und es stellte sich heraus, dass das Kind HIV-positiv war. Kurz darauf wurde sie selber krank, und als sie sich hat testen lassen, wurde ihre Befürchtung wahr, dass sie ebenfalls HIV-positiv ist. “Es war eine harte Zeit”, sagt sie nüchtern und ohne Selbstmitleid. Sie konnte nicht gehen, essen und sich um sich selber kümmern, geschweige denn um ihre beiden HIV-positiven Töchter. Ihre ältere Tochter, die jetzt 11 Jahre alt ist, war zwar nicht krank, wurde aber ebenfalls positiv getestet. Dadirai hat aber nicht aufgegeben und mit der Hilfe von antiretroviralen Medikamenten geht es ihr und ihrer kleinen Tochter besser.

“Ich möchte vielen Menschen helfen”, sagt sie bestimmt mit dem Kopf nickend und sich selber wiederholend. “Genau, VIELEN Menschen. Ich möchte, dass es kein HIV mehr in Simbabwe gibt. Ich möchte, dass es niemanden mehr mit HIV gibt.” Sie spricht leidenschaftlich und mit Überzeugung. “Ich möchte helfen, anderen Menschen beizubringen, wie sie sich vor HIV schützen können, wie sie sich um sich selber kümmern müssen - das ist es, was ich tun möchte.”

Dadirai ist jetzt 32 und bekommt seit 2007 antiretrovirale Medikamente im Programm von Ärzte ohne Grenzen in Epworth. Als sie das Programm angefangen hat, hat sie ein Jahr freiwillig Aufklärung betrieben, indem sie andere HIV-positive Menschen ermutigt hat, ihren Status zu akzeptieren und die Medikamente zu nehmen.

Nachdem sie ein Jahr lang als Freiwillige gearbeitet hat und hat sie sich mit der Unterstützung von Ärzte ohne Grenzen entschieden, wieder zur Schule zu gehen. Sie musste jeden Tag zwei Stunden laufen - “bergauf und bergab jeden Tag” - um die Schule zu erreichen. Am Abend und am Wochenende hat sie Gemüse verkauft, um sich und die beiden Kinder zu ernähren. “Es war eine schwere Zeit”, sagt sie, aber sie hat nicht aufgegeben. Sie hat ihren Abschluss gemacht und arbeitet jetzt als stolze Schwesternhelferin bei Ärzte ohne Grenzen. Sie hofft, eines Tages Beraterin zu werden.

Zwischenzeitlich erzieht sie ihre Kinder dahingehend, sich nicht dafür zu schämen, dass sie HIV-positiv sind. Sie ermutigt sie vielmehr, offen und ohne Angst mit den Klassenkameraden und Lehrern darüber zu reden. Sie selber redet mit jedem und überall über ihren Status und wie wichtig es ist, sich testen zu lassen. Manchmal predigt sie es anderen Menschen, die mit ihr auf den Bus warten, erzählt sie mir lachend. Wenn sie ihr nicht glauben, dass sie HIV-positiv ist, holt sie ihre Dose mit den antiretroviralen Medikamenten raus und schüttelt sie. “Ich erzähle ihnen - sei dir deines Status bewusst, lass dich testen, lass dich behandeln”, sagt sie mit Begeisterung. Wie kann man dieser Kraft widerstehen?

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10.03.09 Das Finden eines kleinen Wunders

Schließlich sind wir an der Nummer angekommen, die wir gesucht haben, müssen dann aber feststellen, dass Maria hier gar nicht wohnt; es ist das Haus ihres Bruders. Er erzählt uns, dass es da wo Maria wohnt keine Nummern gibt, und dass sie deshalb diese Adresse angibt. Er bietet an, uns den Weg zu zeigen.

Wir fahren die dreckige Straße solange entlang, bis es nicht mehr weiter geht. Danach nehmen wir einen schmalen Fußweg, der durch hohes strahlend grünes Gras führt und neben dem Mais in den Himmel wächst. Es ist schwer vorstellbar, dass wir noch in Harare sind. Wir erreichen eine kleine Siedlung, wo viele Kinder sind, einige Frauen, einige Hühner, eine Quelle.

Und dann kommt Maria auf uns zu, schüchternd lächelnd, und offensichtlich nicht mehr schwanger. Ich bin so glücklich, sie zu sehen, ich hatte das Schlimmste angenommen, auch wenn ich inbrünstig das Beste gehofft habe.

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Liliosa erklärt Maria, dass wir gekommen sind, um sie zu untersuchen, worüber sie recht erstaunt ist. Sie führt uns zu ihrem kleinen Haus, bestehend aus einem Raum mit Holzwänden und einem Wellblechdach. Auf dem Bett liegt ein kleines Wunder. Es ist ihre eine Woche alte Tochter, die sie stolz Takudzwa genannt hat, was in der lokalen Sprache soviel heißt wie “Wir sind geehrt worden”. Das Kind ist makellos, sie versucht sogar ihre Augen zu öffnen und ich könnte schwören, dass sie gelächelt hat, als ich gegurrt habe.

Maria hat sie auf diesem Bett zur Welt gebracht. Zwei Tage, nachdem sie aus dem Choleracamp zurückgekommen ist. Sie hatte nicht nur kein Geld für die Krankenhausgebühren, sie hatte nicht einmal Geld, um den Transport in die Klinik zu bezahlen ($2).

Aber irgendwie hatte sie nur zwei Stunden lang Wehen, bevor Takudzwa das Licht der Welt erblickte. Es war eine einfache Geburt, ohne Komplikationen.

Nichts desto trotz ist die Zukunft ungewiss. Maria hat drei weitere Kinder. Das einzige Einkommen, das sie und ihre Schwester haben, ist, Fisch im Großhandel einzukaufen und ihn dann an Privatpersonen weiterzuverkaufen. Sie hat aber weder Geld, um für eine Nachsorgeuntersuchung in die Klinik zu gehen, noch ist sie in der Lage, die Kinder impfen zu lassen.

Dennoch, es liegt ein kleines Wunder vor uns und wir lächeln auf das Baby hinab. Maria sagt, dass sie trotz allem mit ihrer Tochter sehr glücklich ist.

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10.03.09 Suche nach Maria

Erinnert ihr euch an die schwangere Frau, die ich dort getroffen habe, wo Ärzte ohne Grenzen orale Rehydrierungsmittel verteilt? Eineinhalb Wochen später habe ich nach ihr gesucht, um herauszufinden, was aus ihr und ihrem Baby geworden ist.

“Hey Heidi!” Es ist jedes Mal großartig, Heidi zu treffen. Heidi ist Krankenschwester bei Ärzte ohne Grenzen und arbeitet im Cholerazentrum in Harare. Mit ihren blonden Haaren und blauen Augen sieht sie nicht nur aus wie ein Engel, sie hat auch den dazugehörigen Charakter. Sie ist nie zu müde, zu gestresst oder zu beschäftigt, um sich um die Patienten zu kümmern.

Ich habe Heidi einige Tage nicht gesehen und habe Angst, herauszufinden, was mit Maria passiert ist, eine im neunten Monat schwangere Cholera-Patientin, die ich vor eineinhalb Wochen getroffen habe.

Das erste Mal war ich Maria begegnet, als ich den Bus, der die Cholera-Patienten transportiert, auf seiner Tour begleitet habe. Sie war ganz still, als wir uns ihr näherten. Sie lag in einem Cholera-Bett in einer der Rehydrierungsstellen, die Ärzte ohne Grenzen in den sich weit ausstreckenden Townships von Harare errichtet hat. Wir haben sie dann umgehend in die Budiriro Klinik gebracht, wo Ärzte ohne Grenzen ein Cholera-Behandlungszentrum eingerichtet hat. Heidi hat ihr gleich zwei intravenöse Zufuhren gelegt.

Ich habe Maria dann gefragt, ob sie Geld für die Schwangerschaftsvorsorge in einer der Kliniken hat, die in ihrer Nähe ist. Sie hat mich angeguckt wie im Wahn - wo soll sie die $50 hernehmen, die heutzutage in den Simbabwischen Kliniken als Gebühr für werdende Mütter berechnet werden?

Als ich Heidi dann gefragt habe, was aus Maria geworden ist, schüttelte sie nur traurig den Kopf. “Ich habe gebetet, dass sie das Baby kriegt während sie in der Budiriro Klinik war, aber es kam nicht. Nachdem sie die Cholera überstanden hatte, habe ich den Simbabwischen Arzt angefleht, sie doch noch zwei Tage länger dazubehalten. Aber danach hat er sie dann entlassen. Ich konnte nichts dagegen tun,” sagt sie seufzend und wir haben uns tief einatmend angeschaut.

Wenn Patienten erst einmal von der Cholera geheilt sind, werden sie sofort entlassen, egal ob sie noch etwas anderes haben. Unglücklicherweise haben diese Patienten meistens keinen Ort, wo sie hingehen können und kein Geld, um sich andere Hilfe leisten zu können.

“Ich werde Maria finden,” beschließe ich und Heidis Augen beginnen zu leuchten. Wir sind uns beide einig, dass es wunderbar wäre zu wissen, was mit ihr passiert ist. Heidi warnt mich aber, nicht zu optimistisch zu sein.

Ich kümmere mich um den Transport und nehme Liliosa mit, eine der Simbabwischen Pflegerinnen, die für Ärzte ohne Grenzen arbeitet. Sie ist selber hochschwanger, aber extrem aktiv und als ich ihr den Zweck unserer Fahrt erkläre, ist sie genauso enthusiastisch wie ich und will Maria finden.

Wir fahren durch die Nachbarschaft von Kwadzana. Wie in fast allen Townships von Harare erstaunt mich auch hier der Kontrast zwischen den kleinen, schönen Häusern mit ihren liebevoll gepflegten Gärten und Zäunen und den offenen Abflussgräben in den Straßen. Es ist sonnig und viele Menschen sind auf der Straße, was bei der Arbeitslosenquote nicht verwunderlich ist. Es gibt viele Friseurläden, meist einfach ein Stuhl, ein Spiegel und Schilder wie “New Beginnings Hair Saloon” oder “Golden Hair Barber”.

Wir suchen nur nach einer Nummer. So funktioniert das hier, es gibt keine Straßennahmen, die Häuser sind schlichtweg nummeriert, manchmal einer Logik folgend, manchmal nicht. Eine Frau gibt uns den Hinweis, dass wir da wenden müssen, wo “normalerweise” eine Telefonzelle steht - Liliosa lacht, ein weiteres Merkmal für die sich immer weiter verschlimmernden Situation Simbabwes.

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01.03.09 Beerdigung

Chiwardizo Klinik in Bindura (rund 88 Kilometer nordöstlich von Harare): Während Teams von Ärzte ohne Grenzen in der Klinik ihr Cholera-Behandlungszentrum überprüften, stelle sich heraus, dass es dort am 22. Februar 2009 eine neue Spitze in der Zahl der Neuzugänge gegeben hatte: 65 Patienten waren an dem Tag aufgenommen worden und die Zahl wächst rasch weiter an. Ich fuhr bald darauf für einige Tage nach Chiwardizo.

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Der Innenhof der Klinik in der nordöstlichen Stadt Bindura ist voller Cholerapatienten aus einer Gemeinde namens Kingston Farm. Die lokalen Gesundheitsbehörden planen, dorthin zu fahren und ich frage sie, ob ich mitfahren kann: “Kein Problem, wir kommen gleich, um dich abzuholen.”

Sie steigen dann in einen weißen Pick-Up Truck und fahren los. Mich lassen sie im Innenhof stehen und ich frage mich, ob sie zurückkommen werden oder mich einfach sitzen lassen. Es ist Mittagszeit und entsetzlich heiß. Mir wird klar, dass sie Essen gegangen sind. Ich begleite Nick, unseren Wasser- und Sanitärexperten. Im hinteren Teil unseres Wagens sind wir zumindest vor der blendenden Sonne geschützt.
Wir knabbern ein bisschen Snacks, unterhalten und trinken warmes, mit Chlor behandeltes Wasser aus unserem Behälter. Ein Mitglied unseres Notfallteams, die für Umweltfragen zuständig ist, kommt herüber, um etwas zu trinken zu holen. Ich frage sie, wie es im Camp ist. “Es ist zu heiß!”, beschwert sie sich und sagt dazu, dass dort auch ordentlich saubergemacht und desinfiziert werden muss.

Gerade als ich denke, dass die Mitarbeiter der Gesundheitsbehörde mich nicht mehr abholen werden, kommen sie und stellen ihren Pick-Up vor den Eingang des Camps. “Was denkst du, was sie machen?” frage ich Nick, während wir um die Ecke unserer offenen Hecktür linsen. “Ich weiß nicht, ich nehme an, dass sie Vorräte aufladen.” Ich steige aus unserem Auto und laufen  zu ihnen rüber, während ich meine Augen abdunkle. Dann sehe ich, dass sie etwas Längliches, in schwarze Plastikplanen Verpacktes tragen. Ich brauche einen Augenblick bis ich realisiere, dass es sich dabei um eine Leiche handelt. Jemand, der neben mir steht, sagt, dass es eine Schande sei, dass sie den Körper den ganzen Tag lang in der Hitze des Zelts haben liegen lassen.

Die einheimischen Männer verstauen den Körper im hinteren Teil des Trucks und winken mich zu sich. Ich fühle mich eher mulmig dabei, in das Auto zu steigen, in dessen hinterem Teil die Leiche liegt. Aber wir steigen alle ein und fahren los. Wir sind zu dritt im hinteren Teil zusammengedrängt und der Mann im dunklen olivfarbenen Arbeitsanzug neben mir dünstet heftigen Chlordunst aus. Um mich herum stellen sich die Leute einander vor, und ich realisiere, dass mein unmittelbarer Nachbar der Bestatter ist. Ich rolle das Fenster noch weiter runter.

Wir fahren aufs Land raus. Da es die heiße Regenzeit ist, ist alles grün und satt. Ich habe noch nie so hohes Gras gesehen - es kommt vor, dass es doppelt so hoch ist wie unser Auto - und es fühlt sich so an, als würden wir durchschwimmen.

Wir halten im Dorf der Verstorbenen: Runde ockergelbe Lehmhütten mit kegelförmigen Stohdächern umgeben von Soyafeldern. Ich finde heraus, dass die Verstorbene eine alte Dame ist, die keine Verwandten hat, die sich um ihre Beerdigung kümmern würden. Während wir wieder durch hohes Gras “tauchen” denke ich an ihr Leben, das nun vorbei ist. Ich frage mich, wer sie war, was ihre Sorgen und Freuden waren. Wie viele Leben hat dieses Bakterium bereits genommen, das dieses schöne Land geißelt?

Einer der jungen Männer, die vorher auf unseren Wagen gesprungen sind, um mit der Beerdigung zu helfen, schlägt an die Seite des Trucks, um uns ein “Stop” zu signalisieren. Ich frage mich, ob etwas heruntergefallen ist, bemerke dann aber, dass da ein kleiner Weg durch Bäume und Gras führt. Ich laufe mit, und sehe eine Lichtung mit orangenen Blumen, die sich unterhalb davon ausbreiten. Es ist sehr friedlich. Ein schöner Ort für die letzte Ruhe.

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01.03.03 Kingston Farm

Wir verlassen das Beerdigungs- und Desinfektionsteam, damit sie ihrer Arbeit nachkommen können und wir Vier haben uns zur Kingston Farm aufgemacht. Ich stelle fest, dass es eigentlich kein privater Hof mehr ist, sondern von einer Gemeinschaft übernommen wurde, wo sich jeder um seine oder ihre Ernte kümmert.

Wir finden die Siedlung, unser Fahrer hält an einem Eingang und hupt. Sofort versammeln sich Frauen, Kinder und Männer um das Auto. Die Gesundheitserzieher erklären den Gebrauch von Wassertabletten, Chlorreinigungstabletten, um das verschmutzte Wasser zu desinfizieren und betonen, wie wichtig es ist, sich regelmäßig die Hände zu waschen und das Geschirr zu reinigen.

Es gibt einen großen, jungen Mann, der als Vorsitzender agiert (der ältere Vorsitzende ist mit Cholera im Cholerabehandlungszentrum). Er ist groß, attraktiv und hat ausgeprägte Charaktereigenschaften. Da in der Gemeinde niemand ein Auto besitzt, ist es seine Aufgabe, die kranken Cholerapatienten mit seinem Karren zum Cholerabehandlungszentrum zu fahren. Wir haben mit dem Auto schon 40 Minuten gebraucht, um hierher zu kommen, nicht auszudenken, wie lange es dauert, jemanden die ganze Zeit vor sich herzuschieben.
Der junge, attraktive Vorsitzende ist verärgert. Er ruft der ganzen Gemeinde etwas zu. Ich frage unseren Fahrer, was er sagt. “Er ruft den Frauen zu, dass sie die dreckigen Kleider nicht an demselben Platz waschen können, wo die Gemeinde das Trinkwasser herbekommt”, erklärt unser Fahrer. “Er sagt ihnen, dass er es leid ist, ständig Menschen in die Klinik bringen zu müssen.” Ich finde heraus, dass es 85 Haushalte in der Gemeinde gibt. In den letzten zwei Wochen sind 77 Cholerafälle von diesem Hof in der Klinik eingeliefert worden.

Die Gesundheitsaufklärer verteilen 30 Wassertabletten pro Haushalt und orales Rehydrationssalz. Sie erklären, wie man die Tabletten anwendet und dass das Salz einfach in Wasser aufgelöst eine einfache aber sehr effektive Methode ist, um Menschen mit Durchfall zu heilen.

Die Männer des Dorfes zeigen uns ihre Wasserquelle. Wir laufen zehn Minuten über Felder mit Kürbissen, Erdnüssen, Soja und Mais. Die Gemeindemitglieder plaudern aufgeregt mit den Amtsärzten vor mir, während ich von einem extrem freundlichen und besorgten jungen Mann begleitet werde, der etwas über mein Heimatland wissen möchte und wie lange ich schon hier bin.

Nach zehn Minuten erreichen wir die Wasserquelle. Es ist ein kleiner Fluss. Die Strömung ist langsam and träge, an manchen Stellen steht das Wasser ganz still. Sie zeigen uns ein einen halben Meter tiefes Loch, dass sie neben dem Fluss gegraben haben und welches mit abgestandenem Wasser gefüllt ist. Dies dient als Trinkwasser. Die Gesundheitsaufklärer sind entsetzt. Sie erklären, dass sie das Loch zuschütten müssen und es schnellstmöglich vergessen sollen.

Als wir die Gemeinde zurückgelassen haben, ist das Team im Auto über die getane Arbeit begeistert and zufrieden. Sie erklären mir, dass es in dieser Gemeinde keine Patienten mehr geben wird. Dass es keinen Grund gibt, das Klinikgebäude zu übernehmen und ein angemessenes Cholerabehandlungszentrum einzurichten. Sie sagen auch, dass sie es nicht verstehen, warum die Menschen aus der Cholerakrise solch ein Drama machen, sie haben doch alles unter Kontrolle.

Am nächsten Tag kamen dennoch sieben neue Fälle von der Kingston Farm.

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25.02.09 Elefanten geben Wasser

“Also, warum nennen sie sie Elefantenpumpen?”, frage ich Precious als ich vor einem wasserblauen Betonrund stehe, das so hoch wie mein Kopf ist. An beiden Seiten sind Griffe und direkt vor mir springt eine Röhre hervor.

Precious Matarutse, 24, arbeitet seit einem Jahr für Ärzte ohne Grenzen daran, Wasser-und-Sanitär-Programme einzurichten - und ihre positive und enthusiastische Einstellung ist noch immer unbezwungen. So lang sie da draußen in den Gemeinden Menschen helfen kann, ist für sie nichts anstrengend. “Setz mich nur nicht hinter einen Schreibtisch”, sagt sie mir lachend.

Dann lächelt sie und bittet mich, von der Pumpe etwas zurückzutreten. “Am Boden siehst du, dass die runden Formationen, auf denen die Leute stehen, um die Griffe zu bedienen, wie Elefantenohren aussehen, und unter dem Hahn ist eine kleine Furche, wie eine Schnauze.” Sie hat recht, die Pumpe sieht aus wie ein Elefant!

Ärzte ohne Grenzen hat fast 30 dieser Elefantenpumpen in zwei Gegenden rund um die simbabwische Hauptstadt gebaut. Precious und ich sind gerade in Mabvuku Tafara, einer Gemeinde mit 150.000 Einwohnern. “Einige Gegenden haben seit mehr als einem Jahr kein Wasser”, sagt Precious während wir durch die Gemeinde fahren und jede Pumpe kontrollieren, die Ärzte ohne Grenzen gebaut hat.

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Wir kommen zu einem Platz mit einer langen Schlange wartender Menschen mit Eimern und Kanistern in allen Farben, blau, grün, gelb. In der Nähe ist eine mittlerweile nicht mehr funktionierende Keramikfabrik, und darum nennen die Leute den Ort Keramik-Pumpe. Wir steigen aus unserem Minibus. Ein vier Jahre altes Mädchen in einem kurzen weißen Kleid kommt zu mir, um meine weiße Haut zu berühren, und alle lachen. Sie läuft davon.

Cleopas Kajekere, ein Mann, der in der Nähe der Pumpe lebt, hat sich ihrer Pflege angenommen. “Diese Pumpe arbeitet 24 Stunden am Tag”, erzählt er mir während er auf die wartende Schlage guckt. “Vielleicht zumindest fünf am Tag.” Ich frage mich, was er mit fünf meint und dann erklärt er: “Ja, etwa 5.000 Menschen kommen täglich, um Wasser zu holen.” Die Schlange ist endlos, denn sobald Menschen mit ihrem sauberem Wasser Platz machen, werden sie von anderen ersetzt.

Nachdem Precious mit dem Team, das das Wasser chloriert, gesprochen hat, springen wir in den Minibus und fahren zur nächsten Station. “Was bedeutet Mavuku Tafara?”, frage ich während wir über die Staubstraßen des Ortes rumpeln. “Wir frohlocken”, antwortet unser Fahrer geistesabwesend. Er ist abgelenkt weil er versucht, durch einen Fluss zu fahren, der die Hauptstraße entlang fließt. Ich drehe meinen Kopf und schaue aus dem Fester und mir bleibt der Atem weg durch den Gestank, der mich trifft. Der fließende Fluss ist ein Fluss aus Abwässern.
Schnell bedecke ich mein Gesicht, es ist nicht auszuhalten. Doch überall laufen Menschen, spielen Kinder, vor kleinen Läden lungern Männer herum - direkt an Flussufer. Ich steige aus, um ein Foto zu machen, aber man kann kaum atmen. Ich bedecke meinen Mund und meine Nase mit einem Schal. Ein Mann kommt zu mir und wir starren beide auf den Fluss aus Abwasser. “Seit wann ist es schon so?”, frage ich mit durch den Schal dumpfer Stimme. “Seit August.” “Seit August?”, schreie ich entsetzt. “Aa”, sagt der Mann ruhig. “Das wird sobald nicht in Ordnung gebracht.”

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25.02.09 In guten Händen

Wieder im Auto starre ich aus dem Festern und denke über die Situation nach. Ich frage Precious, ob sie – wie so viele Simbabwer – darüber nachdenkt, das Land zu verlassen. „Nein“, sagt sie und schüttelt den Kopf. „Manchmal geht es nicht um dich. Es geht um andere Menschen, um verletzlichere Menschen. Du musst an diese anderen Menschen denken.“

Wir erreichen eine andere Gegend von Mabvuku, in der 160 Haushalte seit mehr als einem Jahr weder Wasser noch Elektrizität haben. Schlimmer ist aber noch, dass nicht nur ihre Toiletten nicht gehen, sondern die Kanalisation blockiert ist und Abwasser bis in ihre Häuser steht. „Die Frau, die hier lebt“, sagt Precious und zeigt auf ein Haus zu ihrer Rechten, „kam in der letzten Woche vor Verzweiflung weinend zu mir weil in allen Räumen ihres Hauses Abwasser stand. Sie hatte nichts, um vernünftig sauberzumachen und ihr Haus zu desinfizieren nachdem sie den Dreck grob weggemacht hatte.“

„Es ist die Gnade Gottes, dass ihr uns gefunden habt und wir nicht alle an Cholera gestorben sind”, sagt Moses, 45, einer der hier in der Gegend wohnt. Er hat Sandsäcke benutzt, damit sich die Abwasserleitungen nicht in sein Haus entleeren.

Precious und ich machen uns wieder auf den Weg und fahren zu einer benachbarten Siedlung mit Namen Caledonia Farm. Sie liegt so nah bei Harare und ist doch eine komplett ländliche Siedlung, mit staubigen Sandstraßen, Kornfeldern, Sonnenblumen, die aus tiefem Grün hervorlächeln. Die Menschen wurden hier gewissermaßen abgeladen, nachdem die Regierung 2005 in einer Aktion, die vorgab, in überbevölkerten Siedlungen aufzuräumen, mehr als 700.000 Häuser zerstörte.

Hardwork Malifande, einer der Bewohner führt uns herum. Er ist Lehrer, doch seit die Regierung nur noch Gehälter zahlt, von denen man nicht leben kann, unterrichtet er nicht mehr in der Schule. Er versucht, sich mit Privatstunden über Wasser zu halten.

Hardwork geht zu einem der Häuser, in denen Ärzte ohne Grenzen eine der 200 Latrinen für die Gemeinde gebaut hat. Regina ist sehr stolz auf ihre frisch lackierte Holzlatrine und lächelt breit. „Wie viele Familien benutzen diese Latrine?“, frage ich sie. Sie rechnet langsam und antwortet: „Fünf Familien.“ Fünf Familien! Ich denke daran, wie schon mein Freund und ich über den Gebrauch unserer Toilette diskutieren. Ich kann mir nicht vorstellen, wie dies bei fünf Familien ist!

Aber Regina ist sehr zufrieden, auch wenn sie die Latrine sauber halten muss, da sie am dichtesten dran wohnt. „Ich bin sehr glücklich“, sagt sie. „Früher musste ich immer weit zur Toilette laufen. Nun ist es einfacher, alles liegt in meinen Händen.“

Hardwork nimmt uns mit zu einem anderen Haus, in dem ein älterer Mann und seine Frau sich um die neu gebaute Latrine kümmern. Der Mann hat kurz geschnittenes gräulich-weißes Haar und knorrige Hände. Er spricht kein Englisch, scheint mir aber dringend etwas mitteilen zu wollen. Doch er ist schüchtern und verlegen. Schließlich, als wir dabei sind wieder aufzubrechen, schaut er mir in die Augen und sagt stockend: „Danke.“

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20.02.09 Rettungslinien

Mittlerweile ist es recht sonnig. Es dauert eine Weile bis wir unser nächstes Ziel erreichen. Georgina und ich erzählen einander Geschichten aus unserem Leben. Sie zeigt mir auf ihrem Handy Fotos ihrer 4-jährigen Tochter, die wirklich absolut bezaubernd aussieht. Sowohl Georgina als auch ihr Ehemann sind Krankenpfleger und haben beide momentan einen Job. Sie erwägen trotzdem nach Botswana zu ziehen, falls sich die Situation in ihrem Land nicht verbessert.

Wir dösen schließlich beide während der sanft holpernden Fahrt in unserem “Cholera-Minivan” ein, die warme Sonne im Gesicht.

Bei der Ankunft in Dziva wachen wir rasch wieder auf, da bei unserem “Oral Rehydration Point” (ORP)  zwei dehydrierte Patientinnen auf die Überstellung ins Cholera-Behandlungszentrum warten. Eine Frau hat ihr einjähriges Baby bei sich. “Ist das Baby ebenfalls krank?” frage ich sie. Sie schüttelt schwach den Kopf, “Nein, aber ich stille und kann das Baby nirgends hingeben.” Ein paar Tage später sollte ich diese Frau im Cholerazentrum wieder sehen mit ihrem nun ebenfalls an Cholera erkranktem Baby.

Die andere Frau ist im neunten Monat schwanger. Die behandelnde Krankenschwester im ORP erzählt Georgina, dass sich der Fötus laut der Patientin seit drei Tagen nicht mehr bewegt hat. Die beiden Krankenschwestern schütteln den Kopf. Es kommt häufig vor, dass schwangere Frauen, die an Cholera erkranken, ihre Babys verlieren.

Während sie sich um die Schreibarbeit kümmern, gehe ich rüber und spreche mit der Schwangeren. Sie hat bereits vier Kinder und hat alle vier zu Hause entbunden, obwohl sie nach der zweiten Geburt eine post-natale Blutung hatte. Ihr Ehemann unterstützt sie nicht; er hat keinen Job. Sie und fünf weitere Familien trinken alle Wasser aus einem seichten Brunnen. Sie haben kein Material, um das Wasser abzukochen. Die Frau vermutet, dass das der Auslöser für die Cholera ist.

Mit der Unterstützung der anderen Krankenschwestern begleitet Georgina die beiden Patientinnen in unseren “Cholera-Minivan” und wir bringen sie ins Cholera-Behandlungzentrum von Ärzte ohne Grenzen. Nachdem wir das CTC verlassen haben, wundert sich Georgina, die Teile meines Gesprächs mit der schwangeren Patientin mitgehört hat, darüber, dass diese Frau so viele Kinder hat. “Ein Kind ist so teuer”, meint sie mit dem Gedanken an die Ausgaben für ihre eigene Tochter, “Wie können sie sich um so viele kümmern?”

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