Kein leichter Abschied

Drei Wochen sind nach dem verheerenden Erdbeben in Haiti vergangen. Isabelle Jeanson hat während dieser Zeit den Einsatz von Ärzte ohne Grenzen als Ansprechpartnerin für die Medien begleitet. Für sie ist es jetzt Zeit zu gehen – sie wird abgelöst. Isabelle ist traurig, all die Patienten zurückzulassen, die sie getroffen hat. Die Würde und Solidarität, die die Haitianer angesichts dieser Katastrophe bewiesen haben, haben sie sehr berührt. Sie weiß aber auch, dass ihre Zeit in Haiti zwar zu Ende geht, die medizinischen Teams von Ärzte ohne Grenzen aber weiter im Einsatz sind und die dringend benötigte medizinische Versorgung für die Menschen fortführen.

Ich habe mich vor diesem Tag gefürchtet, denn es ist nicht leicht, Abschied zu nehmen. Ich hab so viel Zuneigung und Respekt für die Haitianer entwickelt, die angesichts dieser enormen Not so viel Würde an den Tag legen.

Nächste Woche um die Zeit werde ich bereits wieder in meinem bequemen Büro sitzen und mir über die Menschen Gedanken machen, die ich getroffen habe und die mich zutiefst beeindruckt haben. Menschen wie zum Beispiel die kleine Gabrielle oder die süße, 19-jährige Sinthia, die fiebrig mit ihrem verwundeten Bein in unserem Krankenhausbett liegt. Sie hat am 4. Januar ein Baby zur Welt gebracht, aber das kleine Mädchen starb ein paar Tage nach dem Erdbeben, weil, wie sie mir sagt, sie frierend auf der Straße übernachten mussten. Ich werde auch an St. Amise und ihr vier Monate altes Baby denken. Auch sie wartet in ihrem Krankenhausbett, mit ihrem von einem Fixateur stabilisierten verletzten Bein. Währenddessen leben ihre anderen vier Kinder unter einem Leintuch auf der Straße. Ich kann Haiti verlassen, aber die Patienten, die ich getroffen hab, sind jeden Tag aufs Neue mit ihrer harten Realität konfrontiert.

Unsere Teams weiten unsere medizinischen Programme nun aus. Wir haben mehrere Standorte in Port-au-Prince, Leogane und Jacmel, wo wir nicht nur chirurgische Behandlungen für die Verletzten, sondern auch Rehabilitation, Hauttransplantationen (demnächst), therapeutische Ernährung für mangelnährte Kinder, Geburtshilfe, psychologische Beratung und Nachsorge für Hunderte unserer Patienten anbieten. Die körperlichen Wunden werden mit der Zeit verheilen, aber die Wunden in ihrer Seele werden auch eine spezielle Therapie benötigen. Viele Menschen erzählen mir, dass sie nicht darüber nachdenken wollen, was passiert ist, weil sie den Schrecken nicht noch einmal durchleben wollen. Ich habe heute mit Elisabeth, einer Patientin, gesprochen, die durch das Beben stark verletzt wurde, aber auch depressiv ist. Sie war ruhig und verschlossen, zeitweise hat sie geweint. Der Schock, in den sie ihr Zustand versetzt, die Tatsache, dass sie die wenigen Dinge, die sie besessen hat, und ihr Zuhause verloren hat, sind zu viel für sie. Wie wird ihre Zukunft aussehen? Wo wird sie leben? Ich spüre die Grenzen der Unterstützung, die ich ihr bieten kann. Wenn bei den Menschen der körperliche Heilungsprozess eingesetzt hat, werden sie Jobs und ein Zuhause brauchen, um in Sicherheit leben zu können.

Die Erkundungsfahrt von letzter Woche führte uns vor Augen, dass es Hoffnung für jene Menschen gibt, die Port-au-Prince verlassen haben: Die Solidarität in den kleinen Städten ist beeindruckend. Es gibt kostenlose medizinische Hilfe für die Erdbebenopfer, sowohl in der Dominikanischen Republik als auch in Haiti. Ärzte stellen ihre Dienste kostenlos zur Verfügung, und Bürgermeister haben Busse organisiert, um Menschen aus Port-au-Prince abzuholen und nach Hause zu bringen. Das Schönste, das ich während dieser Katastrophe erlebt habe, ist die Solidarität zwischen den Menschen. Haitianer, die einander helfen, die ihr Leben riskieren, um Freunde oder Fremde aus den Trümmern zu bergen, die das wenige Essen teilen, das sie haben, die in Gebieten außerhalb der Stadt Dutzende obdachlos gewordene Menschen in ihren Häusern unterbringen, und die aufeinander aufpassen, wenn sie in den Straßen von Port-au-Prince übernachten. Außerdem gibt es Hoffnung in Form zahlreicher Organisationen, die helfen möchten, wo immer sie können. Bürgermeister haben hunderte Menschen angeheuert, um den Schutt aus den Straßen wegzubringen und um wieder ein bisschen Ordnung und Sauberkeit herzustellen. Und es gibt Menschen, die kleine Stände aufbauen, um Essen in den Notunterkünften der ganzen Stadt zu verkaufen. Das Leben muss weitergehen.

Mein letzter Wunsch ist, dass – lange nachdem die Kameras der Medien hier abgestellt sein werden – wir, die wir Glück haben, Elizabeth, Synthia, Ste-Amise und Gabrielle nicht vergessen. Denn sie haben weiterhin die Last dieser Katastrophe zu tragen. Der einzige Grund, warum ich akzeptieren kann, sie zurückzulassen, ist zu wissen, dass zumindest unsere medizinische Hilfe so lange weitergehen wird, wie die Menschen sie brauchen.

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Wunder

In einer Tragödie können auch Wunder geschehen. Heute erlebte ich einige solcher Momente.

Der erste war ein ausführliches Gespräch mit dem jungen Mann, der als Fahrer für uns arbeitet. Wir waren die letzten beiden Tage in den nordöstlichen Teil des Landes unterwegs. Dort wollen wir klären, wie der Bedarf an medizinischer Hilfe bei den Haitianern aussieht, die in den Tagen nach dem Erdbeben zur Tausenden aus Port-au-Prince geflohen sind. Sie suchten medizinische Hilfe in den ländlichen Krankenhäusern, nachdem die Versorgung in der völlig überlasteten Hauptstadt nicht mehr ausreichend möglich war.

Unser Fahrer Christobal

Unser Fahrer Christobal

Unser Fahrer Christobal und ich hatten heute morgen etwas Zeit für ein kurzes Gespräch, bevor es wieder losging. Ich fragte ihn, wie er das Erdbeben erlebt habe – so, wie ich das alle Kollegen frage. Er erklärte, dass zwar sein Haus zerstört wurde, doch seine Frau und seine zwei kleinen Söhne überlebt haben, und dass sie jetzt wie alle anderen auch auf der Straße schlafen. Dann erzählte er mir noch eine unglaubliche Geschichte: Als er am Tag nach dem Erdbeben zum Büro von Ärzte ohne Grenzen kam, erfuhr er, dass eine unserer internationalen Kolleginnen verschüttet war, das Haus, in dem sie lebte, war eingestürzt. Einer der Kollegen hatte ihre gedämpften Rufe aus dem Untergeschoss gehört, darüber waren zwei Etagen eingebrochen. Christobal und drei weitere Mitarbeiter überzeugten den Landeskoordinator, mit bloßen Händen nach ihr zu graben. Die einzige Alternative wäre gewesen, auf einen Räumtrupp mit einem Kran und einem Laster zu warten. Aber so ein Trupp wäre frühestens in 48 Stunden verfügbar gewesen, wenn nicht erst in mehreren Tagen.

Sie wollten nicht warten, konnten sie doch ihre Ärmel hochkrempeln und ihr Bestes versuchen, um sie dort herauszuholen. Das Risiko, dass beim Wegräumen von Betonstücken die Reste des Gebäudes weiter destabilisiert würden und sie töten könnten, war hoch. Aber die Zeit drängte, und so begannen sie am 13. Januar um elf Uhr morgens – 15 Stunden nach dem Erdbeben – damit, Betonstücke, Metall und Schutt wegzuräumen. Es gelang ihnen, einen Tunnel freizumachen, durch den gerade mal eine Person zentimeterweise auf dem Bauch vorwärtskommen konnte. Während der Arbeiten befand sich gerade ein Mitarbeiter in diesem Tunnel, als ein Nachbeben das Gebäude erschütterte. Glücklicherweise bewegte sich nichts. Fünf Stunden, nachdem sie mit dem Graben begonnen hatten, konnten sie Kontakt zu der verschütteten Mitarbeiterin herstellen. Schließlich konnte sie sie langsam herausziehen. Sie kam mit Schnittwunden und Quetschungen davon und hatten glücklicherweise keine gebrochenen Gliedmaßen. Dass sie überlebt hat, ist ein Wunder. Der Mut von Christobal und seinen Kollegen, sie unter Einsatz ihres eigenen Lebens zu retten, erfüllt einen mit Demut. Sie haben nicht gezögert, ihre Leben einzusetzen, um sie zu retten. Ich weiß nicht, ob ich den Mut hätte, das gleiche zu tun. Christobal sagte heute Morgen zu mir: „Es gibt kein Morgen. Es gibt nur heute und das Leben im Hier und Jetzt. Denn wir wissen einfach nicht, was morgen geschehen kann.“

Das zweite Wunder erlebte ich am späteren Morgen. Ich war im Krankenhaus in Dajabon, einer an der Grenze zu Haiti gelegenen Stadt in der Dominikanischen Republik zehn Stunden Autofahrt von Port-au-Prince entfernt. Dort besuchte ich mit meinen Kollegen Krankenstationen besucht. Wir erkunden dort, welchen medizinischen Bedarf die Patienten haben, die nach dem Erdbeben in die Dominikanische Republik gekommen sind. Als wir in die Nachsorge-Station kamen, winkte mich eine kranke junge Frau herbei. Als ich bei ihr war, flüsterte sie etwas auf Spanisch, aber ich verstand schnell, dass sie Haitianerin war. „Ich bin Krankenschwester und habe für Ärzte ohne Grenzen im Krankenhaus in Port-au-Prince gearbeitet, als das Erdbeben passierte”, erzählte sie. Ich fragte sie: „Du hast in der Geburtsklinik gearbeitet?“, und sie erwiderte: „Ja, ich wurde während des Erdbebens verwundet, aber meine Familie fand mich und brachte mich hierher nach Dajabon.“
Am Morgen des gleichen Tages hatte Ärzte ohne Grenzen mit einer Schweigeminute derjenigen Mitarbeiter gedacht, die vermisst werden, seit das Erdbeben unsere Krankenhäuser zerstört hat. Die Chancen, dass ich bei meiner Fahrt in die Dominikanischen Republik einen vermissten Mitarbeiter oder eine vermisste Mitarbeiterin finden würde, waren sehr gering. So bin ich voller Dankbarkeit, dass ich diese Verbindung herstellen konnte. Und dass ich diese kleinen Wunder erleben durfte.

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Ich will, dass sie überlebt

Langsam ändern sich die Dinge. Jeden Tag, wenn ich in unser Büro oder unsere Krankenhäuser komme, gibt es kleine spürbare Veränderungen, das Lager füllt sich endlich mit den benötigten Materialien, es gibt mehr Ordnung in dem Wahnsinn. Das Programm von Ärzte ohne Grenzen entwickelt sich weiter. Ein Psychologe hat mir erklärt, dass es in diesem Stadium der psychologischen Hilfe erst einmal vor allem darum geht, Informationen zu vermitteln: sicherzustellen, dass die Menschen wissen, wo sie medizinische Hilfe erhalten können, zu erklären, was Erdbeben sind usw. Erst wenn die Menschen so weit sind, werden sie anfangen über ihre Erlebnisse zu sprechen. Die meisten haben die Auswirkungen dessen, was sie erlebt haben, noch nicht wirklich begriffen. Dies mag in einigen Tagen geschehen oder in einigen Wochen, wenn sie begreifen, was es bedeutet, sein Heim zu verlieren, seine Familienmitglieder, seinen Besitz, seine Arbeit, oder alle Erinnerungen an das alte Leben.

Auch medizinisch gesehen kommen wir in eine neue Phase. Diejenigen unter den Verletzten, die noch immer nicht versorgt wurden, sind in einem kritischen Stadium, in dem sie Blutvergiftungen bekommen können. Diejenigen, die behandelt wurden, brauchen neue Verbände. Die Teams arbeiten noch immer hart, um so viele wie möglich zu behandeln, so viele Körperteile der Verletzten wie möglich zu retten. Eine Amputation ist immer eine schwere Entscheidung. Unsere Ärzte versuchen, Gliedmaßen zu erhalten, wann immer es geht, und behandeln die Patienten zunächst darauf hin. Aber Wundbrand gefährdet das Leben des Patienten, wenn die Infektion sich im Rest des Körpers ausbreitet. Amputationen können einen Schock für unsere Patienten bedeuten. Die Entscheidung, so schwierig sie auch ist, fällt immer mit der Absicht, das Leben des Patienten zu retten. Eine Ärztin erzählte mir gestern, dass sie bei einem Buben den Fuß amputieren musste. Trotzdem bedankte er sich nachher bei ihr dafür, dass sie ihm geholfen hatte.

Zum Glück starten immer mehr Organisationen Aktivitäten, vor allem im Südwesten Haitis um das Epizentrum herum. Es mag für Verwirrung sorgen, wenn zwei oder drei Krankenhäusern in der gleichen kleinen Gemeinde errichtet werden, aber letztendlich ist alles was zählt, dass die Menschen die benötigte Hilfe unmittelbar erhalten können.

Ich habe heute eine phänomenale Einrichtung besucht: das aufblasbare Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen, aufgebaut auf einem Fußballfeld hinter einer Schule im Stadtzentrum von Port-au-Prince. Es ist ideal in einem Umfeld, wo die Menschen Angst haben, in Gebäuden zu arbeiten. Es gibt eine Apotheke, zwei OP-Säle, eine ambulante und eine stationäre Abteilung und vieles mehr. Das Krankenhaus ist so neu, es riecht genau wie ein neues Schlauchboot. In diesem 100-Betten-Krankenhaus werden wir mehr Patienten schneller behandeln können, ohne befürchten zu müssen, dass Wände oder Dachteile auf unsere Patienten fallen. Unsere haitianischen Mitarbeiter kommen ebenfalls wieder zur Arbeit. Auch sie werden sich in so einer Struktur sicherer fühlen, nach der furchtbaren Erfahrung, dass das Trinité-Krankenhauses von Ärzte ohne Grenzen über ihren Köpfen zusammengebrochen war.

Das Baby Gabrielle

Das Baby Gabrielle

Ich habe das kleine Mädchen wiedergesehen, das ich vor einigen Tagen nach der Operation seines Armes in unserem Krankenhaus getroffen hatte, und das wie durch ein Wunder überlebt hat. Weil wir ihren Namen nicht kennen, hat ein Arzt das Baby Gabrielle genannt, nach seiner eigenen Tochter. Es stellte sich heraus, dass beide Eltern bei dem Erdbeben umgekommen sind, niemand sonst aus der Familie hat bisher nach ihr gefragt. Sie hat nicht nur ihren Arm verloren, sondern auch ein schweres Schädeltrauma erlitten, so dass sie nochmals operiert werden musste. Ich bin sehr beunruhigt, als ich abends vom Arzt erfahre, dass sie nun Fieber bekommen hat. Das ist kein gutes Zeichen für ein Baby mit so schweren Verletzungen. Ich will, dass sie überlebt, sie hat schon so viel überstanden. In einigen Monaten, wenn ihr Zustand nicht mehr so kritisch ist, wird das Team nach einer Organisation suchen, die sich um sie kümmert.

Die Nachbeben halten an. Nach dem großen Schrecken am Dienstag früh gab es drei weitere, kleinere. Um mir sicher zu sein, dass ich mir nichts einbilde, habe ich eine halb leere Wasserflasche neben mir auf den Schreibtisch gestellt. Wenn das Wasser in der Flasche schwappt, weiß ich, dass die Erde bebt und ich mir das nicht nur einbilde.

Heute Nacht gab es ein großes Feuer im Stadtzentrum. Es gibt Gerüchte über Plünderungen und Brandstiftung. Die Menschen fragen nach Arbeit und haben Hunger. Das Welternährungsprogramm hat in der Nähe unseres Krankenhauses Nahrungsmittel verteilt. Hunderte müssen sich dort zusammengedrängt haben und dem Lastwagen hintergelaufen sein, als er davonfuhr. In der Straße gibt es Bettlaken, auf die Leute Nachrichten wie „SOS“ und „Wir brauchen Nahrungsmittel und Wasser“ geschrieben haben.

Alle schlafen noch immer draußen, sie waschen sich auf der Straße, in den Parks oder wo immer sie sich einigermaßen wohl fühlen. Das Trauma nach dem Erdbeben sitzt tief. Die Menschen sprechen nicht unbedingt darüber, aber ihr Verhalten spricht eine deutlichere Sprache als alle Worte.

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Der Schreck meines Lebens

Ich bekam heute morgen den Schreck meines Lebens. Ich hatte gehofft, heute zehn Minuten länger schlafen zu können, weil ich in der vergangenen Woche nachts immer fünf Stunden gearbeitet habe und an meine Grenzen komme. Aber damit hatte ich kein Glück. Ich merkte, wie plötzlich mein Schlafsack auf dem Schlafzimmerfußboden vor und zurück flog. Ich dachte einen Moment, dass ich vielleicht ein wenig benommen sei, weil ich so müde bin. Aber dieser Gedanke dauerte nur kurz, weil das Rütteln stärker wurde.

Ich sprang auf, kroch im fahlen Morgenlicht in meinem Schlafanzug zur Tür und rannte die Treppe runter zur verschlossenen Tür. Ich hatte keinen Schlüssel, aber glücklicherweise sprang mein Kollege bei, öffnete sie und wir beide kamen raus.

Ich zitterte und brach fast in Tränen aus – meinem Kollegen ging es genauso. Er hatte das Erdbeben in der letzten Woche überlebt, und er hatte trotzdem den Mut, zurück ins Haus zu rennen, um unsere anderen beiden Kollegen rauszuholen. Mein Herz raste. Ich habe begriffen, was es bedeutet, verletzbar zu sein und dieser überwältigenden Kraft ausgeliefert.

Das war der heutige Beginn des Tages.

Patienten im Krankenhaus von Carrefour

Patienten im Krankenhaus von Carrefour. Foto: Julie Rémy

Am Nachmittag habe ich ein paar Stunden in unserem Feldkrankenhaus in Carrefour verbracht. Dort befinden sich dicke graue Plastikvorhänge am Eingang. Sie sind mitten in der Stadt zwischen zwei Bäumen über die Straße gespannt. Durch sie kommt man in den Teil, in dem die Verletzungen der Patienten eingeschätzt werden; es gibt einen Verbandsraum und einen Raum zur stationären Behandlung.

Es tut sehr weh, so viele verletzte Kinder und Erwachsene zu sehen. Einige schreien vor Schmerzen, während ihr Verband von einer Krankenschwester gewechselt wird. Sie haben schwere Verbrennungen, infizierte Wunden, gebrochene Arme, tiefe Kopfwunden und Wundbrand ….

In den Hof des Krankenhauses kommt man durch eine schmale Tür in einem Gatter. Das ist die Chirurgiestation, die aus einer Reihe von Betten besteht, die unter zwei blauen Planen stehen. Dann gibt es noch einen Baum. Auf der einen Seite befinden sich schwangere Frauen, die gebären oder einen Kaiserschnitt benötigen. Auf der anderen Seite sind drei Betten für Menschen mit schweren Verletzungen, denen teilweise Gliedmaßen amputiert werden müssen.

Unsere Teams führen Operationen zurzeit vor allem deswegen draußen durch, weil die Mitarbeiter zu traumatisert sind, um im Inneren des Krankenhauses zu arbeiten. Trotz dieser Bedingungen führte das Team, in den fünf Stunden, in denen ich dort war, mindestens drei Amputationen durch. Zwei davon bei kleinen Kindern. Sie entfernten abgestorbenes Gewebe am Oberschenkel einer Frau und machten einen Kaiserschnitt.

Unser Team ist müde. Sie haben über viele viele Stunden in der Hitze gearbeitet, unter sehr herausfordernden Bedingungen: Es ist viel Stress, die Menschen drängen sich, und es ist laut. Glücklicherweise haben wir ein ganz neues geräumiges Schulgebäude gefunden, das vom Erdbeben unbeeinträchtigt geblieben ist. Es ist in der gleichen Straße wie unser Krankenhaus. Wir hoffen, in den nächsten Tagen in diese neuen Räumlichkeiten umzuziehen.

Das einzige Licht in all diesem körperlichen und emotionalen Leid ist die Geburt gesunder Babys. Acht gesunde Kleine kamen heute unter unserer blauen Zeltplane zur Welt. Wir brauchen sie alle, um dem Leben und der Hoffung in diesem geschundenen Land neuen Atem einzuhauchen.

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So viele Menschenleben wie möglich retten

Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen behandeln Verletzte im Trinité-Krankenhaus. Foto: Julie Rémy

Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen behandeln Verletzte im Trinité-Krankenhaus. Foto: Julie Rémy

Gestern habe ich das Trinité-Krankenhaus besucht. Ein kleines Mädchen, etwa anderthalb Monate alt, lag im Bett auf einer Seite. Ihr rechter Arm war amputiert worden und sie war bandagiert. Die Hilfskrankenschwester erzählte mir ihre Geschichte – traurig und gleichzeitig ein kleines Wunder. Das Baby war im Krankenhaus, als das Erdbeben dieses teilweise zerstörte. Irgendwie überlebte sie den Sturz zwischen Betonböden und –wänden und wurde aus dem Schutt gerettet. Wir haben keine Ahnung, wo ihre Mutter ist. Wahrscheinlich hat sie keine
Familie mehr.

Manche Menschen verkaufen jetzt Lebensmittel auf improvisierten Märkten und es gibt wieder mehr Verkehr auf den Straßen. Überall ist der Lärm von Hubschrauben zu hören. Mehr und mehr Hilfsorganisationen tauchen jetzt auf, und Lastwägen und einige Kräne arbeiten sich durch die Ruinen der Gebäude. Wer weiß, wie lange es dauern wird, bis sie sich durch den ganzen Schutt gegraben haben und all die Verschütteten gefunden sind.

Ein Mann mit einer Schussverletzung wurde auf einer Trage hereingebracht. Zwei Ärzte liefen sofort herbei, überprüften zunächst, ob er bei Bewusstsein war und ob er seine Arme und Beine fühlen konnte. Obwohl der Schuss durch seinen Hals gegangen war, entschieden sie, dass er „operierbar“ sei, das heißt, dass das Team sein Leben auch unter den eingeschränkten  Bedingungen unseres Operationssaals (in diesem Fall ein Frachten-Container) retten könnte.

Die Patienten, die wir behandeln, werden unser Krankenhaus als veränderte Menschen verlassen. Viele benötigen Amputationen, da ihre Arme und Beine so eingequetscht wurden, dass sie nicht mehr gerettet werden konnten. Einer meiner Kollege , der bereits auf seinem vierten Einsatz ist, sagte mir, wie beeindruckt er davon sei, sie Ärzte ohne Grenzen es schaffe, das Personal, die Logistik und die Einrichtungen aufzustellen, die für diese Art von Noteinsatz notwendig sind. Das habe er nicht gewusst.

Noch beeindruckender allerdings ist die Tatsache, dass sich alle hier, einschließlich unserer haitianischen Mitarbeiter, auf ein gemeinsames Ziel konzentrieren: nämlich so viele Menschenleben wie möglich zu retten.

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Port-au-Prince nach dem Erdbeben

Sonntag früh, 17.  Januar, Port-au-Prince, Haiti
Die Situation ist nach wie vor dramatisch, wenige Hilfsorganisationen sind vor Ort, noch immer sind hunderte Menschen unter den Trümmern begraben. Ich habe bisher in der gesamten Stadt nicht mehr als vier oder fünf Baufahrzeuge gesehen, die versuchen, Menschen aus den Trümmern zu bergen!!! Der Geruch ist in manchen Stadtteilen fast unerträglich – dort wo Leichen in der Hitze verrotten, oder wo sich Menschen, die durch das Beben obdachlos geworden sind, zu Hunderten versammeln und es keinerlei sanitären Anlagen oder Latrinen gibt. In der Nacht muss man aufpassen, dass man keine Menschen überfährt, die auf den Straßen schlafen. Ich sah jemanden mitten auf einer Kreuzung schlafen, aus Angst vor der Nähe zu Gebäuden im Falle eines Nachbebens.

Gestern erlebten wir zwei solche Nachbeben. Die gesamten OP-Teams setzten ihre Arbeit während des ersten Bebens fort, doch beim zweiten Beben flüchteten einige Krankenschwestern ins Freie. Die Menschen haben noch immer enorme Angst davor, in geschlossenen Gebäuden zu übernachten. Auch ich habe Angst, obwohl ich beim Hauptbeben nicht hier war (wir schlafen in einem Zelt im Hof eines Hotels da es in unserem Büro nicht genug Platz für alle Mitarbeiter gibt).
Gestern Samstag führten unsere Ärzte im Stadtteil Carrefour chirurgische Eingriffe durch, nur 24 Stunden nach Einrichtung des OPs. Das ist wirklich beeindruckend, bedenkt man, dass das Team erst am Freitag Nachmittag in diesen Stadtteil kam, nur zwei Stunden nachdem unser Einsatzleiter, eine Krankenschwester und ich das leere Krankenhaus am Freitag in der Früh besucht haben, um festzustellen, ob hier gearbeitet werden könne. Ich bin wirklich tief beeindruckt von der Arbeit und der Geschwindigkeit unserer Teams, die innerhalb weniger als 24 Stunden einen funktionstüchtigen OP auf die Beine gestellt haben!!

haiti-2010-01-17

Ein Team von Ärzte ohne Grenzen operiert in einem provisorischen OP-Bereich vor dem Carrefour Krankenhaus. Foto: Julie Rémy

Gestern um 18 Uhr auf meinem Weg zurück von der Lageerkundung in Léogâne (etwa eine Stunde entfernt von Port-au-Prince) passierten wir im Dunkeln einige Checkpoints, die von Zivilsten errichtet worden waren. Sie sprangen gerade auf einen Lastwagen, der mit Leichen beladen war. Sie waren sehr wütend, weil der Fahrer die toten Körper in ihrer Stadt abladen wollte. Deshalb gab es von da an Checkpoints auf dem ganzen, etwa 10 km langen Weg nach Port-au-Prince. Die Menschen waren verärgert, aber ich wäre es auch, wenn jemand Leichen in meiner Stadt abladen würde! Als wir die Checkpoints passierten, ließen sie uns ohne Probleme durch und behandelten uns mit Respekt.
Kleine Feuer brennen auf der Straße, die Luft ist verraucht und erfüllt mit Gestank, und der Boden ist übersät mit Gebäuderesten, Beton, Kabeln und Geröll.
Das Team steht unter großem Stress, weil die chirurgischen Kapazitäten hier sehr limitiert sind. Ich sprach mit einem Chirurgen, der extrem frustriert und gestresst ist, weil er gestern fünf Patienten gesehen hatte, die sofort operiert werden müssten. Er kann aber ihre Leben nicht retten, weil es keinen richtigen OP-Saal gibt. Wir brauchen mehr Platz um Operationen durchführen zu können! Das aufblasbare Krankenhaus gäbe uns diese Kapazitäten, falls es jemals ankommt! (* Mehr Material und Strukturen sind unterwegs, doch das aufblasbare Krankenhaus mit zwei Operationssälen, auf das die Teams warten, ist verspätet, da eines der Transportflugzeuge keine Landeerlaubnis für den Flughafen von Port-au-Prince erhalten hatte und in die Dominikanische Republik umgeleitet wurde. Die andere Hälfte des Krankenhauses ist bereits in Port-au-Prince eingetroffen.)

So wird es schlimmer, weil die Patienten, die vor drei Tagen stabil waren, jetzt in einem kritischen Zustand sind: Das heißt, Menschen sterben an vermeidbaren Infektionen. Es ist schrecklich, es ist wirklich so fürchterlich, dass Menschen um Hilfe bitten und wir nicht allen das Leben retten können!

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