Das Kind, das nicht zunahm

Die Mango-Saison neigt sich dem Ende, aber die Hitze bleibt. Im Büro sind es 35°C! Schweiß tropft von meinem Gesicht, meinen Armen, meinem Rücken. Nirgendwo kann man der Hitze entkommen. Also wechsel ich zwischen Tippen, Wasser trinken, Denken und dem Abwischen des Schweißes von meiner Stirn. Das versprochene kühlere Wetter und der Regen sind noch nicht eingetroffen.

Wieder arbeite ich an endlosen Berichten, der Einteilung für das Krankenhaus und der Vorbereitung von Unterrichtsstunden. Die Arbeit ist interessant, dennoch fühle ich mich jeden Tag sehr erschöpft. Multitasking und Unterbrechungen haben ein neues Niveau erreicht.

„Kannst du mir helfen meine Ferien zu buchen?“, „Meinem Stift ist die Tinte ausgegangen, kann ich ihn gegen einen neuen tauschen?“, „Ich muss mit Dir über meinen Arbeitsplan sprechen.“ Das Funkgerät ruft meinen Namen. „Wir sind heute in der ambulanten Klinik sehr beschäftigt und unterbesetzt. Kannst du eine weitere Krankenschwester für uns finden?“, „ Meine Großmutter ist gestorben. Ich muss in ihr 200 Kilometer entferntes Dorf fahren. Wie viele Tage kann ich frei bekommen?“. „Uns sind die Aufnahmeformulare ausgegangen. Das Lager hat die Bestellung nicht rausgegeben. Kannst Du sie anrufen und die Formulare für uns besorgen? Da warten schon fünf Patienten, um dran zu kommen.“ „Kannst du das Chirurgie-Team suchen? Wir müssen sofort einen Not-Kaiserschnitt machen!“, „ Nur zu Deiner Information, uns sind in der Apotheke die Moskitonetze ausgegangen. Ach ja, und das Paracetamol auch.“, „Kannst Du mir helfen, die Unterrichtsstunde fertigzumachen, die ich begonnen habe vorzubereiten?“, „Kannst du mal ins Geburtszentrum kommen? Die Beatmungsmaschine will nicht angehen.“, „Kannst du die Ernährungsverschreibung unterschreiben?“

Wieder knistert das Funkgerät meinen Namen. Im Hintergrund kann ich ein Baby schreien hören. „Ich habe hier in der Ambulanz ein vier Jahre altes Kind für Dich. Schwer mangelernährt. Kannst Du kommen, es untersuchen und die notwendigen Verschreibungen ausfüllen?“ Alle diese Anfragen benötigen Zeit, Energie, Kraft, Kreativität, Multitasking, Problemlösungen und Geduld. Die Tage sind nicht einfach. Beschäftigt beschreibt nicht annähernd meine Arbeit, aber es wird definitiv nie langweilig!

Ich schnappe mir mein Funkgerät und mache mich auf den Weg in die Ambulanz, um mir das Kind anzusehen. Zwei Kinder sitzen auf dem Schoß der Mutter. Ein gesund aussehendes, mit Pausbacken, das lächelt und herumplappert. Das andere ist älter, dünn, ernst, hat Schorf überall auf der Haut und dünne rotbraune Haare. Ich grüße alle im Raum. Ich hebe das Kind auf den Behandlungstisch. Er starrt mich mit großen Augen an. Scheint, als könnte er sich nicht entscheiden, ob er panisch oder neugierig sein soll. Ich schüttele erneut seine Hand und lächle ihn an. Langsam wird sein Blick weicher und verändert sich in ein Lächeln. Er entspannt sich und beschließt, dass ich trotz meiner weißen Haut, meiner großen Nase und meinen glatten braunen Haare gar nicht so schrecklich bin.

Ich beginne mit der physischen Beurteilung. Dazu untersuche ich seinen kleinen dünnen Körper, horche mit meinem Stethoskop seine Lungen, das Herz und das Bäuchlein ab. Für einen vier Jahre alten Jungen ist er kooperativ. Sein Name ist Mathias. Es macht mich jedes mal wieder neugierig, wie Kinder aus der gleichen Familie komplett unterschiedliche Ernährungszustände haben können. Seine kleine Schwester bekommt sicher noch Muttermilch, daher die Pausbäckchen, die Energy und Abwehrkräfte. Der ältere muss alleine zurechtkommen. Wird er vernachlässigt? Hat er zusätzlich noch eine Krankheit, wie TB oder HIV? Oder reicht das Essen einfach nicht für die ganze Familie?

Die vollständige Geschichte eines Patienten und dessen Familie zu bekommen, ist immer eine Herausforderung. Mit einer Krankenschwester zu meiner Unterstützung, begebe ich mich auf die Suche nach Informationen und Hinweisen, warum Mathias so dünn ist.

„Seit wann verliert das Kind Gewicht?“ – Seit drei Monaten.

„Haben Sie zuhause Genug Essen?“ – starrer Blick.

„Hat das Kind Interesse an Essen?“ – Nein

„Was geben Sie ihm zu Essen?“ – starrer Blick

„Hat das Kind Durchfall?“ – Nein „Bricht es?“ – Nein

„Hat er zuhause Fieber?“ – Nein

„Interagiert oder spielt er mit anderen Kindern?“ – starrer Blick

Ich wiederhole die Frage – starrer Blick

„Hustet er?“ – starrer Blick

„Ist noch jemand aus der Familie krank?“ – Nein

„Hustet sonst jemand in der Familie?“ – Ja „Seit wann?“ – starrer Blick

„Wo wohnen Sie?“ – starrer Blick. Ich frage erneut – In einem Dorf, 25 km entfernt.

„Wenn ich Sie bitte in einer Woche wiederzukommen, werden Sie mit dem Kind kommen?“ – Ja

„Versprochen?“ – Ja

„Ich gebe Ihrem Kind etwas Energienahrung und Medikamente, die ihm helfen an Gewicht zuzulegen und sich besser zu fühlen. Die Medikamente und das Essen sind nur für Mathias, nicht für die ganze Familie. Ich will, dass Sie in einer Woche wieder zu mir kommen. Dann werden wir Mathias wiegen und sehen wie es ihm geht. Verstehen Sie mich?“ – starrer Blick. Wir wiederholen alles dreimal. Dann bitten wir die Frau, dass sie es uns wiederholt. Sie scheint schlussendlich zu verstehen, worum wir sie bitten.

Ich fülle das Rezept über Medikamente, Plumpy Nut (eine kalorienreiche therapeutische Nahrung aus Erdnusspaste) und ein Stück Seife für gute Hygiene, aus. Ich registriere das Kind im ambulanten Ernährungsprogramm und hoffe, dass er zur Nachfolgeuntersuchung wiederkommt. Auf dem Weg nach draußen lächelt mich Mathias erneut an und schüttelt meine Hand.

Mathias kam eine Woche später wieder. Seine Mutter sagte mir, er hätte das ganze Essen gegessen. Ich konnte keine Gewichtszunahme feststellen. Meine Überlegungen: Hat sie das Essen ihrem kranken Kind gegeben? Oder hat sie es verkauft? Oder haben sie es unter der Familie aufgeteilt? Mochte er das Essen? Hat er nach mehr gefragt? Sie war nicht in der Lage, mir diese Fragen zu beantworten – starrer Blick.

Mathias hatte in der Woche nachgelassen. Wir überwiesen ihn in das stationäre Ernährungsprogramm, um seine Ernährung besser überwachen zu können. Im Verlauf der Woche begann er langsam zu Essen. Aber er nahm kaum zu. Er lag den ganzen Tag im Bett,  sah traurig und unglücklich aus. Wenn ich ins Zimmer kam, setzte er sich in seinem Bett auf und schüttelte langsam meine Hand, aber ich konnte sehen, dass dies eine große Anstrengung für ihn darstellte. Mathias’ Gewichtszunahme war sehr langsam für einen Jungen, der aß. Er bekam nachts Fieber und begann zu husten. Wir bekamen den Verdacht auf Tuberkulose. Nach mehreren Wochen stationärer Behandlung mit nur geringfügiger Verbesserung und einer minimalen Gewichtszunahme, begannen wir mit der Untersuchung auf Tuberkulose. Unsere Hauptansatzpunkte waren, dass er kaum auf das Ernährungsprogramm ansprach und sein Husten sich trotz Antibiotika nicht verbesserte.

Wir schickten die Mutter zu einer Beratung, um herauszufinden, ob sie in der Lage wäre, das Kind über den Zeitraum der Behandlung zu unterstützen. Die Behandlung würde sechs Monate dauern. Am nächsten Tag begannen wir mit damit. Innerhalb weniger Wochen konnten wir die Verbesserungen sehen. Mathias nahm an Gewicht zu, sein Appetit wurde größer, er lächelte mehr und er begann mit den Menschen in seiner Umgebung zu interagieren. Jeden Tag sah Mathias mehr aus, wie ein vier Jahre alter Junge und weniger wie ein trauriger, deprimierter und kranker Junge.

Tuberkulose ist in dieser Gegend weit verbreitet. Kinder sind besonders anfällig, da ihre Immunsysteme noch nicht ganz ausgebildet sind. Das schwerste an der Behandlung ist, die Patienten davon zu überzeugen, dass sie die ersten zwei Monate in der Klinik bleiben. Oft werden die Mütter aber von ihren Männern nach Hause gerufen. Oft verspüren die Mütter aber auch einen Druck, nach Hause zurückzukehren, um ihre anderen Kinder zu versorgen, ihre Felder für die Aussaat vorzubereiten, zu Kochen und sich um den Haushalt oder ihre Ehemänner zu kümmern. Das Beratungsteam in Bougila investiert viel Zeit, die Mütter darüber aufzuklären, wie wichtig es ist, die Behandlung im Krankenhaus bis zum Ende durchzuführen. Gleichzeitig ermutigen sie die Mütter bei ihren Kindern zu bleiben und sie während dieser schweren Zeit zu unterstützen.

Nach zwei Monaten intensiver Behandlung war Mathias endlich soweit, nach Hause zu gehen. Er war zu einem glücklichen Kind geworden, liebte es zu essen, zu spielen und er liebte die Aufmerksamkeit, die er im Krankenhaus erhielt. Am Tag seiner Entlassung erzählte er mir, dass er die Erlaubnis erhalten hatte, nach Hause zu gehen. Ich entließ ihn mit einem Paket Lebensmittel, Medikamenten und einem Termin für die Folgeuntersuchung in einem Monat. Als er ging, lächelte er und balancierte das Paket mit seiner Habe auf seinem Kopf. Seine Mutter trug noch ein breiteres Lächeln und auch ein breiteres Paket aus Medikamenten und Nahrung auf ihrem Kopf, während ihr anderes Kind auf ihren Rücken gebunden war. Beide winkten, als sie den roten staubigen Weg in Richtung ihres Dorfes liefen.

Social Bookmarks Diese Icons verlinken auf Bookmark Dienste bei denen Nutzer neue Inhalte finden und mit anderen teilen können.
  • MisterWong
  • Y!GG
  • Webnews
  • del.icio.us
  • Reddit
  • Facebook
  • Google Bookmarks
  • Linkarena
  • TwitThis

Souvenirs Geschichte – Wie ernährt man ein Kind ohne Mutter?

Wie ernährt man ein Kind, dass keine Mutter mehr hat? Für die meisten von uns ist die Antwort nicht schwierig: Muttermilchersatz. Wenn ich hier diese Frage stelle, wird der Ausdruck der Leute ernst und pessimistisch: “Unmöglich”.
daniela-widmer-impression
Ich begann, diese Frage zu stellen, nachdem ich Souvenir kennengelernt hatte, ein pausbäckiges fröhliches Baby von vier Monaten. Sein Papa brachte ihn ins Krankenhaus, um Hilfe beim Füttern zu bekommen. Souvenirs Mutter war kurz nach der Geburt gestorben. Normalerweise helfen in solchen Situationen Frauen der Familie oder der Gemeinde, das mutterlose Baby zu stillen. In diesem Fall aber war niemand da, um zu helfen. Kein Geld, keine Familie, keine Unterstützung.

Muttermilchersatz: Gibt es auf dem Markt nicht. Baby-Fläschchen: Unmöglich, sie zu finden. Zugang zu sauberem Trinkwasser: Begrenzt. Verständnis für die Wichtigkeit von Trinkwassersauberkeit: Begrenzt. Auch kulturell ist es nicht akzeptiert, Babies mit Fläschchen zu füttern. Wohl wissend, dass all das gegen die Situation spricht, war ich entschlossen, dem Baby zu helfen.

Ich kramte das letzte Babyfläschchen aus unserem medizinischen Depot hervor. Ich wusch und sterilisierte es. Ich nahm das Baby auf der Station auf, um dem Vater beizubringen, es zu füttern. Muttermilchersatz, Wassersauberkeit und Versorgung eines Säuglings. Jeden Tag verbrachte ich Zeit mit dem Vater, brachte ihm bei, auf Souvenir aufzupassen. Einfaches Erinnern: Nach dem Füttern das Fläschchen waschen. Das Fläschchen sauber halten. Oft füttern. Frische Milch. Schmusen …

Ich machte einen Plastikeimer ausfindig und half dem Papa, ihn zu baden. Alle Frauen im Krankenhaus schauten zu … lachend. Ich weiß nicht, was sie daran erheiterte: Dass ich ein Baby wusch oder dass der Vater das Baby wusch. Vielleicht war es auch die Kombination von beidem.

Nach einer Woche nahm Souvenir die Nahrung gut an, der Vater schien die Grundlagen der Hygiene verstanden zu haben und kümmerte sich um das Kind. Der Vater bat darum, aus dem Krankenhaus entlassen zu werden, denn er musste auf die Felder, um die Pflanzsaison vorzubereiten. Wir kamen überein, dass er einmal in der Woche zurück zum Krankenhaus kommen sollte, zur Kontrolle und um neuen Muttermilchersatz verschrieben zu bekommen.

In den ersten zwei Wochen verlief die ambulante Versorgung gut. Souvenir nahm an Gewicht zu. Die Frauen im Krankenhaus hießen den Vater immer willkommen und kümmerten sich für einige Stunden um Souvenir, während der Vater die Milch besorgte. Im Krankenhaus hatte er eine Gemeinschaft gefunden, die ihn unterstützte.

Am dritten Freitag hatte Souvenir Durchfall. Er sah stark dehydriert und müde aus. Wir nahmen die beiden erneut in der Station auf. Das Fläschchen sah nicht sauber aus, und der Vater wirkte desinteressiert und unengagiert. Wir begannen mit dem Unterricht wieder von vorne, begannen mit einer Behandlung für das Baby und unterstützten beide weiter.

Eines Tages kam ich in den Raum, Souvenir war alleine in seinem Bett – auf ganzer Länge lag er im Durchfall und schrie. Vom Vater keine Spur. Ich war wütend. Wie konnte er nur sein krankes Baby unbeaufsichtigt lassen? Ich sammelte einen Eimer ein, Wasser, Seife und ein frisches Tuch. Ich badete Souvenir noch einmal. Ich bereitete die Milch zu, wusch das Fläschchen. Ich fütterte ihn und knuddelte so lange mit ihm, bis er eingeschlafen war. Ich fand mich in einer Situation, in der ich ein schlafendes Baby herumtrug, während ich versuchte, den Rest meiner Arbeit zu schaukeln. Glücklicherweise war Souvenir froh, gehalten zu werden und schlief in meinen Armen, während ich mit meiner Arbeit weitermachte.

Schließlich kam der Vater zurück, und ich musste ihm erklären, dass es wichtig ist, das Baby nicht unbeobachtet zurückzulassen.

Tag für Tag zeigte ich dem Vater wieder, wie man das Fläschchen sauber macht, dass man regelmäßig füttern und ihm gegen die Austrocknung Flüssigkeit geben muss, dass man ihn badet. Trotz all unserer Bemühungen besserte sich der Zustand von Souvenir nicht. Sein Durchfall wurde schlimmer, er verlor weiterhin Gewicht, er litt Tag und Nacht unter Fieber. Wir begannen mit intravenöser Flüssigkeitszufuhr gegen die Austrocknung. Mit dem Ernährungsteam machten wir einen strengen Plan, um ihn zu füttern. Ich hielt das Team dazu an, immer präsent zu sein, wenn er gefüttert wurde, auch nachts das Baby zur Fütterung zu wecken und den Papa zu unterstützen. Es war ganz wichtig, dass der Vater die Schwere der Krankheit seines Kindes verstand und mit Verantwortung übernahm.

Ich nahm das Fläschchen mit nach hause und sterilisierte es mehrmals am Tag. Das ganze medizinische Team war an den Fütterzeiten einbezogen und ermutigte den Papa. Souvenir war immer hungrig. Für jede Fütterung musste die Milch frisch zubereitet werden. Es gibt hier keinen Kühlschrank, um sie frisch zu halten. Das Team arbeitete zusammen, arbeitete wirklich hart, alles nahm viel Zeit in Anspruch und war eine Herausforderung.

Hygiene ist hier eine der größten Hindernisse. Wir leben und arbeiten in einer Welt ohne richtige Latrinen oder Müllentsorgung, keine Windeln für Babies, keine Begrenzungen für Vieh, keine Schuhe, unbehandeltes Trinkwasser, kein fließendes Wasser, beengte Wohnverhältnisse, schmutzige Böden, Lehmhütten … die Bakterien können sich endlos ausbreiten.

Während ich Zeit damit verbracht habe, Baby-Fläschchen zu sterilisieren und Ersatzmilch vorzubereiten wurde mir überdeutlich klar, welche immense Bedeutung es hier für Kinder hat, dass sie natürliche Muttermilch erhalten – nicht nur wegen ihrer Ernährung sondern um das Immunsystem zu stimulieren. Ohne das … vielleicht ist es wirklich “unmöglich”, ohne Mutter ein Baby zu ernähren.

Trotz all unserer Bemühungen schlief Souvenir eines nachts ein und wachte nicht mehr auf. Mir brach es das Herz und gleichzeitig war ich wütend. Wie kann das passieren? Wir haben uns so bemüht, den Papa zu unterstützen und ihn dazu zu bringen, Verantwortung für sein Baby zu übernehmen. Aber es ist uns nicht gelungen. Wir konnten Souvenir nicht gerecht werden, zuviel arbeitete gegen ihn und seine Chance zu überleben. Leider ist Souvenirs Geschichte hier kein Einzelfall. Deswegen sind wird hier, um eine Gemeinde zu unterstützen, die damit kämpft, die grundlegendsten Dinge des Lebens wie sauberes Essen und Wasser bereitzustellen. Der Kampf geht weiter…

Social Bookmarks Diese Icons verlinken auf Bookmark Dienste bei denen Nutzer neue Inhalte finden und mit anderen teilen können.
  • MisterWong
  • Y!GG
  • Webnews
  • del.icio.us
  • Reddit
  • Facebook
  • Google Bookmarks
  • Linkarena
  • TwitThis

Notfall-Transport

Wenn die Staubstürme aus dem Tschad nach Süden ziehen, werden wir mit einer feinen Schicht Staub bedeckt. Die Luft ist heiß und staubig, die Sichtweite sehr gering.

Ich sitze über meinen Schreibtisch gebeugt und überarbeite ein weiteres Mal den Einsatzplan des Personals. Heute wird die Monotonie dieser Aufgabe allerdings durch ein wenig Hektik unterbrochen.

Mein Kollege ruft mir zu: “Bist du fertig? Kannst du JETZT losfahren?” Ich schaue blinzelnd zu ihm rüber, meine Augen müssen sich nach so langer Zeit am Bildschirm an die Umgebung anpassen. “Klar, aber wohin? Was ist los?”

Ein Notfall. Ein medizinischer Notfall-Transport. Es geht um eine Frau in den Wehen, die 70 Kilometer nördlich von Boguila in einem anderen Projekt von Ärzte ohne Grenzen ist. Die werdende Mutter benötigt dringend einen Kaiserschnitt, damit ihr Kind auf die Welt kommt.

Ich denke innerlich: “Super, ein geburtshilflicher Notfall”. Mein Herz beginnt sofort zu rasen. Ich stelle mir vor, wie ich im hinteren Teil des Landcruisers das Kind entbinden muss, irgendwo im Nirgendwo, ganz allein. (Ja, manchmal galoppiert meine Fantasie einfach davon!)

Mein Kollege ruft mir erneut etwas zu und bringt mich in die Wirklichkeit zurück. “Die Fahrer sind in fünf Minuten fertig. Beeil dich!”

Ich springe auf. Suche alles zusammen, was ich für den Einsatz brauche. Als ich die zwei riesigen Erste-Hilfe-Koffer zum Auto schleppe, hoffe ich inständig, dass ich sie nicht wirklich benötigen werde. Ich ziehe mir ein T-Shirt von Ärzte ohne Grenzen über, schnappe mir die Funkgeräte und Satellitentelefone, Ersatzbatterien, Papierkram und Wasser. Ich springe ins Auto, mein Herz rast noch immer. “Los geht´s!”

Der erste Stopp ist bei den lokalen Behörden. Ich informiere sie über unsere Fahrt und sammele Sicherheitsinformationen für die Strecke ein. Alles ist gut, wir fahren weiter.

Beide Teams von Ärzte ohne Grenzen sind jetzt unterwegs. Jedes Team fährt aus Sicherheitsgründen mit zwei Autos. Wir treffen uns in der Mitte der Strecke, übergeben die Patientin von einem Team ans andere, dann fahren alle den selben Weg zu ihrem Herkunftsort zurück. Wir nennen das einen “Kuss”.

Als wir langsam über die staubige Erdpiste rumpeln, wird mir bewusst, was es heißt, irgendwo im Nirgendwo zu arbeiten. Das Wort “Notfall” bedeutet hier nicht dasselbe wie bei uns zuhause. Es ist unmöglich, schnell zu fahren. Wir durchqueren kleine Dörfer, langsam, um die über die Straße laufenden Ferkel und Hühner vorbei zu lassen, und winken den Kindern zu. Ich unterhalte mich mit dem Fahrer, um mich abzulenken von den zahllosen geburtshilflichen Notfall-Szenarien, die durch meinen Kopf rasen.

Das Funkgerät knackt. Ich spreche regelmäßig mit dem Team in der Provinzhauptstadt, um es über die Lage und unsere Fahrtposition zu informieren. Ich stammele ein wenig wegen der kodierten Funksprache. “Wie verstehst du mich? Wir sind bei Kilo Mike 1-8 … Kilo Mike 1-8.” 30 Minuten später: “Wie verstehst du mich? Wir sind bei Kilo Mike 2-5, Kilo Mike 2-5.” Es geht schrecklich langsam voran.

Eine Stunde und 45 Minuten später kommen wir an der “Kuss”-Stelle an. Das andere Team ist schon da. Wir übergeben die Schwangere auf einer Matratze, tragen sie von einem Auto ins andere. Ich untersuche sie schnell. Sie fühlt sich unwohl und erschöpft, aber ihr Zustand ist im Moment stabil. Ich erhalte einen schnellen medizinischen Bericht von meinen Kollegen. Und einen schnellen Einblick in das Leben im anderen Projekt. Dann springen wir alle wieder in unsere Autos und fahren zurück zu unserer Basis.

Die Rückfahrt geht noch langsamer. Jeder Huckel auf der Piste lässt die werdende Mutter vor Schmerzen aufstöhnen. Sie fühlt sich unwohl … und alles, was sie uns sagt, ist: “Beeilt euch, haltet nicht an!” Ich spreche mit ihr, der Fahrer übersetzt alles. “Hast du viele Wehen? Spürst du noch, wie das Baby sich bewegt?” Der arme Fahrer stellt nur widerwillig all meine medizinischen Fragen und übersetzt dann ihre Antworten für mich. Ich bin dankbar.

Während wir über alle Huckel auf der Straße fahren, lehne ich mich über den Vordersitz, um nach der Mutter zu schauen. Sie greift nach meinen Händen und hält sie fest. Mein Arm ist total verdreht, als ich mich wieder auf meinen Vordersitz winde. Sie drückt meine Hand immer stärker und stärker, während wir über die Huckel fahren. Es tut weh, und mein ganzer Arm ist gefühllos. Aber ich sage kein Wort. Ich hoffe nur, dass wir bald ankommen – für uns beide!

Über Funk informiere ich unser chirurgisches Team über unsere Ankunft, in zehn Minuten werden wir da sein.

Endlich kommen wir an. Die werdende Mutter lässt meine Hand los, und ich klettere aus dem Autor und helfe, sie auf die Trage zu legen. Erst da bemerke ich, wie erleichtert ich bin, dass wir das Krankenhaus erreicht haben … und wie erleichtert die Schwangere wohl erst sein mag. Wir bringen sie sofort in den Operationssaal.

Ich gehe zum Büro zurück. Ich setze mich an den Computer, um meine Einsatzplanung fertig zu stellen. Eine Stunde später werde ich zum Operationssaal gerufen, sie brauchen mehr Fäden zum Nähen. Langweilig ist es hier nie. Ich laufe rüber, um ihnen zu bringen, was sie brauchen. Als ich in den OP gehe, kommt gerade die Hebamme raus mit einem kleinen schreienden Mädchen in ihren Armen.

Ich denke bei mir: Dieses Mal haben wir es geschafft… Wir haben beide gerettet, die Mutter und das Baby. Das sind die Momente, die zählen.

Ich gehe wieder zum Büro zurück. Dieses Mal stört mich der Gedanke kaum, dass ich den Einsatzplan erneut überarbeiten muss.

Social Bookmarks Diese Icons verlinken auf Bookmark Dienste bei denen Nutzer neue Inhalte finden und mit anderen teilen können.
  • MisterWong
  • Y!GG
  • Webnews
  • del.icio.us
  • Reddit
  • Facebook
  • Google Bookmarks
  • Linkarena
  • TwitThis

Hoffnung und Tapferkeit

In meinem Land gibt es ein gutes Gesundheitssystem. In meinem Land scheinen die Ressourcen endlos zu sein. Ich bin hier an einen Ort gekommen, an dem nichts sicher und alles kompliziert ist. Um hier zu arbeiten, musste ich mich unglaublich anpassen. Die Arbeit in Boguila lehrt mich endlose Lektionen in Flexibilität, Kreativität und Einfallsreichtum. Ich musste auch meine Erwartungen anpassen. Die Arbeit, die wir hier leisten, ist erstaunlich. Und wenn man bedenkt, wer wir sind und womit wir arbeiten, ist es meiner Ansicht nach noch erstaunlicher.

Täglich müssen wir uns den Herausforderungen bei der Behandlung stellen. Zu wissen, dass es durchaus Behandlungsmöglichkeiten gibt, allerdings nicht in diesem Teil der Welt, kann sehr frustrierend sein. In einer Hinsicht erleichtert es unsere Vorgehensweise, da die medikamentöse Therapie, die Behandlungsmöglichkeiten, die diagnostischen Mittel begrenzt sind. In anderer Hinsicht stellt es eine riesige Herausforderung dabei dar, Lösungen zu finden, einfallsreich zu sein und unsere Erwartungen anzupassen. Zugleich sind die Geschichten, die wir von den Patienten hören, ähnlich herausfordernd. Es sind unzählige Geschichten voller Leid. Mit der Zeit jedoch entdeckt man die kleinen Wunder hinter diesen Geschichten. Eine zweite Chance. Hoffnung. Stärke. Unterstützung. Engagement. Glaube.

Hier sind ein paar dieser Geschichten.

Ein junger Mann. Ein Motorradunfall. Bewusstlos wird er Stunden nach dem Unfall ins Krankenhaus gebracht. Freunde und Dorfbewohner brachten ihn nachts zu Fuß ins Krankenhaus. Ohne Röntgenaufnahmen war es unmöglich, die Details seiner Kopfverletzung zu erfahren, geschweige denn irgendeine Behandlung einzuleiten. Wir vertrauten auf einfache und häufige medizinische Einschätzungen, auf die Beobachtung von Veränderungen und darauf, ihn zu unterstützen. Die Familie war Tag und Nacht bei dem bewusstlosen Patienten. Sie versuchten, ihn aufzuwecken. Sie versuchten, ihn zu füttern. Sie machten all die normalen Dinge, die Eltern tun, damit es dem Sohn möglichst besser geht. Es war herzzerreißend, dies anzusehen. Aber sie konnten nicht verstehen, warum er nicht wach werden konnte. Wir versuchten ihnen zu erklären, wie komplex das Gehirn und Hirnverletzungen sind. Aber sie verstanden es nicht. Sie wollten ihn mit nach Hause nehmen, ihn zu einem traditionellen Heiler bringen. Medizinisch gesehen konnten wir den Patienten nicht entlassen, da er nicht stabil genug war. Aber gleichzeitig können wir einer Familie hier nicht verbieten, ihren Sohn mit nach Hause zu nehmen. Die Familie hofft, dass traditionelle Heilmethoden dem Sohn helfen werden. Manchmal können wir nicht mehr als Hoffnung geben. Also ließen wir es zu, dass die Familie ihren Sohn nach Hause brachte.

Ein Baby. Ein dickes, gesund aussehendes Baby. Frühmorgens wurde es von seiner Mutter und seinem Vater ins Krankenhaus gebracht. Das Baby hatte wirklich hohes Fieber und bekam langsam Atemprobleme. Wir diagnostizieren Malaria. Dies ist bei Kindern unter fünf Jahren einer der häufigsten Gründe für die Aufnahme ins Krankenhaus. Wir beginnen sofort mit der Behandlung und geben ihm eine Infusion, um ihm Flüssigkeit zuzuführen. Den ganzen Morgen lang sitzen die Eltern am Rand des Bettes. Die Atmung des Kindes verbessert sich nicht, der Säugling reagiert nicht auf die Behandlung. Das Fieber hält an. Was können wir noch tun? Hoffen, dass die Behandlung bald anschlägt und dem Baby jegliche Unterstützung geben. Die Eltern warten geduldig neben ihrem Säugling. Ein paar Stunden später höre ich das herzzerreißende Wehklagen der Mutter und des Vaters. Sie verlassen das Krankenhaus, ihren kleinen geliebten Sohn in Tücher gewickelt. Er war nicht stark genug, um die Malaria zu bekämpfen.

Eine Mutter mit einer unbehandelten epileptischen Störung. Sie hatte einen Krampfanfall, als sie an der Feuerstelle kochte. Sie hielt in dem Moment ihre sechs Monate alte Tochter. Der Säugling fiel ins Feuer. Das rechte Bein des Babys erlitt dabei schwere und tiefe Verbrennungen, von den Zehen bis zur Hüfte. Die Mutter erlitt leichtere Verbrennungen an ihrem Arm. Die Mutter brachte den Säugling in das nahegelegene Krankenhaus, das von Ärzte ohne Grenzen unterstützt wird. Die Wunden wurden täglich untersucht, gesäubert und erneut verbunden. Aber die Verbrennungen waren so tief, dass der Fuß verbrannt war. Das Bein war nur noch eine große offene Wunde. Da es hier in der Zentralafrikanischen Republik keine Möglichkeit zur Hauttransplantation gibt, stellte diese Wunde ein enormes Infektionsrisiko dar. Ohne eine einschneidende Behandlung würde das Baby schließlich den Entzündungen erliegen. Die Frage lautete daher: Wie können wir das Baby mit unseren begrenzten Ressourcen retten? Die Kollegen in der anderen Klinik von Ärzte ohne Grenzen fragten bei uns an, ob unser Chirurg eine Amputation durchführen könnte.

Das Baby und seine Mutter wurden für den chirurgischen Eingriff in unser Krankenhaus gebracht. Am nächsten Tag traf unser chirurgisches Team die schwerwiegende Entscheidung, das Bein oberhalb des Knies zu amputieren. Das ist die einzige Überlebenschance für das Baby.

Nach dem chirurgischen Eingriff. Das Baby lebt noch. Täglich braucht die Kleine frische Verbände und medizinische Versorgung. Aber ganz langsam heilt und erholt sich ihr kleiner Körper. Und ganz langsam kehrt auch ihr Lächeln zurück. Sie hat jetzt eine gute Chance, ihren nächsten Geburtstag zu erleben. Es ist vielleicht nicht alles perfekt. Aber es gibt Hoffnung, und sie hat eine zweite Chance.

Geschichten dieser Art gibt es unzählige. Wenn ich die Geschichten höre, wundere ich mich, wie diese Menschen noch lachen können. Jeden Morgen stehen sie auf, machen ein Feuer, kochen Essen, füttern ihre Babys, waschen ihre Kleidung , bereiten noch mehr Essen zu, arbeiten auf den Feldern, kümmern sich um die Kranken und finden einen Grund zu lachen. Das erstaunt mich. Die Menschen hier sind stark. Sie akzeptieren die Dinge, sie hoffen, sie glauben und gehen immer weiter. Das ist für mich Tapferkeit.

Social Bookmarks Diese Icons verlinken auf Bookmark Dienste bei denen Nutzer neue Inhalte finden und mit anderen teilen können.
  • MisterWong
  • Y!GG
  • Webnews
  • del.icio.us
  • Reddit
  • Facebook
  • Google Bookmarks
  • Linkarena
  • TwitThis

Markttag: “Hier gibt es keine Einkaufstherapie.”

An manchen Sonntagen will ich auf den Markt gehen: einkaufen, den Kopf von der Arbeit frei bekommen. Ich gebe zu, dass der Gedanke an Einkaufstherapie mir momentane Befriedigung verschafft. Nur, dass es hier in Wirklichkeit keine Einkaufstherapie gibt. Ich war jetzt mehrere Male auf dem Markt. Jedes Mal habe ich mir vorgestellt, dass ich etwas Interessantes finden würde, und jedes mal bin ich enttäuscht wieder gegangen. Die wunderbaren Fotos von Märkten in Afrika – Farben, Menschen, Gemüse und Früchte – sind hier leider keine Realität.

Der Markt in Bougila

Der Markt in Bougila

Marktbesuche beginnen am Sonntagmorgen. Nach einer faulen Tasse Kaffee, einer Dusche zum Abkühlen und einem Liter Wasser als Vorbereitung machen wir uns auf den heißen staubigen Weg. Wir kommen an Lehmhütten mit Strohdächern vorbei, an Kindern, die in den Höfen spielen, und an riesigen Mangobäumen. Der Strom an grüßenden Dorfbewohnern, Kindern und Krankenhausmitarbeitern, die ihren freien Tag genießen, reißt nicht ab. Jeder scheint unsere Namen zu kennen, während es mir schwerfällt mich zu erinnern, wer wer ist. Wir laufen an den Ruinen des Kinos vorbei, das im vergangenen Monat zusammengebrochen ist, und am Bierladen, wo Frauen regionales Bier in Kalebassen servieren. Die einzige Farbe in der Landschaft ist die bunte Kleidung der Menschen, der Rest besteht aus einem leichten rötlichen Braun. Die Trockenzeit hat alles um uns herum ausgedörrt und mit einer Schicht braunem Staub bedeckt.

Das Grüppchen von Hütten und die Menschen, die hier herumschwirren, machen klar, dass wir den Markt erreicht haben. Wir gehen zu einem Platz mit Mangobäumen und einigen Ständen. Frauen sitzen in Reihen und verkaufen ihre Waren. Jede Reihe hat ein Thema: eine Reihe von getrockneten undefinierbaren Wurzeln, Öl, Pakete voller Salz, Pfeffer, Zucker, Maggiwürfel, gelegentlich Papayas, ein paar teure Zwiebeln und Knoblauch – offensichtlich aus dem Tschad importiert -, kleine Päckchen mit Lollipops. Reihen mit Seife, Flipflops und anderem Plastikgegenständen. Eine Reihe mit verschiedenen puderigen/mehligen Substanzen, Maniok, Mehl (welches dem, das unsere Patienten bekommen, verdächtig ähnlich sieht), Samen, Erdnüsse und Körner. Die Reihe mit dem kleinen getrockneten Getier könnte man “Protein-Reihe” nennen, sie werden dort als Spieße oder in Körben präsentiert: Ratten, Mäuse und einige größere undefinierbare Tiere -alle knusprig braun getrocknet und stinkig! Definitiv NICHT mein Lieblingsteil des Marktes. Der andere weniger angenehme Teil wird “Maniko-Allee” genannt – eine Reihe, die dem viel geliebten Grundnahrungsmittel Maniok gewidmet ist. Die Wurzel wird vergoren, getrocknet und zu Mehl verarbeitet. Die Gegend hier ist bekannt für diesen Gärungsprozess – leider riecht der Maniok wie Erbrochenes (meiner Meinung nach!). Normalerweise vermeide ich diese Reihe tunlichst.

Die Reihe mit frischem Essen könnte man auch “grüne Reihe” nennen, weil es dort nur grüne Maniokblätter, lokales Grünzeug und grüne Tomaten gibt – wenn man sehr viel Glück hat, ist manchmal auch ein schöner frischer Salat dabei! Es gibt eine kleine frische Wasserquelle nahe dem Dorf, deren Wasser die Bauern umleiten um ihren Salat dort zu pflanzen. Ich frage mich, weshalb sie nicht auch anderes Gemüse anpflanzen? Es ist fast unmöglich, andere Frischprodukte zu finden.

Die einzige Unterhaltung auf dem Markt besteht darin, zu versuchen, zum Verkauf angebotene Objekte zu finden, die aus unserem Krankenhaus stammen könnten. Es ist ganz und gar nicht ungewöhnlich, Krankenhausausstattung, Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel auf dem Markt zu finden. Ich vermute, dass es das überall gibt. Der Unterschied zu zu Hause besteht darin, dass ich dort nur davon höre, in Boguila kann ich es bezeugen.

Nachdem ich alle Reihen einmal hoch- und runtergelaufen bin, ist es Zeit zu gehen. Die Hitze ist heftig und ein frischer Salat für unser Sonntagsmittagsessen ist in der Regel das einzige, das wir kaufen.

Wir laufen langsam nach Hause, die Sonne steht hoch am Himmel und brennt inzwischen noch stärker herunter. Der staubige Weg scheint endlos, und die Enttäuschung, nichts Interessantes gefunden zu haben, hebt nicht gerade die Stimmung. Ich sitze zu Hause, erhole mich, und gelobe, so bald nicht mehr auf den Markt zu gehen. Aber ich weiß genau, dass ich letzten Endes doch wieder losziehen werde, um mich doch noch mal umzusehen…

Social Bookmarks Diese Icons verlinken auf Bookmark Dienste bei denen Nutzer neue Inhalte finden und mit anderen teilen können.
  • MisterWong
  • Y!GG
  • Webnews
  • del.icio.us
  • Reddit
  • Facebook
  • Google Bookmarks
  • Linkarena
  • TwitThis

Ernährungsprogramm: ein glücklicher neuer Teilnehmer!

Mit zunehmender Hitze scheint auch der Druck bei der Arbeit zuzunehmen. Ich hatte in der vergangenen Woche ein Wochenende frei, in Bangui. Das sollte eigentlich der Entspannung dienen, aber es fühlte sich dann eher an wie ein paar hektische Minuten Kontakt zur Außenwelt über Internet und Telefon. Als ich wieder nach Boguila zurückkam, fühlte es sich an wie nach Hause kommen. Ich hab mich hier in einer Routine eingefunden, hier ist jetzt erstmal mein Zuhause, und es fühlte sich gut an, in den vertrauten Krater meiner Matratze zurückzukriechen.

Nachdem ich über’s Wochenende weg war, hat es nicht lange gedauert bis mir klar wurde, dass ich die Arbeit vielleicht ein paar Tage vergessen hatte, aber umgekehrt die Arbeit mich nicht! Mir blieb keine Wahl, ich musste sofort wieder loslegen: Mitarbeiter managen, Personalprobleme lösen, Reports fertig stellen, die Fortschritte der Patienten überwachen, unterrichten und an endlosen Meetings teilnehmen. Der Wahnsinn geht weiter.

Als Teil meiner Routine nehme ich mir die Zeit, die Entwicklung der mangelernährten Kinder im Krankenhaus zu beobachten. Es ist gerade Erntesaison, entsprechend sind die Zahlen in der Ernährungsstation niedrig. Trotzdem gibt es immer Kinder, die Hilfe brauchen, um Gewicht zuzulegen und dafür stationär behandelt werden. Für die Mütter ist es ein Vollzeitjob, ihre Kinder zu füttern. Es kann mühsam und frustrierend sein, quengelige, kranke oder desinteressierte Kinder drei bis sechs Mal am Tag zu füttern und sie zusätzlich zu stillen. Man braucht sehr viel Geduld, Hingabe und Zeit, um Kindern zu helfen zuzunehmen, langsam, langsam, langsam. Die Kinder bekommen verschiedene Arten von Milch, angereicherte Milch und “Plumpy Nut” eine/n hochkalorien- und hochproteinhaltigen Snack/Mahlzeit. Hier, im Krankenhaus von Boguila, haben wir ein erfolgreiches Programm zur Gewichtszunahme!

Junior kam vor drei Wochen an. Ich bemerkte ihn, weil er draußen auf der Bank vor dem Büro der Krankenschwestern- und pfleger saß. Er war schmutzig, hatte ein geschwollenes Gesicht, geschwollene Arme und Beine, und sein Gesicht war voller Schorf, Kratzer und Infektionen. Seine dunklen Augen guckten aus seinem unglücklichen aufgedunsenen Gesicht. Er wurde mit schwerer Mangelernährung vom Typ Kwashiorkor (einem Proteinmangel) ins Krankenhaus eingewiesen. Klinische Anzeichen von Kwashiorkor sind Ödeme (Schwellungen) im Gesicht sowie in den Armen und Beinen. Das Kind wirkt aufgebläht und pummelig, aber in Wirklichkeit mangelt es dem Körper an der richtigen Nahrung. Das ist eine schwere Form der Mangelernährung. Kwashiorkor-Fälle sind zu dieser Jahreszeit ungewöhnlich, da Erdnüsse und Sesam geerntet werden – proteinreiche Nahrungsmittel sind also vorhanden. Aber da war er: zwei Jahre alt, aufgedunsen, schmutzig und unglücklich.

Das erste Behandlungsziel für Kwashiorkor-Fälle ist es, den Gewichtsverlust zu stoppen und die Ödeme zum Verschwinden zu bringen. Das Kind erhält kalorienarme Milch, um dem Köper zu helfen sich an diese Nahrung zu gewöhnen und den Stoffwechsel anzuregen. Junior nahm das Milchtrinken gut an. Einige Tage nach der Rückgewöhnung an Milch machte er Fortschritte beim Gewichtszunahmeprogramm, bei der hochkalorienhaltige Mahlzeiten auf dem Speiseplan stehen damit das Kind zunimmt. Nachdem sich sein Ernährungszustand langsam verbessert hatte, begann auch sein Immunsystem wieder zu arbeiten. Der Schorf in seinem Gesicht löste sich, die Infektionen gingen zurück, die Ödeme begannen zu “zerrinnen”, und er begann, im Krankenhaus herumzutapsen.

Daniela und Junior

Daniela und Junior

Jetzt läuft er umher, entweder nackt oder mit einem überdimensionalen gelben T-Shirt,
das ihm bis über die Knöchel hängt. Er hat wieder Interesse an seiner Umgebung bekommen und begleitet das medizinische Team bei den Morgenrunden. Er greift nach meinem Finger und tapst neben mir her, immer mit einem ernsten Ausdruck im Gesicht.

Er sieht mich schon von weitem und kommt mir über das halbe Krankenhausgelände  entgegengelaufen, dann schnappt er meinen Finger. Wir laufen zusammen durch das Krankenhaus. Manchmal will er getragen werden. Ich nehme ihn auf dem Arm, wohl wissend, dass er keine Windeln oder Unterhosen trägt. Babykacka auf meinem Shirt! Junior sitzt auf meiner Hüfte und legt seine kleinen Beine um meine Taille – ich muss ihn kaum halten. Er sitzt da einfach, glücklich auf meiner Hüfte während ich meine Arbeit mache. Die Mütter im Krankenhaus lachen herzhaft darüber…darüber, dass ich Junior trage, dass er hier, dort und überall herumtapst? Auf jeden Fall ist es gut, sie alle lachen zu hören. Ich muss nur darauf achten, dass ich mein Shirt später in die Wäsche gebe.

Vor zwei Tagen fing Junior schließlich an zu lächeln. Er sah, wie ich ins Krankenhaus lief und fing an, mit seinen Armen zu wedeln und in meine Richtung zu tapsen. Ich nahm ihn auf dem Arm und warf ihn in die Luft – und er lachte. Es hat fast drei Wochen gebraucht, aber vielleicht fühlt er sich jetzt besser und mehr wie ein zwölf Monate alter Junge. Er lacht, spielt und heftet sich an die Leute um ihn. Was das Gewicht-Zulegen angeht: Das wird noch eine Weile dauern. Das viele Herumlaufen mit dem Team ist dafür wahrscheinlich nicht besonders hilfreich, es ist zuviel Bewegung! Aber es ist so schön zu sehen, dass er die Chance bekommen hat, wieder Kind zu sein, und keine hungrige unglückliche kleine Person. Eine kleine Erfolgsgeschichte nach der anderen … das Ernährungsprogramm hat einen neuen glücklichen Teilnehmer!

Social Bookmarks Diese Icons verlinken auf Bookmark Dienste bei denen Nutzer neue Inhalte finden und mit anderen teilen können.
  • MisterWong
  • Y!GG
  • Webnews
  • del.icio.us
  • Reddit
  • Facebook
  • Google Bookmarks
  • Linkarena
  • TwitThis

Drama

Drei Wochen lang hat sich alles um den Africa Cup gedreht, ein Event, das alle zwei Jahre stattfindet. Es ist DER Sport-Event für Menschen auf dem afrikanischen Kontinent.

Der Sound von Fußballspielen bildete die abendliche Geräuschkulisse der letzten zwei Wochen. Die Leute liefen mit kleinen Handradios über das Krankenhausgelände – fest ans Ohr gedrückt, die Antennen zum großen blauen Himmel gerichtet – und lauschten gespannt den Spielen in Angola.

 Das „Kino“ in Boguila, eine Backsteinhütte mit Grasdach und Lehmboden, ist mit einem Generator und Satellitenfernseher ausgestattet. Es ist die einzige Möglichkeit, die Spiele tatsächlich zu SEHEN und DER Treffpunkt während des Turniers. Leute aus dem Dorf und der Umgebung versammeln sich hier, um das Spiel anzusehen. Alle sitzen dicht zusammengedrängt auf den harten Holzbänken und müssen die Augen zusammenkneifen, um den Ball auf dem kleinen Bildschirm auch tatsächlich zu sehen (scheinbar gibt es eine Verzögerung mit dem Satellitenbild; mache verfolgen das Spiel deshalb mit dem tragbaren Radio am Ohr und erfahren so schon einige Sekunden vor dem Rest der Menge im Kino, wenn ein Tor fällt).

 Heute war der lang erwartete Tag. Das Endspiel. Ghana gegen Ägypten. Alle waren aufgeregt und bereit, ein paar Cents zu investieren, um das Spiel im „Kino“ anzusehen. Es war DER Gesprächsstoff im Dorf. All die, die nicht im „Kino“ waren, hatten ihre Radios eingeschaltet und die Stimmen französischsprachiger Kommentatoren erfüllten die Luft. 

Mitten im Spiel fingen auf einmal unsere Funkgeräte an zu knistern. Zu hören war eine panische Stimme „Infirmier, infirmier!!! Une urgence, une urgence!!!“ (Krankenschwester, Krankenschwester! Ein Notfall!). Ein paar Sekunden später: „Docteur. Docteur!! Une urgence!” Das waren eindeutig nicht die normalen Funksprüche, die wir sonst erhalten.

Ich erreichte das Krankenhaus nur wenige Minuten nach dem Anruf…schon von weitem konnte ich die Menschenmenge am Tor des Krankenhauses sehen. Ich lief schneller. Ich drängte mich durch die Menge und betrat das Krankenhaus. Drinnen war alles voller Leute! Das war nicht normal. Ich sah mehrere Männer am Boden liegen, sie weinten, schrien und schlugen um sich. Freunde versuchten sie ruhig zu halten. Es war das totale Chaos! Und ich wusste immer noch nicht, was eigentlich passiert war. Als ich mich durch die Menge drängte, konnte ich Alkohol riechen. Für gewöhnlich sind große Gruppen alkoholisierter Menschen nicht gerade angenehm, aber ich behielt einen klaren Kopf. Ich ging durch die Türen der Notaufnahme (eigentlich ein ganz einfacher Raum mit einer Glühbirne). Zwei Männer lagen auf den Bahren, einer auf dem Boden und jeweils drei Krankenschwestern standen um sie herum. Ich schaute mich kurz um, alle Patienten waren bei Bewusstsein, redeten, weinten… alle machten ein großes Aufheben. Noch immer konnte ich keine schwereren Verletzungen erkennen, die diese Panik und das ganze Chaos rechtfertigen würden. Ich wandte mich an den Arzt und fragte, was passiert sei. Ich dachte, vielleicht gab es einen Kampf? Einen Motorradunfall?

„Ein Haus ist eingestürzt“, war die Antwort, die ich bekam. Okay. Ich schaute ein bisschen genauer hin, sah leichte Fleischwunden am Kopf, Schnitte, Blutergüsse, viel Drama und eine Menge Panik! Die Energie im Raum war surreal! Ich glaube, jeder einzelne unserer Mitarbeiter drängte sich in den Raum und versuchte loszulegen. Ich wusste immer noch nicht, warum dieses ganze Aufhebens? Die Verletzungen passten nicht mit dem Drama zusammen. Ein Haus war zusammengestürzt – warum all der Alkohol, warum die ganzen Leute? Es sah aus als wäre das ganze Dorf zum Krankenhaus gepilgert – warum waren alle Patienten junge Männer?

Dann kam endlich die Erklärung: „Das ‚Kino’ ist eingestürzt!“ Alle waren dort, um sich das Endspiel anzusehen, als das Dach und die Wände einstürzten! Das ergab einen Sinn.

Ich schnappte mir einen Kollegen der den Lokaldialekt Sango sprach und versuchte, ein Triage-System aufzubauen. Wer war noch verletzt? Wir fanden ein paar Leute, die noch nicht behandelt worden waren und trugen sie ins Behandlungszimmer. Nachdem alle Verletzten in der Menge identifiziert waren, stellten wir sicher, dass alle Verletzten zum Krankenhaus gebracht und niemand am Unglücksort zurückgeblieben war. Schnell wurde mir klar, dass die meisten Patienten nicht ernsthaft verletzt waren. Es war einfach zu viel Personal da, zu viele Leute, die herumstanden. Der Versuch, Ordnung in die Menge zu bringen, scheiterte. Ich sprach französisch, sie verstanden zum größten Teil nur Sango (die einzigen Ausdrücke die ich auf Sango kenne sind „danke“ und „bis bald“ – beide nicht sehr hilfreich in dieser Situation). Also versuchte ich, mich anders nützlich zu machen: Tetanusimpfungen für alle! Wir sausten durchs Krankenhaus, suchten alle Patienten mit offenen Wunden, Kratzern und Schnitten und gaben ihnen eine Tetanusimpfung. Eine Mini-Impfkampagne! Keine Röntgenaufnahmen, erst recht kein CT, kein Trauma-Team. Wir taten, was wir konnten, mit dem, was wir haben. Wir hatten Glück: Niemand war ernsthaft verletzt worden.

Das Endergebnis des Spiels…weiß ich nicht so genau. Ich wurde ein bisschen abgelenkt! Ich werde das morgen herausfinden.

Social Bookmarks Diese Icons verlinken auf Bookmark Dienste bei denen Nutzer neue Inhalte finden und mit anderen teilen können.
  • MisterWong
  • Y!GG
  • Webnews
  • del.icio.us
  • Reddit
  • Facebook
  • Google Bookmarks
  • Linkarena
  • TwitThis

Die Qual der Wahl

Bei meiner Arbeit bin ich unter anderem dafür verantwortlich, dass es eine ausreichende Zahl nationaler medizinische Mitarbeiter gibt, um das Krankenhaus am Laufen zu halten. Kurz nach meiner Ankunft haben hier in Boguila einige unserer Mitarbeiter gekündigt. Dadurch waren wir unterbesetzt, und die Teams mussten Überstunden machen. Es ist eine Herausforderung, in der Zentralafrikanischen Republik qualifiziertes Pflegepersonal und Hebammen zu finden. Nicht viele Leute haben hier die Möglichkeit, eine Universität zu besuchen. Darüber hinaus wollen wir von den Leuten, dass sie nach Boguila umziehen, ein kleines Dorf, das schwierig von der Hauptstadt aus zu erreichen ist. Andererseits bieten wir aber den Leuten auch einen Job an, ein gutes Gehalt und die Gelegenheit, ihren notleidenden Landsleuten zu helfen.

Das Bewebungsverfahren: Sechs Kandidaten für vier Positionen. Sie kommen für die Bewerbung ins Projekt. Schriftliche Prüfung und mündliche Bewerbungsgespräche. Die schriftliche Prüfung war wichtig, um ihre medizinischen Kenntnisse einschätzen zu können. Leider ist es nicht unüblich, dass Universitätsabschlüsse gefälscht werden. Unser Team war darauf bedacht, für alle Positionen geeignete Kandidaten zu finden. Ich habe alle Bewerber im Laufe der zwei Tage kennen gelernt. Jeder hatte eine Geschichte zu erzählen.

Die Erste stellte sich vor: “Ich bin hierher gefahren – weit weg von meinem Zuhause -, um mich für diesen Job zu bewerben. Ich habe meine beiden kleinen Kinder bei meinen Eltern in der Hauptstadt zurückgelassen. Ich möchte in der Lage sein, sie zur Schule schicken zu können. Es wird schwer sein, so weit weg von ihnen, aber noch schwerer wäre es, wenn ich ihnen keine Möglichkeit für eine Ausbildung geben könnte. Ich bin hier, um mein Bestes zu geben und ich hoffe, sie berücksichtigen meine Bewerbung.

Jemand anderes sagte: “Es gibt nur wenige Stellen für mich in Bangui. Ich wollte meine Familie nicht verlassen, aber ich weiß, dass ich einen Job brauche, und ich würde gerne für Ärzte ohne Grenzen arbeiten. Also habe ich meine Taschen gepackt, war lange unterwegs – entlang der dreckigen Straßen -, um hierher zu kommen und mich auf die Stelle zu bewerben. Ich werde hart für sie arbeiten und ich hoffe, sie nehmen mich. Ich habe meinen Mann, meine Kinder und alle meine Freunde weit weg zurückgelassen, um für sie arbeiten zu können.”

Ein Dritter sagte: “Ich bin tapfer, ich bin hierher gereist, um mich auf diesen Job zu bewerben. Es ist ein schwerer Tag für mich, weil heute meine Tochter beerdigt wird. Sie ist letzte Woche an Aids gestorben. Sie hat drei Kinder hinterlassen. Aber ich bin heute hier, weil mein Mann mir gesagt hat, ich soll meinen Mut zusammennehmen und weitermachen.”

Ich habe dieser Geschichte zugehört und wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich habe einfach nur gehofft, dass sie bei der Prüfung gut abschneiden würde.

Jede Geschichte war kompliziert, voller Mühsal, Herausforderungen and Herzensleid. Das wird nicht einfach werden. War es ein kultureller Unterschied, dass sie so offen von all diesen Einzelheiten ihres privaten Lebens erzählten? War es alles wahr? War es dazu gedacht, meine Entscheidung zu beeinflussen? Es wurde mir klarer und klarer, dass die schriftlichen Prüfungen die Grundlage für unsere Entscheidung sein müssen und dass ich Unterstützung von meinem Team brauchen würde.

Ich habe dann in dieser Nacht nicht gut geschlafen. Ich habe von ihren Geschichten und ihrer Mühsal geträumt. Und mir graute davor, zwei Kandidaten sagen zu müssen, dass sie den Job nicht bekommen haben.

Die Prüfungen wurden von Mitgliedern des Teams ausgewertet und beurteilt. Die Bewerbungsgespräche durchgeführt. Entscheidungen wurden gefällt.

Den Kandidaten Bescheid zu geben, die genommen wurden, war ein aufmunterndes und gutes Gefühl. Aber diejenigen zu informieren, die wir nach Hause schicken mussten, war schmerzlich und schwierig. Einer fragte: “Wie soll ich nach Hause zu meinen Eltern zurückkehren und ihnen sagen, dass ich den Job nicht bekommen habe. Sie haben mir zugesichert, dass sie sich um meine Kinder kümmern werden, damit ich arbeiten gehen und Geld verdienen kann. Ich habe alle meine Sachen mitgebracht, ich bin bereit zu arbeiten. Was soll ich ihnen sagen? Wie soll ich ihnen unter die Augen treten?”

Ich habe ihr gesagt, dass es mir leid tut, dass so nun mal die Entscheidung ausgefallen ist. Ich forderte sie auf, stark zu bleiben und sich auf andere Stellen zu bewerben. Ich habe mich bedankt, dass sie gekommen ist, und ihr alles Gute für die Zukunft gewünscht. Dann saß ich da und fühlte mich schrecklich. Das ist schwer. Aber so ist das Leben in der Zentralafrikanischen Republik, das ist die Realität für die Menschen hier. Wenig Jobs, kaum Ressourcen, eingeschränkte Auswahlmöglichkeiten, permanente Belastung.

Jetzt, wo das Personal wieder vollständig ist, freue ich mich darauf, mehr Energie ins Krankenhaus zu stecken…in die Weiterbildung und die Einbindung der neuen Kollegen, in den Unterricht und die Betreuung der Patienten….so lange, bis die nächste Herausforderung in der Verwaltung oder dem Personalwesen auftaucht.

Social Bookmarks Diese Icons verlinken auf Bookmark Dienste bei denen Nutzer neue Inhalte finden und mit anderen teilen können.
  • MisterWong
  • Y!GG
  • Webnews
  • del.icio.us
  • Reddit
  • Facebook
  • Google Bookmarks
  • Linkarena
  • TwitThis

Klarheit

Impression vom Klinkgelände

Impression vom Klinkgelände

An einigen Tagen ist es windig. Es wird Staub aufgewirbelt, ein dichter Dunstschleier entsteht und Nebelschleier sind am Horizont. Der Sonnenaufgang scheint verspätet zu sein, der Staub brennt in den Lungen, die Sonne sieht wie ein blasser orangefarbener Ball aus, der am westlichen Horizont aufgehängt ist.

Wenn der Tag von Staub und den Herausforderungen verdunkelt ist, ist es manchmal schwierig, sich daran zu erinnern, warum wir hier sind? Warum arbeiten wir mitten in Afrika? Warum sind wir so weit weg von unseren Familien? Warum arbeiten wir so viele Stunden? Warum besteht unser Essen überwiegend aus Kohlehydraten?

Wenn ich den ganzen Tag im Büro bin und versuche, die Planungs- und Personalprobleme zu lösen, wenn ich versuche, den Patienten zu erklären, dass sie noch ein weitere Woche warten müssen, um nach Hause zu kommen, 100 Kilometer entfernt, wenn ich Medikamente zähle und herauszufinden versuche, wo sie gebraucht wurden, wenn ich Mitarbeitern zum vierten Mal in der gleichen Woche versuche zu erklären, dass es wichtig ist, mangelernährte Kinder jeden Tag genau zu wiegen … Manchmal bin ich frustriert. Und ich beginne mich zu fragen warum?

Ich funktioniere bei all den Aktivitäten gerade wie im Schlaf, als ich mich im Entbindungsraum wiederfinde. Auf der Entbindungstrage liegt eine Frau und versucht, ihr Baby herauszupressen. Sie ist erschöpft. Sie bekommt bereits intravenöse Flüssigkeit und benötigt Sauerstoff. Die Generatorstunden sind bereits vorbei, so dass wir mit den Logistikern sprechen, damit sie den Generator nicht ausschalten. Die Mutter arbeitet weiterhin hart, schweigend, während die Wehen sich einzeln durch sie hindurchbewegen. Die Hebamme und die Pflegerin ermutigen sie, es ist fast geschafft, press weiter … press, press, press … Die Wehen kommen alle zwei Minuten, und das Baby ist fast da. Wir können sehen, wie der Kopf versucht, herauszukommen. Wehe, pressen, warten, atmen. Wehe, pressen, warten, atmen.

Schließlich, Wehe, pressen … der Kopf kommt heraus. Die Hebamme versucht eine Sekunde später verzweifelt die Nabelschnur vom Hals des Babies abzuwickeln. Beeilung, Beeilung. Das Baby ist glitschig, wir schaffen es aber, die Nabelschnur durchzuschneiden und das Baby von dem Gewirr zu befreien. Das Baby schreit aber nicht. Er ist schlapp, er ist blau, er atmet nicht. Alle im Raum arbeiten. Wiederbelebung des Babies. Brustmassage, Flüssigkeit und Sekrete kommen aus den Atemwegen, Brustmassage, Sauerstoff, mehr Sekrete müssen abgewaschen werden, mehr Brustmassage … Ich dachte nur: Halte durch kleiner Kumpel! Das Baby hat Flüssigkeiten eingeatmet, als es den Mutterbauch verlassen hat, und die Lungen haben sich mit der Flüssigkeit gefüllt, dadurch fällt das Atmen schwer und es entsteht das Risiko, dass er sich infiziert. Ein Baby, vier Mitarbeiter, ein Ziel. Wir machen weiter. Wir finden ein System, es waren nur wenige Worte nötig, wir arbeiten alle zusammen. Wir wissen alle, dass das Baby bald anfangen muss, alleine zu atmen. Wir legen einen intravenösen Zugang, um ihm Flüssigkeit und Medikamente zukommen zu lassen. Es ist schwierig. Seine Venen sind so dünn. Ich massiere seine Brust, ermutige ihn, kleine Atemzüge zu machen. Das Baby strengt sich an zu atmen, aber es klingt hoffnungslos und flach. Der Arzt rennt zur Apotheke, um mehr Medizin zu holen. Er kommt mit einer Nadel für eine intraossäre Infusion wieder (eine dicke Nadel, die direkt in einen großen Knochen gestochen wird, um die Medizin über das Blut/das Knochenmark zu verabreichen). Sie ist ein eher schrecklich aussehendes Gerät, das durch die Haut direkt in den Knochen gestochen wird, aber sie kann Leben retten. Wir sind an dem Punkt, an dem etwas passieren muss. Wir atmen tief durch, der Arzt platziert die Nadel und wir schaffen es, etwas von der benötigten Medizin zu verabreichen. Es gab einen kurzen Moment der Erleichterung und des Triumphes. Aber er hat nicht lange angehalten. Die Nadel hat sich bewegt und ist aus dem Knochen herausgesprungen. Mist! Es gibt für die Medizin keinen Zugang mehr.

Das Baby beginnt, unabhängiger zu atmen, aber es hört sich noch immer hoffnungslos an. Wir konnten zu dem Zeitpunkt nicht mehr tun, außer zu hoffen, dass es die Kraft findet, weiterzuatmen. Ich habe ihn eingewickelt, warm gehalten und ihn festgehalten. Ich habe sichergestellt, dass die kleine Sauerstoffmaske auf seinem Gesicht geblieben ist.

In dieser besonderen Nacht schien die Zeit auf unserer Seite zu sein. Seine Farbe wurde langsam besser. Sein Atem hat sich beruhigt und hörte sich weniger angestrengt an. Er hat angefangen, seine kleinen Hände und Füße zu bewegen und startete einen schwachen Versuch zu schreien … langsam aber sicher wurde er munterer! Schließlich konnten wir ihn zu seiner Mutter bringen. Wir haben sie dazu ermutigt, ihn eng am Körper zu halten, damit er es warm hat, und dass sie ihn regelmäßig füttert. Er wird die Kraft brauchen. Er hatte einen schweren Start ins Leben.

 

Ich bin in der Nacht nachdenklich nach Hause gegangen … es gibt einen Grund, warum wir hier sind. Wir arbeiten mitten in Afrika, weil es sonst niemanden gibt, der medizinische Hilfe anbietet. Wir sind so weit weg von unseren Familien, weil wir wissen, dass es andere Familien gibt, die unsere Hilfe brauchen. Und wir essen viele Kohlenhydrate, damit wir viele, viele Stunden arbeiten können.
Am nächsten Morgen habe ich gehört, dass das Baby die ganze Nacht die Muttermilch getrunken hat und ohne zusätzlichen Sauerstoff gut geatmet hat. Erfolg!

Social Bookmarks Diese Icons verlinken auf Bookmark Dienste bei denen Nutzer neue Inhalte finden und mit anderen teilen können.
  • MisterWong
  • Y!GG
  • Webnews
  • del.icio.us
  • Reddit
  • Facebook
  • Google Bookmarks
  • Linkarena
  • TwitThis

Ein Tag

Meine Tage sind voll. Meine Tage sind sehr hektisch. Meine Tage sind heiß. Und alle meine Tage fangen früh an. Ausschlafen ist nicht möglich: Entweder heulen die Hunde nebenan oder die Hähne begrüßen den Tag oder die Frauen singen. Also stehe ich auf. Ich krabbele aus dem Krater meiner durchgelegenen Matratze, schlüpfe unter dem Moskitonetz durch und in meine Latschen rein.

Ich renne. Die Landepiste aus roter Erde ist morgens friedlich… die ganzen wunderbaren 900 Meter lang. Ich beobachte die Frauen an der dörflichen Wasserpumpe, ich sehe, wie die Männer auf die Felder gehen und wie die riesige orangefarbene Kugel im Osten aufgeht. Auf und ab, auf und ab, auf und ab…

Der Tag im Krankenhaus beginnt um sieben Uhr morgens. Ich laufe die 200 Meter dorthin zu Fuß, was zwei Minuten dauert. Oft werde ich von ein Paar Kühen, Hühnern, Ziegen, einigen Kindern und einer Hündin mit ihren zwei Welpen begleitet. Die ersten fünf Minuten eines jeden Tages verbringe ich damit, alle Kollegen zu begrüßen und ihre Hände zu schütteln. Dabei versuche ich verzweifelt, mich an all ihre Namen zu erinnern.

Nach dem Frühstück schaue ich mir an, wie viel Personal wir in den nächsten 24 Stunden zur Verfügung haben. Oft muss ich Vertretungen finden. Also schicke ich die Wachen ins Dorf, damit sie für mich jemanden suchen, der die Vertretung machen kann. Wenn ich gut drauf bin, kriege ich die Wegbeschreibung selbst. Dann gehe ich selbst auf Personalsuche. In Boguila gibt es ein ziemlich verwirrendes Geflecht von Feldwegen. Es gibt keine Telefone, keine Straßen, keine Schilder. Die Wegbeschreibungen, die ich erhalte, hören sich oft folgendermaßen an: „Siehst du den großen Mangobaum da drüben. Geh den Weg runter, bieg rechts am Baum ab, nimm den linken Pfad und dann siehst du irgendwann ihr Haus.“ Ich finde es unglaublich aufregend, mit so vagen Beschreibungen tatsächlich das Haus zu finden, das ich suche.

Zurück im Büro. Ich drehe morgens mit dem Team eine Runde durch den Ernährungsraum, um alle unterernährten Kinder zu sehen. Es ist im Moment Erntezeit, daher gibt es glücklicherweise nur wenige Patienten. Wir überprüfen täglich, ob sie zu- oder abgenommen haben. Und wir stellen sicher, dass die Mütter richtig darüber informiert sind, wie wichtig es ist, ihre Kinder oft genug zu füttern und das Essen nicht für sich selbst zu behalten. Wir passen die Nahrungsrationen an den gesundheitlichen Fortschritt der Kinder an.

Oft werde ich über Funk weggerufen, um Nahrungsmittelrationen zu verschreiben (wir haben Rationen des Welternährungsprogramms hier), um die Patienten zu füttern und die Familien mit Nahrungsmitteln zu versorgen. So kriegen beispielsweise Patienten, die aus dem Ernährungsprogramm entlassen werden, Nahrungsrationen für die ganze Familie und für das Kind. Und zwar für einen ganzen Monat, nachdem das Kind sein optimales Gewicht erreicht hat.

Ich helfe gern aus, wo immer ich kann. So war es in letzter Zeit auf der Mütterstation ziemlich hektisch. Ich bleibe dann in der Nähe um auszuhelfen. Auf der stationären Abteilung gibt es oft Patientinnen, die eingeliefert werden und dringend behandelt werden müssen. Es ist interessant zu sehen, wie die Kollegen dort arbeiten.
Ich bin gerade in der Phase der Datensammlung, ich lerne und versuche verzweifelt zu verstehen, wie dieses Chaos funktioniert.

Zwischendrin gehe ich immer wieder ins Büro zurück und bin beschäfigt damit, die Datenanalyse zu verstehen, Berichte zu schreiben, Pläne anzupassen, mich auf bevorstehende Bewerbungsgespräche vorzubereiten. Ich verbringe Zeit in Besprechungen mit Fachleitern, anderen internationalen Mitarbeitern, Pflegekräften, Sanitätern, Hebammen, Apothekern, Logistikern… die Liste ist lang. Die Arbeitstage sind voll… egal, ob ich meinen Tag damit verbringe, Personal aufzutreiben, den Medikamentenschrank aufzuräumen oder Daten zu analysieren.

Ständig gibt es Probleme, die gelöst werden wollen. Sobald ich eines geknackt habe, tauchen drei andere auf. Am Ende des Tages, wann immer das auch ist, fühle ich mich heiß, verschwitzt, erschöpft. Ich glaube, meine Tage könnten als ständiges Multitasking beschrieben werden.

Ich schätze es sehr, dass das Essen für uns gekocht wird und sich jemand um meine Wäsche kümmert. Am Ende des Tages ziehe ich gern meine Schuhe aus, nehme eine Dusche unter dem nächtlichen Sternenhimmel, esse ein bisschen und krabbele dann wieder in den Krater meiner durchgelegenen Matratze, um zu schlafen.

Social Bookmarks Diese Icons verlinken auf Bookmark Dienste bei denen Nutzer neue Inhalte finden und mit anderen teilen können.
  • MisterWong
  • Y!GG
  • Webnews
  • del.icio.us
  • Reddit
  • Facebook
  • Google Bookmarks
  • Linkarena
  • TwitThis