Amchi Aafe Kerfi oder auf Wiedersehen Kerfi

Ein frühgeborenes Kind hat überlebt, Copyright: Kany Gewalt

Ein frühgeborenes Kind hat überlebt, Copyright: Kany Gewalt

Die Kinderstation hat am Sonntag vorerst den letzten Pinselstrich bekommen. Vorgestern kam ich regelrecht noch mit Farbe an meinen Händen aus dem Projekt in der Hauptstadt Ndjamena an. Wenige Nächte zuvor wurde ich noch zu einer Steißlagengeburt gerufen. Dann war da noch das Frühgeborene, das völlig geschwächt mit seinen Eltern aus fast 15 km Entfernung zu uns kam. Auf wundersame Weise hat dieses 1.600 Gramm wiegende Kind überlebt, das in Deutschland in einem Perinatalzentrum im Inkubator liegen würde. Heute geht es ihm gut und es wiegt schon über 1.700 Gramm, nachdem wir es so gut es ging über Magensonde aufgepeppelt hatten.  Das waren die Highlights meiner letzten Woche in Kerfi und heute abend schon geht meine Airfrance nach Deutschland, während mein Nachfolger vielleicht gerade versucht, an diesem Markttag in Kerfi im überfüllten Gesundheitszentrum den Überblick zu behalten.

Vieles, das bald auf mich zukommt, erscheint nun unwirklich, wie zu Beginn, als alles hier unwirklich erschien. Hier in Ndjamena kehre ich langsam zu etwas mehr “Zivilisation” zurück. Gleichzeitig sieht man auch hier alle Zeichen der Unterentwicklung, überwiegend UN-Fahrzeuge und unzählige Landcruiser mit Logos von verschiedensten Hilfsorganisationen, die ihr Hauptbüro oder sogar eigene Projekte hier haben. Das macht einem wieder bewusst, dass die Menschen hier daran gewöhnt sind, auf Hilfe außerhalb ihres Landes angewiesen zu sein. Betrachtet man das kaum entwickelte Land ohne nennenswerte Industrie in seiner ganzen Dimension, ist das Projekt in Kerfi “nur” ein winziger Tropfen auf den heißen Wüstensand.
kanya-gewalt-kinderstation

Solange es ein Team von uns mit regelmäßiger Zulieferung von Medikamenten und Materialien vor Ort gibt, profitieren die Menschen sehr von der Gesundheitsversorgung, die wir leisten. Viele verdanken dem sogar ihr Leben. Wir haben uns sehr bemüht, die lokalen Mitarbeiter auszubilden so gut es eben geht und bekamen auch meist eine große Portion Motivation entgegengebracht um alles möglich zu machen, was in einfachsten Verhältnissen möglich ist. Wenn das Projekt eines Tages schließt, bleibt zu hoffen, dass das hiesige Gesundheitsministerium die Mittel und das Personal aufrechterhalten kann, doch wahrscheinlich  wird die Bevölkerung wieder auf Hilfe von außerhalb hoffen müssen. Neben unserem medizinischen Alltag voller Schicksale, die es mal gut oder nicht gut meinen, gibt es doch auch diese andere Seite.
Das sind leider die Limitationen und Realitäten, die einen etwas bitteren Nachgeschmack hinterlassen, den ich nicht vorenthalten will. Für mich ist jedoch sicher, dass jeder Tag es absolut wert war dort gewesen zu sein, um jeden Tag aufs Neue in einem hochmotivierten Team einen kleinen oder großen Unterschied im Leben vieler Menschen gemacht zu haben. Wieder denke ich an Mustafa, der hoffentlich eines Tages ohne Stock in meinen mittlerweile etwas abgenutzten Nike Turnschuhen, die ich ihm am Tag meiner Abreise dagelassen habe mit anderen Kindern durch Kerfi laufen wird.

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Veränderungen

Meine Abreise naht,  so vieles hat sich in den letzten Wochen verändert, noch mehr ist zu tun, denn die Menschen kommen von ihren Feldern zurück. Ich versuche, für die medizinischen Probleme eine Lösung zu finden und die anderen Mitarbeiter so gut es geht auszubilden. Schließlich werden sie die Arbeit hier fortführen, wenn Ärzte ohne Grenzen eines Tages das Projekt verlassen wird.  Zeit für Reflektionen über die letzten neun Monate im Tschad bleibt meistens nur in den letzten Minuten vorm Einschlafen.

Der kleine Mustafa und sein Vater, copyright: Kanya Gewalt

Der kleine Mustafa und sein Vater, copyright: Kanya Gewalt

Ich bin froh, dass sich in den letzten wenigen Wochen vor meiner Abreise so viel in diesem Projekt entwickelt. Warum das so ist, kann ich gar nicht genau sagen, aber sicher sind es viele Faktoren.

Zum einen gab es einen einschneidenden Personalwechsel, da innerhalb von zwei Monaten drei Pflegekräfte das Projekt verlassen haben, dafür zwei neue und eine Hebamme zum Projekt hinzukamen. Dann ist unsere Geburtenrate zu meiner besonderen Freude um ein Vielfaches gestiegen und zusammen mit den neuen Pflegekräften, die hochmotiviert hier ankamen, konnten wir einige Umstrukturierungen vor allem der stationären Patienten vornehmen, die die Qualität der Patientenversorgung erheblich steigern werden. Dazu haben auch neue Materialien beigetragen, die endlich aus der Landeshauptstadt eingetroffen sind. Ein weiterer großer Schritt ist damit nun möglich.

 Bluttransfusionen können wir beispielsweise nun hier selbst vornehmen ohne schwerkranke Patienten auf die beschwerliche Reise ins Referenzkrankenhaus schicken zu müssen. Erst gestern hatte ich wieder Gelegenheit, diese neue Möglichkeit nutzen. Ein siebenjähriges Mädchen kam völlig geschwächt und fast bewusstlos mit erheblicher Blutarmut in Folge einer Komplikation der Malariaerkrankung zu uns, und hätte ohne Transfusion den nächsten Tag vielleicht nicht überlebt. Heute lächelt sie mich an und gibt mir die Hand.

Auch das wegen vieler anderen Prioritäten liegengebliebene Projekt  die Kinderstation für mangelernährte Kinder freundlicher zu gestalte, schreitet endlich  voran, und die Kinder sind nicht mehr von den tristen braungrauen Wänden umgeben.

Das vielleicht Wichtigste bei all den Veränderungen, die dieses Projekt gerade erfährt, bleibt für mich wohl doch Mustafa. Es war ein stiller Wunsch von mir, vor meiner Abreise aus dem Projekt Mustafa zu sehen, wie er auf eigenen Beinen die Klinik verlässt. Letzte Woche ist genau das eingetroffen und es war einer der berührendsten Momente meiner Zeit hier, als ich diesen Jungen mit schüchternem aber glücklichem Lächeln, mit einem Stock als Gehhilfe, laufen sah.

Bin ich froh, in zwei Wochen schon abzureisen? Neun Monate waren eine lange Zeit und es gab viele Momente, in denen ich diese am liebsten vorgedreht hätte.  Aber wenn die Kinder auf der Straße mich von weitem sehen und meinen Namen rufen und wenn ich in motivierte Gesichter der nationalen Mitarbeiter bei der Visite sehe,  bin ich gar nicht so enthusiastisch, wieder nach Deutschland zurückzukehren. Wenngleich ich mich doch schon auf das versprochene Sushi-Essen mit meiner Schwester freue.

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Tag der Unabhängigkeit

Am Unabhängigkeitstag, Copyright: Kanya Gewalt

Am Unabhängigkeitstag, Copyright: Kanya Gewalt

Am 11.01.2011 wird im Tschad der 50. Tag der Unabhängigkeit von kolonialer Herrschaft gefeiert*, aber bereits in der Woche zuvor vibriert Kerfi förmlich bei all den Vorbereitungen für den großen Feiertag. Selbst aus weiter entfernten Dörfern der Region kommen Menschen angereist. Frauen nähen aus verschiedenen Stoffen tschadische Fähnchen, wir hören abends Kinderstimmen, die Lieder einüben und Buschtrommeln, zu denen vielleicht Frauen hinter den Strohzäunen Tänze auffrischen. Dies ist wohl eines der allerwichtigsten Ereignisse des Jahres. Eine Parade zieht durch die Hauptstraße. Es werden Tiere geschlachtet und für viele Bewohner hier gibt es an diesem Tag mehr Essen, als zu den meisten anderen Zeiten des Jahres. Als Feuerwerksersatz werden Maschinengewehre und Granaten abgefeuert, die uns weniger sympathisch sind als das sonst sehr friedliche Fest.

Insgesamt ist es für uns internationale Mitarbeiter sehr schön, neben unglaublich viel Armut und Leid auch diese Seiten des tschadischen Lebens zu sehen. Unter den Menschenmassen stelle ich mir vor, sind ganz sicher viele, die wir einmal als Patienten gesehen haben. Immerhin besuchten uns allein in der allgemeinen Sprechstunde über 26.000 Patienten im letzten Jahr. Jedes Einzelschicksal dieser Menschen hat seine eigene Tragik. Selbst wenn ich versuche, den ein oder anderen kleinen Teil daraus zu erzählen, den ich an der Seite dieser Menschen als Ärztin erlebte, so bleibt uns das meiste dennoch verborgen und für uns Menschen einer “anderen Welt” zum großen Teil unverständlich.

Meine Arbeit in Kerfi neigt sich langsam dem Ende zu. Die Zeit vergeht zu schnell und zugleich zu langsam. Es bleibt wenig Zeit für noch so viel, das ich vorhabe und dennoch vergeht diese gleiche Zeit auch manchmal sehr langsam, wenn ich schon ab und zu in Gedanken nach Deutschland reise und an so banale Dinge wie Schokolade denke.
*Der eigentliche Unabhängigkeitstag war am 11. August 2010. Wie in vielen afrikanischen Ländern wurden die Feierlichkeiten jedoch aufgrund der Regenzeit verschoben, die im August in weiten Teilen des Landes (auch in Kerfi) zu Überschwemmungen geführt hat.

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Vorweihnachtszeit in Kerfi

Erinnern Sie sich noch an Mustafa und sein Bein, dass durch ein Tropenulkus auf dem Spiel stand? Ich sehe ihn wieder regelmäßig zum Verbandswechsel und die Wunde sieht nach dem Eingriff im Referenzkrankenhaus um einiges besser aus. Ich hoffe, dass ich es während meiner verbleibenden Zeit hier noch erleben kann, wie er vielleicht sogar auf seinen Beinen steht.

Das Klima hat sich hier mittlerweile verändert und es kühlt nachts deutlich ab, passend zur Vorweihnachtszeit, von der man hier sonst nichts mitbekommt, abgesehen vom immer wieder aufgegriffenen Thema, was wir denn als Weihnachtsessen kochen wollen und wie wir das organisatorisch hinbekommen, die entsprechenden Lebensmitteln aus der Landeshauptstadt zu uns zu schaffen, sofern dort vorhanden.  Man mag es kaum glauben, aber wir haben bereits Apfelstrudel und Weihnachtsplätzchen backen können.

Kerfi wird täglich lebendiger und es verkehren an Markttagen Lastwagen, die aus der Hauptstadt Ndjamena und aus der anderen Richtung bis hin aus dem Sudan kommen. Es geht entsprechend bunt in unserem Gesundheitszentrum zu. Sehr oft sind Leben und Tod nicht weit voneinander entfernt. Eltern aus einem 40km entfernten Dorf kamen heute völlig übermüdet mit ihrem drei Monate alten Kind an, das schwere Verbrennungen erlitten hat. Den gestrigen Tag und die Nacht über sind sie unermüdlich mit Esel und dem Nötigsten unterwegs zu uns gewesen. Marc, der Krankenpfleger und ich haben die Wundversorgung unter Narkose vornehmen müssen, da die Schmerzen unerträglich gewesen wären. Beide Beine waren bis zum Genitale mit großen Brandblasen übersät. Da hier weit und breit das offene Feuer die einzige Energiequelle vor allem zum Kochen darstellt, kommen Verbrennungen leider sehr häufig vor. Manchmal sind Kinder für ihr Leben lang entstellt, wenn unglücklicher Weise das Gesicht betroffen ist.

Nach dem Verband gehe ich zur Krankenstation um nach einem anderen Kleinkind schauen, dass gestern fast tot von der Mutter gebracht wurde. Es ist uns noch gelungen, das Kind bis heute so gut es geht zu stabilisieren, aber als ich die Mutter sehe, wie sie mit versteinerter Miene ihr Bündel packt, ahne ich Böses noch bevor ich das leblose Kind sehe.  Ich habe nicht viel Zeit darüber nachzudenken, denn es warten noch viele andere Patienten mit großen und kleinen Problemen.

Blick aus der Klinik.

Blick aus der Klinik.

Erst nachdem der letzte Patient gegangen ist, habe ich Zeit nachzudenken. Ich habe mich auf die Klinikstufen gesetzt, von denen man auf den geschäftigen breiten Weg sieht, der aus Kerfi hinausführt. Wie viele dieser Menschen suchen wohl vertrauensvoll, wie diese Mutter mit ihrem Kind, zunächst traditionelle Heiler (Marabus) auf, bevor sie zu uns kommen? Auch wenn wir hier mit relativ wenig Mitteln arbeiten können, so macht verlorene Zeit doch viel aus und stellt uns immer wieder vor Herausforderungen, denen wir leider nicht immer gewachsen sind.

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Kleiner Erfolg im Kampf gegen Polio

Polioimpfung

Polioimpfung

Impfungen sind für deutsche Verhältnisse selbstverständlich. Hier im Tschad muss man oft erstmal erklären wozu das überhaupt gut sein soll. Als wir neulich eine Polio-Impfkampagne des Gesundheitsministeriums unterstützt haben, mussten wir erstmal alle Dorfältesten bzw. Chef de village der umliegenden Dörfer einladen um den Ablauf zu erklären und um logistische Unterstützung beim Zusammentrommeln der Kinder zu bekommen. Das Team wurde aus unserem Personal in Zusammenarbeit mit den Mitarbeitern des Gesundheitsministeriums zusammengewürfelt. Das Chaos war also Vorprogrammiert!

Letztendlich freuten wir uns aber, dass knapp 2500 Kinder in Kerfi und fünf Kilometer Umkreis geimpft werden konnten. Der Haken dabei war, dass bei den einzelnen Teams zwischendurch immer wieder der Impfstoff ausging oder es ein Dorf gab, in das wir erst gar nicht hinfahren brauchten, da es bereits keinen Impfstoff mehr gab. Flächendeckend kann man den kleinen Impferfolg nicht nennen, doch vielleicht werden die Menschen, die wir hier doch ab und zu sehen mit ihren schlaffen Lähmungen als Folge einer Polio-Infektion weniger. In Deutschland gehört diese Erkrankung glücklicherweise den Geschichtsbüchern an.

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Mit dem Esel zur Geburt

Mittlerweile ist das Gesundheitszentrum nach den Fluten wieder für die Mehrheit der Menschen hier zugänglich. Teilweise kommen Menschen von über 20 km Entfernung per Esel, was bedeutet, dass sie am Vortag bereits aufbrechen müssen.

Mustafa habe ich in Absprache mit dem Chirurgen in unser Referenzkrankenhaus schicken können und ist, wie ich in Erfahrung bringen kann, gut in Goz Beida angekommen und auch behandelt worden. An dem Punkt habe ich die Luft angehalten bis der Chirurg mir die Auskunft gibt, dass er sein Bein vorerst behalten kann, wenngleich es auch kompliziert sein würde, bis die Heilung bei der jetzt noch größeren Wunde voranschreitet. Das bedeutet auch große Opfer für die Familie, da die Mutter weiterhin täglich mit Mustafa zum Verbandswechsel kommen muss. Da es sonst niemanden gibt, der diese Aufgabe übernehmen kann, ist für dieses Jahr eine wichtige Einnahmequelle der Familie durch das Fehlen der Mutter auf dem Feld verloren.
In dieser Woche bin ich abends ins Gesundheitszentrum gerufen worden. Eine Frau sei mit dem 8. Kind schwanger und hat seit drei Tagen Wehen. Erst jetzt ist sie zu uns zur Entbindung gekommen. Ich frage die notwendigen Fragen und stelle fest, dass die Situation wenig auf einen spontanen Geburtsverlauf hoffen lässt. Die Frau sei sehr erschöpft und der Muttermund kaum mehr als zwei cm geöffnet, nachdem die Fruchtblase bereits am morgen gesprungen sei. Die kindliche Herzfrequenz sei “zu schnell”. Ich schnappe mein Funkgerät und mache mich mit zwei Nachtwächtern, wie es unsere Sicherheitsregeln vorschreiben, auf den Weg zum Gesundheutszentrum. Immer, wenn ich spät abends oder nachts ins Gesundheitszentrum gerufen werde und ich unsere Wohnanlage hinter mir lasse, muss ich kurz innehalten und ehrfürchtig in den immer aufs Neue atemberaubenden afrikanischen klaren Sternenhimmel schauen. Irgendwo schreit ein Kind, Grillen zirpen und vereinzelt kommen mir noch Menschen entgegen, teilweise noch vom Feld mit ihren Harken auf der Schulter.

Im Kreißsaal angekommen bahne ich mir meinen Weg durch die Großfamilie, die mich erwartungsvoll anschaut. Entgegen deren Erwartungen schicke ich erstmal alle hinaus. Ich stelle noch einige Fragen an die Patientin und bekomme übersetzt, sie habe sieben Kinder, davon sei eines gestorben. Eine hier sehr normale Antwort ist “ich habe sechs Kinder, davon leben vier”. Darin sind Aborte meist nicht eingerechnet, die die Frauen hier oft gar nicht erst als solche wahrnehmen, da viele den Zeitpunkt der letzten Regel nicht kennen und oft glauben, es sei einfach eine verspätete Regelblutung. Nachdem ich die Patientin untersucht und mir ein Bild über die Lage verschafft habe entschließe ich mich für die Flucht nach vorne und gebe ein Wehenmittel. Eine Ewigkeit verschwindet die Patientin mit drei Begleiterinnen auf der Toilette. Die Frauen entbinden hier auf der Erde hockend, daher überrascht es nicht, dass die Frau wiederkommt und fragt, ob sie statt auf dem Entbindungsbett nicht auf den Boden Position beziehen dürfe. Nach etwas Räumerei (so groß ist der Raum nicht) machen wir es möglich und schieben noch eine kleine Bank hinter die Patientin, worauf sich eine der Begleiterinnen setzen soll, so dass sich die Patientin an sie anlehnen kann. Ich beziehe ebenfalls meinen Posten, vor der Schwangeren kniend, und versuche mit dem Hörrohr die kindlichen Herztöne unter den jetzt stärker werdenden Wehen zu verfolgen. Auch der Muttermund gehorcht und innerhalb kurzer Zeit können wir die letzte Phase der Geburt ansteuern. Ich bin beeindruckt, welche Kräfte diese Frau noch zu mobilisieren vermag, wenn man bedenkt, dass die Wehen bis zu diesem Moment bereits drei Tage angedauert haben, keine effektive Schmerzlinderung möglich ist und diese Frau dabei nicht einen Ton zum Ausdruck des Schmerzes herausbringt.

Es vergehen keine 10 Minuten und Kerfi bekommt einen weiteren Mitbürger.

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Mustafa

Mustafa leidet an Buruli Ulcus, Copyright: Kanya Gewalt

Mustafa leidet an Buruli Ulcus, Copyright: Kanya Gewalt

Mit dem langsamen Rückgang der Wasserspiegel in den Flüssen und Wadis um Kerfi wird es im Gesundheitszentrum etwas geschäftiger. Vom Husten, der mittlerweile endemischen Malaria bis sogar zum Tetanus ist alles möglich. Ein Schicksal trifft mich besonders. Mustafa, ein etwa 10 jähriger Junge ist vor der Regenzeit schon Stammgast bei uns gewesen. Es fing mit einer kleinen Wunde an, die nicht heilen wollte. Ich habe mir noch nicht viel dabei gedacht, als ein kleiner Junge mit einer verbundenen Wunde am Schienenbein von seinem Vater in den Verbandsraum getragen wird. Ich habe meine Visite noch nicht beendet, da soll ich in den Verbandsraum kommen. Mich schauen gequälte große Kinderaugen an und mein Blick wandert zum Bein, das auf der Verbandsvorrichtung aufgestellt ist. Ich schaue auf eine Wunde mit entblößten Knochen und bin erst mal sprachlos. Gedanken, wie „der arme Junge“, „das müssen schlimme Schmerzen sein“, „was ist das und was kann ich tun?“, „ist der Knochen schon entzündet“, „wird er überhaupt sein Bein behalten können?“ gehen mir durch den Kopf. Mustafa wird manchmal von seiner Mutter auf dem Esel gebracht, manchmal trägt ihn der Vater die vier oder fünf Kilometer zum Gesundheitszentrum, um die täglichen Verbände und Spritzen zu bekommen, die vielleicht bei diesem Buruli Ulkus (tropisches Geschwür)* helfen, vielleicht auch nicht.

Im Verbandsraum ist der Betrieb währenddessen in vollem Gange. Von großen und kleinen Schnittwunden, Pfählungsverletzungen und riesigen Eiterabszessen ist alles dabei. So bekomme ich hier die Hochsaison der Feldarbeit mit.

Als ich vom Gesundheitszentrum zurückgehe, sehe ich Menschen mit Sensen und anderen Ackerwerkzeugen, die von ihren Feldern kommen, denn jetzt ist Erntezeit für Mais.

Was würde wohl aus Mustafa werden, wenn er sein Bein verliert? Landwirtschaft bedeutet hier Lebensunterhalt und häufig einzige Überlebensmöglichkeit; da erübrigt es sich, die Dimension der Bedeutung vom Verlust eines Beines zu erklären. Auf Prothetik wage ich hier kaum zu hoffen.

Im Kontakt mit dem Medizinkoordinator in der Landeshauptstadt hoffe ich sehr, dass wir sehr bald eine Lösung für Mustafa finden können, der im übrigen nicht einmal die Schule besuchen kann, die einige Kilometer Fußmarsch entfernt liegt.

* Buruli Ulkus: Der Erreger ist wie bei Tuberkulose und Lepra ein Mycobakterium, durch das sich eine Art Geschwür unter oder auf der Haut bildet. Die Infektion zerstört Haut und Knochengewebe. Die Geschwüre müssen chirurgisch entfernt werden. Wegen ihrer Größe kann es zu Amputationen kommen.

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Aus dem Regen folgt die Flut

Von der Flut betroffene Kinder

Von der Flut betroffene Kinder

Man sagt, die Uhren ticken langsamer in Afrika, aber ich habe den Eindruck, dass die Zeit nur so an uns vorbeirauscht. Es sind nun schon bald vier Monate meines Einsatzes im Tschad vergangen und jeder Tag birgt neue Herausforderungen und stets ist viel zu tun.

Es sind schon bald sechs Wochen vergangen, seitdem wir eine Erkundung in Richtung Djolo, ca. 15 km von Kerfi gemacht haben. Das Ziel war es, unsere mangelernährten Patienten, die zu einem großen Teil aus diesem Dorf kommen, zu erreichen. Durch die Umstände der Flutungen ist es ihnen kaum möglich gewesen, zu uns zu kommen. Wir hören immer wieder von Menschen, die beim Versuch, den Fluss schwimmend zu überqueren, ertrinken. Mütter müssen auf diese Weise mit ihrem kranken Kind in einem holzartigen Korbgefäß, dass sie vor sich herschubsen, ihren Weg zu uns finden. Nicht selten müssen sie sich noch vor Tagesanbruch auf den Weg machen und kommen völlig erschöpft bei uns an.

Leider ist unser Versuch, diese Menschen zu erreichen, weitgehend gescheitert, und wir haben den Fluten nicht viel entgegenzusetzen. Wir sind resigniert umgekehrt, da die Wassermassen einfach zu groß waren, der Weg dadurch nur langsam zurückzulegen ist, und wir es an dem Tag vielleicht nicht mehr vor Anbruch der Dunkelheit zurückgeschafft hätten. So ist uns nichts anderes übriggeblieben, als im Gesundheitszentrum das Wegbleiben unserer mangelernährten Kinder frustriert zur Kenntnis zu nehmen und zu hoffen, dass wir sie wiedersehen und behandeln können, wenn die Wassermassen weniger werden. Die Mütter, die es mit ihren Kindern zu uns schaffen, erzählen uns von ihren überfluteten Häusern, der weggeschwemmten Ernte, dass sie nun versuchen, sich von den Wasserpflanzen zu ernähren. Folglich ist der Durchfall ein großes Problem, vor allem für die Kinder. Da auch die Malaria ihren Höhepunkt der Saison erreichen wird, sind weitere Probleme vorprogrammiert.

Im Gesundheitszentrum geht der Betrieb währenddessen weiter, und wir sehen täglich komplizierte Fälle, die mich trotz aller Geschehnisse hier erschrecken. Die Menschen kommen schon außerhalb der Regenzeit oft erst spät, wenn es bereits Komplikationen gibt, da oft der traditionellen Medizin Vorrang gewährt wird. Jetzt, während der Regenzeit und den zusätzlich erschwerten Bedingungen, erreichen uns diese Menschen oft noch viel später, da man es sich noch einmal mehr überlegen muss, ob man diesen beschwerlichen und nicht ungefährlichen Weg auf sich nimmt.

Erst kürzlich wurde morgens ein fast bewusstloses elfjähriges Kind von seiner Familie gebracht, die schon viele Stunden unterwegs war. Nur wenige Stunden später erliegt dieses Kind seiner komplizierten Malaria. Ich frage mich, wie viele Menschen uns erst gar nicht erreichen, weil sie vielleicht auf dem Weg oder noch zu Hause versterben.

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Fluten

Kanya Gewalt und Christa Därr während der Fluten im Tschad

Kanya Gewalt und Christa Därr während der Fluten im Tschad

Im Juli kam es zu Überschwemmungen, die immer noch anhalten: “Viele unserer Patienten in Kerfi sind nicht zurückgekommen, weil sie außerhalb der Stadt leben und durch die Überschwemmungen isoliert worden sind und nicht im Stande waren, unser Gesundheitszentrum zu erreichen. Die Leute im Tschad hat es damit doppelt unglücklich getroffen: Der ausbleibende Regen verursachte die Nahrungsmittelkrise, welche jetzt durch zu viel Regen verschlimmert wird”, sagt Dr. Edoh.

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Kadija

Anfangs ist allein schon eine Latrine eine echte Umstellung. Wir trinken aus Blechtassen und Mikrowelle, Fernseher, Mobilnetz sind hier völlig undenkbar. Täglich gegen 6:00 höre ich die sanften unbeschlagenen Pferdehufe, wenn wir unser Wasser auf dem Pferdekarren geliefert bekommen. Eine Oberfläche ohne eine mehr oder weniger dünne Sandschicht gibt es kaum. Wir haben neuerdings fließendes Wasser, ein Maßstab für Fortschritt und schierer Luxus hier.

Überhaupt scheint alles hier nach völlig anderen Prinzipien zu funktionieren. Was hier schnell zu verstehen ist, sind die vielen Probleme, die zumeist aus dem täglichen Leben in Armut heraus entstehen.  Auf dem täglichen Weg zum Gesundheitszentrum treffen wir hauptsächlich Kinder, von denen fast jedes abgewetzte Kleidung (wenn überhaupt) und nur wenige Schuhe tragen. Die Frauen, die uns unterwegs begegnen, balancieren gekonnt ein Tablett mit Verkaufsware oder einen Wassereimer auf ihren Köpfen, als hätten sie das mit den ersten Laufschritten gelernt. Die farbenfrohen Gewänder der Frauen bringen leuchtende Farben in das zumeist sandfarbene Umfeld. Und wenn man dann noch genauer hinsieht, dann ist hinten unter der obersten Schicht Stoff eine winzige Silhouette von Kind zu sehen, dass um die Taille gebunden ist, außerdem Frauen, Männer und Kinder jeder Altersgruppe, die auf bepackten Eseln oder Kamelen an uns vorbeiziehen.

Und dann sehe ich zum ersten mal in meinem Leben ein Kind, Kadija, sterben. Für die Antibiotikatherapie, die wir nach der Visite beginnen wollten da dieses schwer mangelernährte Mädchen auch noch Durchfall hatte, war es schon zu spät.

Selbst wenn man glaubt, man käme damit zurecht, dass Patienten sterben, so ist es doch etwas völlig anderes und gemäß unserem Verständnis wider die Natur, wenn es ein Kind ist, das noch ein ganzes Leben vor sich haben könnte. Am gleichen Morgen berichtet der Nachtdienst von der Ankunft einer Familie am Abend zuvor, die zu dritt aus einem entfernter gelegenen Dorf auf dem Motorrad angereist kam. Als die Mutter das Kind aus dem Tuch hob, das um ihren Rücken gebunden war, kam jede Hilfe zu spät. Das Kind war bereits unterwegs auf dem Rücken seiner Mutter gestorben.

Warten im Gesundheitszentrum

Wartende im Gesundheitszentrum

Auf dem Rückweg vom Gesundheitszentrum winken mir wie gewohnt Kinder mit strahlendem Lächeln auf den kleinen Gesichtern und rufen mir „Salamaleikum, ca va?“ zu. An dem Tag fiel es mir ungewohnt schwer, ein ebenso unbeschwertes Lächeln zu entgegnen. Das war bisher einer der schwierigsten Tage seit meiner Ankunft im Tschad.

Eine schwere Geburt

Drei Wochen später, an einem Wochenende, warte ich um 13:30 verzweifelt auf eine Ambulanz aus Goz Beida. Eine 17 jährige Nomadin ist am Mittag mit Wehen zur Klinik gekommen. Sie erwartet ihr erstes Kind und hat bereits seit sechs Tagen Wehen. Der Muttermund ist seit 11:30 auf vier Zentimeter eröffnet und die Geburt geht nicht weiter voran. Zusätzlich zum Geburtsstillstand entwickelt die Frau Fieber und die Herzfrequenz des Kindes ist deutlich beschleunigt, was auf eine Infektion des Kindes deutet.

Normalerweise erwarten wir die Ambulanz je nach Straßensituation innerhalb von 40-60 Minuten, eine Zeitspanne, die ein hohes Risiko für Mutter und Kind bergen kann. Nach unzähligen Kontakten nach Goz Beida mit erheblichen Kommunikationsproblemen erfahren wir, dass die Ambulanz auf halber Strecke einen Unfall gesehen hat und umkehrt ist, um die verunglückte Person zurück ins Krankenhaus zu bringen. In der Zwischenzeit versuchen wir so gut es geht, die Frau, die von den Wehen schon völlig erschöpft ist, mit Medikamenten zu unterstützen. Glücklicherweise sind die Herztöne des Kindes stets hörbar.  Durch die schlechten Straßenbedingungen verlieren wir weiterhin kostbare Zeit, während die junge Frau tapfer mit ihren Wehen kämpft. Um 18:00 bekommen wir nach beharrlichen Nachfragen endlich die Bestätigung, die Ambulanz sei auf dem Weg. Wahrscheinlich wäre die Patientin letztendlich schneller auf dem Kamel gewesen, denke ich sarkastisch. So hatte sie nämlich  mit ihrer Familie bereits die beschwerliche Strecke zu unserem Gesundheitszentrum zurückgelegt.

Diese Situation ist ein für mich völlig neues Gefühl der Hilflosigkeit. Am liebsten hätte ich den Kaiserschnitt schon vor vier Stunden selbst gemacht, aber dafür haben wir in dem auf medizinische Grundversorgung ausgerichteten Gesundheitszentrum nicht die Mittel. So hoffe ich, erstens, dass die Ambulanz es nach Kerfi schafft, zweitens, dass sie das Flussbett passieren kann, drittens, dass die Frau durchhalten möge und, wenn ich noch einen Wunsch offen haben möge, dass das Kind das Ganze überlebt!

Und dann lösen sich plötzlich alle Probleme auf wundersame Weise, als am nächsten Morgen um 7:43 ein gesunder Junge zur Welt kommt. Die Ambulanz hatte übrigens eine Panne, wie wir später erfahren, und es so nie nach Kerfi geschafft.

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