von Dr. Unni Karunakara, internationaler Präsident von Ärzte ohne Grenzen

Was zur Bekämpfung von Tropenkrankheiten tatsächlich nötig ist

Anlässlich der im Januar 2012 in London abgehaltenen Konferenz "Uniting To Combat Tropical Diseases" (Vereint im Kampf gegen Tropenkrankheiten) erschien folgender Gastbeitrag in der Huffington Post:

Das Durchführen einer Lumbalpunktion in einer abgelegenen Gesundheitsstation irgendwo in Afrika ist eine nervenaufreibende Angelegenheit. Mit einer Nadel in die Wirbelsäule des Patienten zu stechen, um Rückenmarksflüssigkeit zu entnehmen, ist für den Patienten sowohl schmerzvoll als auch mit Risiken verbunden - und auch für den Arzt eine große Herausforderung.

Dennoch müssen unsere Ärzte dieses Verfahren jeden Tag als Teil von Routinetests auf das fortgeschrittene Stadium der Schlafkrankheit durchführen. Es verlangt auch den Patienten viel ab. Als ich für das Programm zur Behandlung der Schlafkrankheit von Ärzte ohne Grenzen in der Demokratischen Republik Kongo zuständig war, konnte ich beobachten, dass manchmal bereits die Aussicht auf eine derartige Untersuchung für die Patienten zu viel war und sie lieber die Flucht ergriffen, als sich der Prozedur zu unterziehen.

Daher begrüßen wir von Ärzte ohne Grenzen die Zusagen, die am Montag, den 30. Januar, in London gemacht wurden. Diese beinhalten die Absicht, die Schlafkrankheit bis zum Jahr 2020 endgültig zu besiegen - sowie weitere neun sogenannte vernachlässigte Krankheiten zu eliminieren oder zu bekämpfen.

Ärzte ohne Grenzen behandelt in seinen Projekten die Schlafkrankheit sowie weitere lebensbedrohliche Krankheiten, die auch in London Gegenstand der Diskussion waren - unter ihnen die Chagas-Krankeit und Kala Azar. Und obwohl wir uns über die Aufmerksamkeit freuen, die diesen Krankheiten jetzt geschenkt wird, sind wir doch gleichzeitig besorgt darüber, dass die Konferenz ein zu simples Bild davon vermittelt, wie wir diese Krankheiten endgültig loswerden können.

Arzneimittelspenden allein reichen nicht aus

Die Fortführung und Ausweitung von Arzneimittelspenden durch die pharmazeutische Industrie werden ein Teil der Lösung sein, um einige der betrachteten Krankheiten zu bekämpfen und um viel menschliches Leid zu lindern. Allerdings wird diese Strategie nicht die Schwierigkeiten bei Krankheiten wie der Chagas-Krankheit, Kala Azar, oder der Schlafkrankheit zu bewältigen, deren Behandlung mit großen Herausforderungen verbunden ist. Um diesen lebensbedrohlichen Krankheiten wirksam zu begegnen, ist die Verteilung von Medikamenten allein nicht ausreichend - wir müssen zum einen in hohem Maße in nationale Früherkennungs- und Behandlungsprogramme und zum anderen in die Entwicklung neuer und verbesserter Diagnostik und Medikamente investieren.

Einer Umfrage aus dem Jahr 2011 zufolge wurden von der Pharmaindustrie insgesamt 20,2 Millionen US-Dollar in die Erforschung und Entwicklung der vernachlässigten Krankheiten investiert, die Gegenstand der Diskussion bei der Konferenz waren. Dies mag sich zunächst nach viel anhören, allerdings belaufen sich allein die Ausgaben für die Entwicklung eines einzigen Medikaments den großen Pharmafirmen zufolge auf durchschnittlich 1,3 Milliarden US-Dollar.

Die Schlafkrankheit ist ein Beispiel für die vielen Herausforderungen, die bewältigt werden müssen, bevor wir überhaupt anfangen können, darüber nachzudenken, eine Krankheit endgültig zu besiegen. In den vergangenen Jahren hat es bei der Behandlung deutliche Fortschritte gegeben: Inzwischen verzichten wir weitgehend auf das schreckliche Melarsoprol zur Behandlung - ein Arsenderivat, das dem Patienten injiziert wird und das derart ätzend ist, dass es sogar die Kunststoffspritzen angreift. Aber sogar einige der verbesserten Medikamente, die wir gegenwärtig verwenden, müssen durch mehrmalige Infusionen verabreicht werden. Das erfordert speziell ausgebildetes Personal und normalerweise ein Krankenhaus - beides eher Luxus an den meisten Orten, an denen die Schlafkrankheit auftritt.

Um einen bedeutende Fortschritt bei der Behandlung dieser Krankheiten zu erzielen, wären Medikamente erforderlich, die oral eingenommen werden und die an einfachen Gesundheitsstationen ausgegeben werden können. Die gute Nachricht ist, dass sich bei einer innovativen Produktentwicklungs-Partnerschaft - der "Drugs for Neglected Diseases initiative (DNDi)" - derzeit zwei aussichtsreiche Medikamente in der Entwicklung befinden, die die notwendigen Eigenschaften haben könnten. Die Initiative wird unter anderem von der britischen Regierung unterstützt.

Finanzierungsprobleme bei Behandlung der Schlafkrankheit

Neue Diagnostika und Medikamente werden zukünftig helfen. In der Zwischenzeit sind die einzige realistische Option zur Behandlung der Schlafkrankheit spezielle mobile medizinische Teams, die in die betroffenen Regionen reisen, um Test- und Behandlungsprogramme durchzuführen. Denn die meisten Patienten leben in entlegenen Regionen fragiler Staaten wie der Demokratischen Republik Kongo, der Zentralafrikanischen Republik und dem Südsudan. Trotz dieser schwierigen Rahmenbedingungen und geringer finanzieller Ausstattung haben diese mobilen Teams Großes geleistet. Im Jahr 2010 wurden weniger als 7.200 Fälle der Schlafkrankheit gemeldet, und die Zahlen sinken weiter. Aber die Behandlungsprogramme sind derzeit in Gefahr: Belgien, das wichtigste Geberland für das Schlafkrankheitsprogramm in der Demokratischen Republik Kongo, hat angekündigt, die Finanzierung 2013 einzustellen.

Auch die Programme zur Früherkennung bleiben dramatisch unterfinanziert - wahrscheinlich liegt die Anzahl der tatsächlichen Krankheitsfälle dreimal höher als die der bekannten Fälle. Erfahrungen aus der Vergangenheit zeigen, dass die Anzahl der Fälle ohne adäquate Früherkennungs- und Behandlungsprogramme wieder drastisch steigen könnte.

Sollte die Eliminierung dieser Krankheit tatsächlich ernst gemeint sein, dann sind ausreichend finanzierte Behandlungsprogramme nötig, die Früherkennung und Überwachung mit einschließen, außerdem eine anhaltende Unterstützung für innovative Produktentwicklungspartnerschaften wie DNDi, um neuere und verbesserte Medikamente und Diagnostika bereit zu stellen, sowie bessere Strategien, um bezahlbare Medikamente für Patienten in armen Ländern zu entwickeln. Staatliche Institutionen und internationale Organisationen müssen dabei eine Führungsrolle übernehmen und ihre Anstrengungen hinsichtlich der Entwicklung und Aufrechterhaltung dieser Programme intensivieren.

Solange wir diese zahlreichen Herausforderungen nicht angehen, die deutlich weitreichender sind als auf der Konferenz in London suggeriert, werden wir noch eine ganze Zeit auf das Verschwinden von Krankheiten wie Kala Azar, Chagas oder der Schlafkrankheit warten müssen. Und so lange werden diese Krankheiten weiterhin tausende Menschen peinigen.

Teilen

Vervielfältigen