Democratic Republic of the Congo

"Sexuelle Gewalt muss aufhören"- Interview mit Programmleiterin Katrien Coppens

Mitte Juni haben Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen in der Provinz Süd-Kivu in der Demokratischen Republik Kongo erneut Opfer einer Massenvergewaltigung behandelt. Ähnliche Vorfälle hatte es schon Anfang des Jahres gegeben. Katrien Coppens, Programmleiterin von Ärzte ohne Grenzen für die D. R. Kongo, erläutert, wie im konfliktgebeutelten Osten des Landes Zivilisten zu Opfern von Gewalt werden.

Ein Team von Ärzte ohne Grenzen hat nach einer neuerlichen Massenvergewaltigung in der Region Fizi in Süd-Kivu über hundert Frauen behandelt …

Ja, wir haben sofort ein medizinisches Team in die Region geschickt, als uns Berichte über eine Massenvergewaltigung erreichten. Unglücklicherweise war es schon zu spät für die Verabreichung einer Post-Expositions-Prophylaxe (PEP) gegen eine HIV-Infektion, die bei Ärzte ohne Grenzen zu einer Standard-Behandlung nach einer Vergewaltigung gehört. Sie kann vor einer HIV-Übertragung schützen, muss aber innerhalb von 72 Stunden nach dem Übergriff erfolgen. Auch für die 'Pille danach' war es bereits zu spät, da diese innerhalb von fünf Tagen eingenommen werden muss. Wir konnten aber die Opfer gegen sexuell übertragbare Krankheiten sowie ihre körperlichen Verletzungen behandeln.

Am Morgen, als wir ankamen, war eine große Gruppe von Menschen im Dorf Abala versammelt, die auf medizinische Behandlung wartete. Alle Frauen erzählten uns, dass sie zwischen dem 9. und 12. Juni 2011 vergewaltigt worden waren. Am nächsten Tag fuhren wir ins benachbarte Dorf Nakiele, dessen Einwohner uns eine ähnliche Geschichte erzählten. Unser Team blieb schließlich zwei Tage dort und nicht, wie geplant, nur einen, um die hohe Anzahl von Frauen, die ins Gesundheitszentrum kamen, behandeln zu können. Anschließend begab sich das Team in das Dorf Kanguli und behandelte weitere Frauen. Zwei von ihnen wiesen ernsthafte Komplikationen in Folge der Vergewaltigung auf.

Was sind die medizinischen Folgen dieser Art von Gewalt?

Zusätzlich zu den erlittenen körperlichen Verletzungen gibt es zahlreiche medizinische Folgen sexueller Gewalt, wie das erhöhte Übertragungsrisiko von HIV/Aids, ungewollte Schwangerschaft, sexuell übertragbare Infektionen und schwere Komplikationen im Falle einer Schwangerschaft. Bei Frauen, die zum Zeitpunkt des Übergriffs bereits schwanger sind, besteht die Gefahr, dass sie das Kind verlieren.

Angststörungen, Albträume und psychosomatisch bedingte Schmerzen sind nur einige der psychosozialen Probleme, die Opfer sexueller Gewalt erfahren. Für Frauen bedeutet das Stigma einer Vergewaltigung oft Zurückweisung von ihrer Familie, oft sogar vom ganzen Dorf. Opfer sexueller Gewalt, die sich isoliert fühlen und Schande empfinden, können in der Folge auch unter wirtschaftlicher Not leiden.

Warum passieren so häufig Massenvergewaltigungen in der D. R. Kongo?

Die Situation ist durch den andauernden Konflikt im Osten sehr komplex und schwierig. Seit Jahren erleben die Zivilisten hier Vertreibungen, Plünderungen, Unsicherheit und Gewalt, ausgelöst durch die Kämpfe und Aktivitäten verschiedener bewaffneter Akteure, die in der Region umherziehen und sich von der lokalen Bevölkerung nehmen, was sie brauchen, und Angst und Terror verbreiten.

Seit Anfang dieses Jahres hat Ärzte ohne Grenzen etwa 500 Opfer von Massenvergewaltigungen allein in der Region Fizi in der Provinz Süd-Kivu behandelt. Es ist sehr frustrierend mit anzusehen, wie Zivilisten, die nichts mit dem Konflikt zu tun haben, so leiden müssen. Die Rolle von Ärzte ohne Grenzen ist es, die Opfer von Vergewaltigungen bestmöglich medizinisch zu versorgen. Zusätzlich betreiben wir unsere regulären medizinischen Aktivitäten in der Stadt Bakara und Umgebung. 2011 haben wir mehr als 50.000 Patienten in unseren Gesundheitseinrichtungen hier versorgt und mehr als 3.000 Patienten im von Ärzte ohne Grenzen unterstützten Krankenhaus behandelt.

Es bereitet mir Sorge, dass die Fälle von Massenvergewaltigungen in Süd-Kivu ansteigen. Alle beteiligten Konfliktparteien müssen verstehen, dass Vergewaltigung ein Verbrechen ist. Sexuelle Gewalt gegen Zivilisten ist absolut inakzeptabel und muss aufhören.

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